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5 Fragen an Frank Sembowski über sein Buch und das Persönlichkeitsrecht

Libe­ra­li­sie­rung psy­cho­ak­ti­ver Sub­stan­zen – War­um ein Umden­ken drin­gend erfor­der­lich ist“ ist im Sep­tem­ber 2017 im Nacht­schat­ten Ver­lag erschie­nen. Für #mybrain­my­choice beant­wor­te­te er 5 Fra­gen rund um sein Buch und das Per­sön­lich­keits­recht.

Lese­zeit: 5 Minu­ten


mybrain­my­choice: War­um und für wen hast du das Buch geschrie­ben?

Frank Sem­bow­ski: Dass die Pro­hi­bi­ti­on wei­ter­hin auf­recht­erhal­ten wird und kein Umden­ken in den Krei­sen der Ent­schei­der statt­fin­det, liegt nicht zuletzt an der weit ver­brei­te­ten Unwis­sen­heit. Die Vor­aus­set­zung für den ehr­li­chen und sach­li­chen Umgang mit dem The­ma psy­cho­ak­ti­ve Sub­stan­zen sind für mich ver­läss­li­che Argu­men­te. Mit mei­ner Arbeit woll­te ich die­se bereit­stel­len. Ich lege die wis­sen­schaft­li­chen Fak­ten offen und erläu­te­re wich­ti­ge Zusam­men­hän­ge. Das Buch ist an die­je­ni­gen gerich­tet, die sich grund­le­gend infor­mie­ren möch­ten, aber auch an die­je­ni­gen, die ihre Frei­heit zurück­ge­win­nen wol­len und die es als not­wen­dig erach­ten, dass Geset­ze ratio­nal begrün­det wer­den und auf wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen beru­hen. Ein poli­ti­sches Sys­tem, das nicht für die Frei­heit des Bewusst­seins ein­steht, kann in mei­nen Augen weder als human noch als demo­kra­tiefä­hig ange­se­hen wer­den. Indem man sich für die Libe­ra­li­sie­rung psy­cho­ak­ti­ver Sub­stan­zen ein­setzt, stärkt man letzt­lich auch das demo­kra­ti­sche Prin­zip.

Libe­ra­li­sie­rung ist ein Begriff, mit dem oft Unter­schied­li­ches asso­zi­iert wird. Was ver­stehst du dar­un­ter und war­um hast du ihn für den Buch­ti­tel gewählt?

Der Begriff libe­ral trägt dem selbst­ver­ant­wort­li­chen Han­deln des Men­schen Rech­nung und ach­tet die Frei­heit der Per­sön­lich­keit. Im Kon­text des Gebrauchs psy­cho­ak­ti­ver Sub­stan­zen drückt der Begriff zusätz­lich aus, dass zwi­schen den Inter­es­sen der Gemein­schaft und den Inter­es­sen des Indi­vi­du­ums best­mög­lich ver­mit­telt wird. Unter der Libe­ra­li­sie­rung wären Ver­kauf, Besitz, Erwerb und Gebrauch psy­cho­ak­ti­ver Sub­stan­zen grund­sätz­lich erlaubt, das Erschei­nungs­bild aber genau gere­gelt. Die Libe­ra­li­sie­rung möch­te sich der Über­prüf­bar­keit stel­len und greif­ba­re und nach­voll­zieh­ba­re Vor­tei­le erbrin­gen, zu denen bei­spiels­wei­se die Ein­füh­rung einer Alters­gren­ze, eine Kenn­zeich­nungs­pflicht, geschul­tes Ver­kaufs­per­so­nal und all­ge­mei­ne Qua­li­täts­kon­trol­len gehö­ren. Somit läge die­ses Modell zwi­schen dem jet­zi­gen, restrik­ti­ven Modell und der in die­sem Zusam­men­hang oft genann­ten Lega­li­sie­rung. Letz­te­re ver­ste­he ich so, dass sie Frei­hei­ten schafft, aber nicht gestal­tend ein­greift. Das ist ledig­lich mein Ver­ständ­nis der Begrif­fe – ande­re mögen sie abwei­chend defi­nie­ren.

Ein Teil des Buches beschäf­tigt sich mit den Unter­schie­den zwi­schen Abhän­gig­keit, Sucht und Krank­heit. War­um sind die begriff­li­chen Unter­schei­dun­gen in der dro­gen­po­li­ti­schen Dis­kus­si­on wich­tig?

Im offi­zi­el­len poli­ti­schen Sprach­ge­brauch, in wis­sen­schaft­li­chen Publi­ka­tio­nen, aber auch im All­tag wer­den die Begrif­fe Abhän­gig­keit, Sucht und (ergän­zend) Miss­brauch so ver­wen­det, als ob kei­ner­lei Zwei­fel dar­über bestün­de, was mit ihnen gemeint ist. Tat­säch­lich decken sie ein extrem brei­tes Bedeu­tungs­spek­trum ab und ber­gen die Gefahr, miss­ver­ständ­lich zu sein. Hin­zu kommt, dass die Eti­ket­ten Abhän­gig­keit und Sucht im offi­zi­el­len Sprach­ge­brauch der WHO einen Bedeu­tungs­wan­del erfah­ren haben. Man kann die aktu­el­le Defi­ni­ti­on nicht mehr ohne Wei­te­res mit der all­täg­li­chen Ver­wen­dung die­ser Begrif­fe in Ein­klang brin­gen. Gera­de, wenn man über etwas so Ver­brei­te­tes wie den Gebrauch psy­cho­ak­ti­ver Sub­stan­zen redet, soll­te man aber dem gän­gi­gen Wort­ver­ständ­nis Rech­nung tra­gen. Indem ich bei dem Begriff Abhän­gig­keit von der her­kömm­li­chen Bedeu­tung aus­ge­gan­gen bin, war es mir mög­lich, den Gebrauch psy­cho­ak­ti­ver Sub­stan­zen mit ande­ren bewusst­seins­ver­än­dern­den Zustän­den in Ein­klang zu brin­gen, zu denen bei­spiels­wei­se die Nah­rungs­auf­nah­me, die Sexua­li­tät und das Ver­lan­gen nach Schlaf gehö­ren.
Ähn­lich ver­hält es sich mit dem Begriff Krank­heit. Der leicht­fer­ti­ge Umgang mit die­sem Begriff setzt in der Dis­kus­si­on eine welt­an­schau­li­che Deu­tungs­ho­heit in Kraft, die es in der wis­sen­schaft­li­chen Lite­ra­tur so nicht gibt. Men­schen auf­grund des Kon­sums ille­ga­li­sier­ter Sub­stan­zen unter­schieds­los zu behand­lungs­be­dürf­ti­gen Objek­ten zu erklä­ren ist leicht als poli­ti­sche Stra­te­gie erkenn­bar. Man möch­te Sub­s­tanz­kon­sum nega­tiv beur­teilt sehen. Das eigent­lich Bekla­gens­wer­te ist jedoch, dass durch die­se Ein­stu­fung die Ursa­chen pro­ble­ma­ti­scher Ver­hal­tens­wei­sen ver­nach­läs­sigt wer­den oder unent­deckt blei­ben. Gro­ßen Ein­fluss auf das Wohl­be­fin­den einer Per­son üben Begleit­fak­to­ren aus – nicht allein die Sub­stanz trägt hier­zu bei. Gesund­heit und Krank­heit sind aus­ge­spro­chen viel­schich­ti­ge Phä­no­me­ne, bei denen man immer die sub­jek­ti­ve Ein­schät­zung der Betrof­fe­nen ein­be­zie­hen soll­te. Die Sicht­wei­se der Betrof­fe­nen außen vor zu las­sen, ist Ergeb­nis der Vor­ein­ge­nom­men­heit und Welt­fremd­heit der in die­sem Sin­ne argu­men­tie­ren­den Pro­hi­bi­ti­ons­be­für­wor­ter.

Im Buch heißt es: „Psy­che­de­li­ka lei­ten die See­len­rei­sen­den nicht in eine vor­ge­ge­be­ne Rich­tung, sie besei­ti­gen indi­vi­du­el­le men­ta­le und emo­tio­na­le Hin­der­nis­se. Die Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung bleibt zeit­le­bens ein akti­ver Pro­zess, der bis­wei­len irri­tie­rend und schmerz­haft sein kann. Gera­de aber weil die Resul­ta­te oft unvor­seh­bar sind, kön­nen sie dem per­sön­li­chen Fort­schritt die­nen.“ (S. 74) Das Per­sön­lich­keits­recht ist dir – unter den vie­len Aspek­ten des Dro­gen­ge­brauchs und -han­dels – ein beson­de­res Anlie­gen. War­um?

Ist es nicht trau­rig und lach­haft zugleich, dass der Mensch mit sei­nem erstaun­li­chen Bewusstseins­po­ten­zi­al alles nur Erdenk­li­che unter­nimmt, die Ent­fal­tung eben die­ses Poten­zi­als zu unter­drü­cken? Von Geburt an üben Fami­lie, Gesell­schaft, Staat, Poli­tik und Reli­gi­on unge­heu­re Zwän­ge auf uns aus – zu kei­nem Zeit­punkt sind wir ganz Mensch, ganz Sou­ve­rän über unser eige­nes Bewusst­sein. Das Recht auf die freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit ist in mei­nen Augen das Recht, als Mensch mit allen dem Men­schen gege­be­nen Fähig­kei­ten exis­tie­ren zu dür­fen. Mit Per­sön­lich­keits­recht ist hier also nicht ein schran­ken­lo­ser Indi­vi­dua­lis­mus gemeint, son­dern ein Zustand der Frei­heit, der als Aus­gangs­ba­sis dient, sich selbst zu erken­nen. Wenn psy­cho­ak­ti­ve Sub­stan­zen bedacht­sam und klug ein­ge­setzt wer­den, kön­nen sie dazu bei­tra­gen, men­ta­le und emo­tio­na­le Bar­rie­ren zu über­win­den. Unser Grund­ge­setz hat hier­für die Vor­aus­set­zun­gen geschaf­fen, indem es die Eigen­stän­dig­keit der Per­son aner­kennt und sie vor den Über­grif­fen des Staa­tes schützt. Dies ist eine der Leh­ren, die man aus dem Natio­nal­so­zia­lis­mus gezo­gen hat. Dass sich der Gebrauch psy­cho­ak­ti­ver Sub­stan­zen in der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Wirk­lich­keit nun gänz­lich anders gestal­tet als ursprüng­lich beab­sich­tigt, habe ich zum Anlass genom­men, mich für die Rich­tig­stel­lung ein­zu­set­zen.

Du legst im Buch dar, inwie­fern der Gebrauch psy­cho­ak­ti­ver Sub­stan­zen zur Mensch­heit (und auch zu eini­gen Tier­ar­ten) dazu­ge­hört. Wie wür­dest du dir eine Mensch­heit vor­stel­len, in der es kei­ne psy­cho­ak­ti­ven Sub­stan­zen gibt und nie gab?

Wir wür­den alle gegen die Höh­len­wand star­ren, an Kno­chen nagen und uns vor den Schat­ten fürch­ten. Aber Spaß bei­sei­te: Ich gehe nicht so weit zu behaup­ten, dass psy­cho­ak­ti­ve Sub­stan­zen eine Art bio­lo­gi­scher Rich­tungs­wei­ser waren. Die­se Annah­me hal­te ich zum jet­zi­gen Zeit­punkt für spe­ku­la­tiv. Psy­cho­ak­ti­ve Sub­stan­zen tru­gen jedoch ohne Zwei­fel zu der einen oder ande­ren Visi­on bei und grif­fen in die his­to­ri­sche Ent­wick­lung des Men­schen ein. Dadurch, dass sie unser Leben berei­cher­ten, ange­neh­mer gestal­te­ten und die Sicht auf die Umwelt immer wie­der modi­fi­zier­ten, leis­te­ten sie einen Bei­trag zur kul­tu­rel­len, geis­ti­gen und spi­ri­tu­el­len Ent­wick­lung der Mensch­heit.
Das soll nicht besa­gen, dass psy­cho­ak­ti­ve Sub­stan­zen ihren Auf­trag erfüllt hät­ten. Die Mensch­heit bedarf ihrer mehr denn je. Was die Ver­seu­chung und Ver­un­stal­tung des Pla­ne­ten anbe­langt, haben wir bereits gan­ze Arbeit geleis­tet. Mei­ner Ansicht nach befin­den wir uns auf dem Pfad der Selbst­ver­leug­nung und der kul­tu­rel­len Selbst­zer­stö­rung. Feh­ler, die wir jetzt bege­hen, sind mög­li­cher­wei­se nicht mehr kor­ri­gier­bar. Es wun­dert mich daher nicht, dass auf dem Boden unse­rer Leicht­sin­nig­keit und spi­ri­tu­el­len Armut rück­wärts­ge­wand­te, auf­klä­rungs­feind­li­che Reli­gio­nen und Ideo­lo­gi­en, aber auch eine blin­de Tech­no­lo­gie- und Kon­sum­gläu­big­keit Ein­zug hal­ten. Wir benö­ti­gen in vie­ler­lei Hin­sicht einen radi­ka­len Per­spek­tiv­wech­sel. Ich mei­ne, dass uns die Erneue­rungs­kräf­te eini­ger psy­cho­ak­ti­ver Sub­stan­zen – allen vor­an die­je­ni­gen der Ent­heo­ge­ne und Psy­che­de­li­ka – vor noch fol­gen­schwe­re­ren Dumm­hei­ten bewah­ren kön­nen.

Vie­len Dank!

Das Inter­view führ­te Phi­li­ne Edbau­er.

 

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