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Bild: Thomas Charters via Unsplash

Das Monopol der Drogenbeauftragten kippen – Ein Bericht über Heino Stövers Vortrag

Ein Bei­trag von Com­mu­ni­ty-Mit­glied N.N. über Hei­no Stö­vers poli­ti­sche For­de­run­gen für akzep­tie­ren­de Dro­gen­ar­beit und ver­hee­ren­de Fol­gen der Stig­ma­ti­sie­rung von Kon­su­mie­ren­den. Der Sozi­al­wis­sen­schaf­ter hielt den Vor­trag mit dem Titel „Den Weg zu Ende gehen“ bei der Chill Out e. V. Fach­ta­gung “Die Segel set­zen! – Akzep­tie­ren­de Dro­gen­ar­beit und Dro­gen­po­li­tik 2.0” im Novem­ber 2017.

Lese­zeit: 9 Minu­ten


Im Novem­ber 2017 hielt Prof. Dr. H. Stö­ver den Vor­trag „Den Weg zu Ende gehen“(i) zu akzep­tie­ren­der Dro­gen­ar­beit und dro­gen­po­li­ti­schen For­de­run­gen. Die­sen Vor­trag möch­te ich hier wie­der­ge­ben. Da der Vor­trag sich an Akti­ve der Dro­gen­ar­beit rich­te­te, die tag­täg­lich tief in der Mate­rie ste­cken, habe ich mir ein paar spar­sa­me Ergän­zun­gen erlaubt, um man­ches etwas greif­ba­rer zu machen. Nach ein paar Wor­ten zu Hei­no Stö­ver und sei­nem wis­sen­schaft­li­chen Gewicht folgt der Inhalt sei­nes Vor­trags begon­nen bei den erreich­ten Fort­schrit­ten der Dro­gen­po­li­tik. Im Anschluss dann die offe­nen Pro­ble­me und Not­wen­dig­kei­ten zu Ver­än­de­run­gen in Hin­blick auf Can­na­bis, Alko­hol und Niko­tin sowie in der Dro­gen­ar­beit mit Kon­su­men­tIn­nen „har­ter“ Dro­gen.

Mit der ent­ste­hen­den neu­en Bun­des­re­gie­rung erwar­tet die Dro­gen­po­li­tik nicht gera­de eine pro­gres­si­ve Mor­gen­rö­te. Jens Spahn ist für eher kon­ser­va­ti­ve Posi­tio­nen bekannt und bei Mar­le­ne Mort­ler wis­sen wir immer­hin schon recht genau, was uns erwar­tet – um ein gutes Haar an der Sache zu las­sen.
Umso drin­gen­der bleibt der Ruf von Hei­no Stö­ver nach einer Gegen­öf­fent­lich­keit, um „das Mono­pol der Dro­gen­be­auf­trag­ten zu kip­pen“, als ein­zi­ge offi­zi­el­le Instanz „Deutsch­land die Dro­gen zu erklä­ren“ und den amt­li­chen Ver­laut­ba­run­gen fun­dier­te Fak­ten ent­ge­gen­zu­stel­len.

Hei­no Stö­ver ist Sozi­al­wis­sen­schaft­ler und schrieb bereits 1982 sei­ne Diplom­ar­beit über „Per­spek­ti­ven einer Ent­kri­mi­na­li­sie­rung von Dro­gen­kon­su­men­ten“ und pro­mo­vier­te 1992 magna cum lau­de über „Prä­mis­sen, Pra­xis und Poli­tik einer akzep­tie­ren­den Dro­gen­hil­fe und effek­ti­ven HIV/AIDS-Prä­ven­ti­on für intra­ve­nös (i.v.) kon­su­mie­ren­de Dro­gen­ge­brau­che­rIn­nen“. Seit 2009 ist er Pro­fes­sor für Sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Sucht­for­schung an der Frank­furt Uni­ver­si­ty of App­lied Sci­en­ces und geschäfts­füh­ren­der Direk­tor des Insti­tuts für Sucht­for­schung Frank­furt (ISFF). Außer­dem wirkt er als Sach­ver­stän­di­ger in Land­ta­gen, im Bun­des­tag und EU-Par­la­ment. Sei­ne Publi­ka­tio­nen beschäf­ti­gen sich neben Sub­stan­zen auch mit Glücks­spiel, und über­grei­fend mit Harm Reduc­tion, Prä­ven­ti­on und Gesund­heits­för­de­rung, außer­dem mit alters- und gen­der­spe­zi­fi­schen Betrach­tun­gen und Gesund­heits­för­de­rung in Haft.(ii)

Den Weg zu Ende gehen“ titel­te Prof. Dr. Hei­no Stö­ver sei­nen Vor­trag.
Zu Ende? Ja, denn beschrit­ten wird der Weg fort von der repres­si­ven Dro­gen­po­li­tik und Absti­nenz­fi­xie­rung der Dro­gen­ar­beit seit vie­len Jah­ren, und vom Anfang an betrach­tet, kön­nen sich eini­ge Erfol­ge auch sehen las­sen:
So genann­te „gerin­ge“ Men­gen Can­na­bis zum Eigen­ge­brauch müs­sen nicht straf­recht­lich ver­folgt wer­den, die als „gering“ erach­te­te Men­ge vari­iert aller­dings je nach Bun­des­land zwi­schen sechs und zehn Gramm, „Kann-Rege­lun­gen“ erlau­ben teils eine Ein­stel­lung auch noch bis zu 30 Gramm(iii). Für die medi­zi­ni­sche Anwen­dung ist Can­na­bis 2017 sogar zum ver­schrei­bungs­fä­hi­gen Arz­nei­mit­tel gewor­den.
Harm Reduc­tion, also die Ver­min­de­rung und Ver­mei­dung gesund­heit­li­cher Fol­ge­schä­den durch den Kon­sum ille­ga­li­sier­ter Sub­stan­zen, ist inzwi­schen als tra­gen­der Teil der Dro­gen­ar­beit akzep­tiert. Es gibt Kon­sum­räu­me für Kon­su­men­tIn­nen ille­ga­li­sier­ter Dro­gen, es gibt Ange­bo­te für die Ver­sor­gung mit ste­ri­len Kon­su­mu­ten­si­li­en, auch anonym am Auto­mat, denn ein Drit­tel der Auto­ma­ten­nut­ze­rIn­nen wür­de nicht in eine Bera­tungs­stel­le oder einen Kon­takt­la­den gehen wol­len. HIV-Neu­in­fek­tio­nen brei­ten sich unter allen Risi­ko­grup­pen am gerings­ten bei den intra­ve­nös kon­su­mie­ren­den Dro­gen­ge­brau­che­rIn­nen aus, was als kla­rer Erfolg die­ser Maß­nah­men gel­ten kann.
Die Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lung für Opi­oidab­hän­gi­ge ist inzwi­schen die Behand­lung ers­ter Wahl und straf­recht­li­che Gefah­ren für behan­deln­de Ärz­tIn­nen sind mit Inkraft­tre­ten einer wei­te­ren Novel­le der Betäu­bungs­mit­tel­ver­schrei­bungs­ver­ord­nung (BtMVV) 2017 wesent­lich ver­rin­gert wor­den.
Aber es bleibt eben noch viel zu tun auf dem Weg zu einer wirk­lich huma­nen Dro­gen­po­li­tik.

Eine gro­ße Lücke gleich zu Beginn: Was teil­wei­se bis völ­lig fehlt, ist die wis­sen­schaft­li­che Beglei­tung und der Nach­weis der Wirk­sam­keit.
In der prak­ti­schen Dro­gen­ar­beit herr­schen viel guter Wil­le und der Glau­be, das Rich­ti­ge zu tun. Leit­li­ni­en wer­den ent­wi­ckelt, um die Res­sour­cen effi­zi­ent und wirk­sam ein­zu­set­zen. Die Über­prü­fung der Metho­den anhand von Stu­di­en mit unbe­han­del­ten Kon­troll­grup­pen schließt sich aber schon aus ethi­schen Grün­den aus.
Die Dro­gen­po­li­tik steht da aber nicht bes­ser da. Zwi­schen der Kon­sum­prä­va­lenz, also dem Vor­kom­men von Kon­sum, und ver­schärf­ten oder gelo­cker­ten gesetz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen lässt sich im euro­päi­schen Ver­gleich kein Zusam­men­hang fest­stel­len.
Anm. N.N.: Wer also behaup­tet, durch fort­ge­setz­te Pro­hi­bi­ti­on dem Kon­sum in der Bevöl­ke­rung wirk­sam ent­ge­gen­zu­tre­ten, muss sich min­des­tens die Fra­ge nach der Quel­le gefal­len las­sen.
Eine Über­prü­fung der Dro­gen­po­li­tik auf ihre nach­weis­ba­re Wirk­sam­keit und dann eine Neu­aus­rich­tung auf erwie­se­ner­ma­ßen wirk­sa­me Ansät­ze sind drin­gend nötig!
Erst recht unter dem Gesichts­punkt, dass star­ke Pro­hi­bi­ti­on in Bezug auf sozia­le und gesund­heit­li­che Aus­wir­kun­gen ver­gleich­bar schäd­lich ist, wie tota­le Frei­ga­be, der Schwarz­markt ist dem völ­lig frei­en Markt eben­bür­tig und umge­kehrt. Eine ver­nünf­ti­ge, evi­denz­ba­sier­te gesetz­li­che Regu­lie­rung, wie von vie­len Sei­ten geor­dert, ist hin­ge­ge­gen in der Lage, die Schä­den durch Dro­gen­kon­sum zu mini­mie­ren. Im Vor­trag lau­tet der Unter­ti­tel des Punkts Dro­gen­po­li­tik bezeich­nend: „Ohne Regu­lie­rung geht es nicht!“

Die lega­le Situa­ti­on von Can­na­bis ist, allen Regu­lie­rungs­de­bat­ten und der neu­en Mög­lich­keit zur ärzt­li­chen Ver­schrei­bung zum Trotz, nach wie vor ver­hee­rend. Die poli­zei­li­che Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik weist jähr­lich neue his­to­ri­sche Höchst­zah­len für Ver­stö­ße gegen das Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz (BtMG) aus. Mehr als ¾ aller Ver­stö­ße sind soge­nann­te „kon­sum­na­he Delik­te“, also der Erwerb oder Besitz zum Eigen­be­darf. Dem heh­ren Anspruch, mit der Straf­ver­fol­gung die Struk­tu­ren von Han­del und Schmug­gel aus­zu­trock­nen, kann die Rea­li­tät offen­bar nicht gerecht wer­den, statt Hin­ter­män­nern wer­den User ver­folgt.
Bezo­gen auf Can­na­bis gilt: 60% aller BtMG-Delik­te sind Delik­te im Zusam­men­hang mit Can­na­bis. 80% der BtMG-Ver­stö­ße im Zusam­men­hang mit Can­na­bis sind all­ge­mei­ne Ver­stö­ße, also wie­der­um in ers­ter Linie Erwerb und Besitz zum Eigen­be­darf. Obwohl andau­ernd Ver­su­che unter­nom­men wer­den, Modell­pro­jek­te durch­zu­füh­ren oder Can­na­bis­kon­troll­ge­set­ze zu eta­blie­ren, erreicht die Straf­ver­fol­gung seit Jah­ren jedes Jahr neue Rekor­de an kri­mi­na­li­sier­ten Can­na­bis­kon­su­men­tIn­nen. Knapp ein Drit­tel der betrof­fe­nen Kon­su­men­tIn­nen sind Jugend­li­che und Her­an­wach­sen­de unter 21 Jah­ren(iv). Wie bereits ein­gangs erwähnt, ist es von Bun­des­land zu Bun­des­land unter­schied­lich, mit wel­cher Men­ge Can­na­bis das Risi­ko, „erwischt“ zu wer­den, gera­de noch erträg­lich ist. Wie übri­gens in der Dro­gen­hil­fe auch gibt es bei der Straf­ver­fol­gung von Can­na­bis ein Nord-Süd- sowie ein West-Ost-Gefäl­le. Von Gleich­be­hand­lung kei­ne Spur.

Dabei for­dern bun­des­weit Kom­mu­nen die Frei­ga­be zu Genuss­zwe­cken und haben Fach­ge­sell­schaf­ten an ihrer Sei­te. Die Regu­lie­rung ist über einen Vor­stoß von Weni­gen längst hin­aus und, so Stö­ver: „Nicht mehr auf­zu­hal­ten“. Kon­zep­te für eine regu­lier­te Dro­gen­ab­ga­be lie­gen dabei eben­falls schon vor und sehen je nach Sub­stanz Abga­be in Läden/​Apotheken, Soci­al Clubs, spe­zia­li­sier­ten Geschäf­ten (vgl. das skan­di­na­vi­sche Kon­zept zum Alko­hol­ver­kauf), Kon­sum­räu­me oder ärzt­li­che Ver­schrei­bung vor(v).

Gleich­be­hand­lung fehlt auch anders­wo. Der gesell­schaft­li­che Umgang mit dem Rausch, die Akzep­tanz des Sich-Berau­schens unter­schei­det sich extrem dar­in, wel­che Sub­stanz die/​der Ein­zel­ne dabei bevor­zugt, einen Zustand abseits von nüch­tern zu errei­chen. Wäh­rend bei Can­na­bis immer wie­der selbst das Wie­der­auf­tre­ten von Rau­scher­schei­nun­gen Wochen nach dem Kon­sum behaup­tet wird, ist der zykli­sche Voll­rausch mit „kon­trol­lier­tem Kon­troll­ver­lust“ (Stö­ver) bei Alko­hol die akzep­tier­te Norm. Das hat fata­le Fol­gen bei der Behand­lung von Kon­sum­stö­run­gen: Wäh­rend zwi­schen dem Beginn eines pro­ble­ma­ti­schen Kon­sum­mus­ters und dem Beginn der Behand­lung bei Can­na­bis im Schnitt neun Jah­re ver­ge­hen, sind es bei Alko­hol 15–20 Jah­re.

Die Absti­nenz­fi­xie­rung ist bei Alko­hol noch wesent­lich stär­ker als bei der The­ra­pie ande­rer Abhän­gig­kei­ten, kon­trol­lier­tes Trin­ken tut sich mit der Akzep­tanz als berech­tig­ter Ansatz noch schwer. Obwohl aus dem Ansatz auch Selbst­kon­troll­pro­gram­me ent­wi­ckelt wur­den, die z.B. als „KISS – Kon­trol­le im Selbst­be­stimm­ten Sub­stanz­kon­sum“ auch bei schwer mehr­fach Abhän­gi­gen äußerst erfolg­reich Anwen­dung fin­den, ent­wi­ckelt sich ein Trans­fer in die ande­re Rich­tung nur zöger­lich. Jugend­ar­beit ist pri­mär prä­ven­tiv aus­ge­rich­tet und ent­wi­ckelt nur lang­sam auch Metho­den zur Ver­mitt­lung von Kon­sum­kom­pe­tenz beim Kon­sum von Alko­hol.(vi) „Nas­se“ Ein­rich­tun­gen, in denen das Trin­ken von Alko­hol zumin­dest in Gren­zen tole­riert wird, oder siche­re Trink­um­ge­bun­gen sind noch kaum über sel­te­ne Pilot­pro­jek­te hin­aus­ge­kom­men. Es gilt, die gemach­ten Erfah­run­gen zu trans­fe­rie­ren und Kon­zep­te der Harm Reduc­tion, die sich bei den „gefähr­li­chen Dro­gen“ bewährt haben, auch bei den nicht weni­ger risi­ko­rei­chen lega­len Sub­stan­zen Tabak und Alko­hol umzu­set­zen.

Beim Tabak wur­den mit Prä­ven­ti­ons­pro­gram­men beacht­li­che Erfol­ge erzielt und die Zahl jugend­li­cher Rau­che­rIn­nen nimmt seit Jah­ren ab. Jedoch traut man sich offen­bar ähn­li­che Pro­gram­me, die über Infor­ma­ti­on zu einer mün­dig getrof­fe­nen eige­nen Ent­schei­dung für oder gegen Kon­sum füh­ren, bei ande­ren Sub­stan­zen nicht zu.

Bei „Dro­gen“, also allem außer Alko­hol und Tabak, kur­sie­ren immer noch Hor­ror­sto­ries von sofor­ti­ger Abhän­gig­keit, die ein­zi­ge mög­li­che Fol­ge auch nur von Pro­bie­ren sei­en Sucht und Abhän­gig­keit. Sol­che Begrif­fe aber „schla­gen alle Türen zu“ (Stö­ver), denn Sucht, das sind die Ande­ren, aber doch nicht man selbst. Pro­ble­me im Zusam­men­hang mit dem Kon­sum zu ent­wi­ckeln ist nichts, an das jemand denkt, die/​der eine Sub­stanz pro­biert oder ab und an kon­su­miert. Die Art und Wei­se, wie sei­tens Insti­tu­tio­nen über „Dro­gen“ gespro­chen wird, han­delt immer nur von abnor­mem Ver­hal­ten, erklärt Sub­stanz­kon­sum an sich zum Krank­heits­bild. Dro­gen­kon­su­men­tIn­nen wird fak­tisch die Fähig­keit zur selb­stän­di­gen Ent­schei­dung abge­spro­chen. Damit wer­den aber als ers­tes die­je­ni­gen abge­schreckt, die eine sinn­vol­le, wert­freie und ziel­of­fe­ne Bera­tung mög­li­cher­wei­se nötig hät­ten. Das gro­ße Stig­ma und Tabu um die „Dro­gen“ erhöht die Hemm­schwel­le, Bera­tung zu Dro­gen und Dro­gen­kon­sum auf­zu­su­chen – heißt es doch ein­deu­tig, dass man ein Pro­blem hat, sich nicht mehr allei­ne hel­fen kann und sich einem Hil­fe­sys­tem aus­lie­fern muss.

Eine sinn­vol­le Prä­ven­ti­on lässt die Selbst­be­stim­mung bei den Kon­su­men­tIn­nen und spricht ihnen auch Selbst­kon­troll­fä­hig­kei­ten zu. Sie för­dert die Selbst­wirk­sam­keit, anstatt ein­sei­tig Ver­bots- und Kon­troll­sze­na­ri­en auf­zu­bau­en. Eine ziel­of­fe­ne Bera­tung, die die Kom­pe­ten­zen der Dro­gen­ge­brau­che­rIn­nen ernst nimmt und för­dert, kann pro­ble­ma­ti­sche Kon­sum­mus­ter erfolg­reich über­win­den hel­fen – wenn die Bera­tung recht­zei­tig und ohne uner­wünsch­te Fol­gen in Anspruch genom­men wer­den kann. Dazu gehört auch, den Kon­sum als Teil der Iden­ti­täts­ent­wick­lung zu akzep­tie­ren, der je nach Sub­kul­tur auch „dazu gehört“. Nicht nur im Jugend­al­ter, egal wann jemand eine Dro­gen­be­ra­tung auf­sucht, soll­te der Fokus auf die Selbst­wirk­sam­keit gelegt wer­den, also die Kom­pe­tenz und Fähig­keit zur Kon­trol­le über das eige­ne (Konsum-)Verhalten. Pro­gram­me wie KISS = Kon­trol­le im Selbst­be­stimm­ten Sub­stanz­kon­sum sind eva­lu­iert wor­den und zei­gen, wie erwähnt, gro­ße und nach­hal­ti­ge Erfol­ge. Das Prin­zip dahin­ter ist die För­de­rung der Refle­xi­on über den eige­nen Kon­sum. Mit dem Ziel eines dis­zi­pli­nier­ten, geplan­ten und limi­tier­ten Sub­stanz­ge­brauchs spre­chen die Pro­gram­me eine Ein­la­dung zur Ver­än­de­rung aus, ver­bun­den mit dem Ange­bot, die Fähig­kei­ten zum Selbst­ma­nage­ment zu ver­mit­teln, aber ohne auto­ri­tä­res Vor­ge­hen und direk­ti­ve Befeh­le.

Die bewähr­ten Kon­zep­te der Harm Reduc­tion und die gemach­ten Fort­schrit­te gilt es in der Dro­gen­ar­beit zu erhal­ten, und auf ihnen auf­zu­bau­en, um teils ver­hee­ren­de Lücken zu schlie­ßen:

  • Kon­sum­räu­me sind in ihren Regu­la­ri­en zu restrik­tiv und zu wenig ver­brei­tet. Gera­de Jugend­li­che, die von früh­zei­ti­gen Hilfs­an­ge­bo­ten in einem akzep­tie­ren­den Umfeld stark pro­fi­tie­ren könn­ten, haben meist kei­nen Zutritt zu Kon­sum­räu­men. Auch sub­sti­tu­ier­te Dro­gen­kon­su­men­tIn­nen, die durch Misch­kon­sum meh­re­rer Sub­stan­zen beson­ders gefähr­det sind, eine Über­do­sie­rung zu erlei­den, sind bis auf NRW von der Nut­zung von Kon­sum­räu­men aus­ge­schlos­sen. Zehn Bun­des­län­der ver­hin­dern die Ein­rich­tung von Kon­sum­räu­men immer noch kom­plett, teils mit der haar­sträu­bend feh­ler­haf­ten Argu­men­ta­ti­on, es gäbe kei­ne Evi­denz für ihre lebens­ret­ten­de Wir­kung (Bay­erns Gesund­heits­mi­nis­te­rin Huml).
  • Die Sub­sti­tu­ti­on hat enor­me Fort­schrit­te in der Akzep­tanz gemacht und gilt nicht mehr wie frü­her als Kunst­feh­ler, son­dern als Behand­lung der ers­ten Wahl. Aber nur ein klei­ner Bruch­teil aller Ärz­tIn­nen, die die Berech­ti­gung zur Sub­sti­tu­ti­on erwor­ben haben, bie­ten die­se auch aktiv an, und die prak­ti­zie­ren­den Sub­sti­tu­ti­ons­ärz­tIn­nen sind meist kurz vor oder schon im Ren­ten­al­ter. In Flä­chen­län­dern oder länd­li­chen Regio­nen wer­den Wege von zum Teil über 100 km nötig, um eine/​n Behand­le­rIn für Sub­sti­tu­ti­on zu fin­den – die/​der min­des­tens wöchent­lich auf­ge­sucht wer­den muss! Das Behand­lungs­re­gime in der Sub­sti­tu­ti­on ist sel­ten von part­ner­schaft­li­cher Zusam­men­ar­beit geprägt. Als Sank­ti­on wer­den Frei­hei­ten beschnit­ten und sogar das Sub­sti­tu­ti­ons­me­di­ka­ment redu­ziert oder gar nicht ver­ge­ben; die Pati­en­tIn­nen kla­gen über ent­wür­di­gen­de Behand­lung, Ver­let­zun­gen der Pri­vat­sphä­re, und vie­les mehr.(vii)
  • Gera­ten Abhän­gi­ge in Haft, sind ihre Chan­cen auf eine Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lung wesent­lich gerin­ger als in Frei­heit. Auch lau­fen­de Behand­lun­gen wer­den abge­bro­chen oder kurz­fris­tig been­det. Obwohl die Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten ganz und gar kein dro­gen­frei­er Raum sind und ein bemer­kens­wert hoher Anteil Dro­gen­kon­su­mie­ren­der in der Haft über­haupt erst anfängt, Dro­gen auch intra­ve­nös zu gebrau­chen, gibt es nur in einer ein­zi­gen JVA ein Sprit­zen­tausch­pro­gramm bzw. einen Sprit­zen­au­to­ma­ten.
  • Nalo­xon als siche­res und ver­hält­nis­mä­ßig ein­fach zu ver­wen­den­des, lebens­ret­ten­des Not­fall­me­di­ka­ment bei Opi­oid-Über­do­sie­run­gen ist nur in zwei Bun­des­län­dern für Lai­en über­haupt ver­füg­bar. Obwohl es kein Miss­brauchs­po­ten­zi­al hat und die Ver­füg­bar­keit beleg­bar nicht zu einem ris­kan­te­ren Dro­gen­kon­sum führt, gab es sogar Beschwer­den von Ärz­tIn­nen gegen die Ver­schrei­bung von Nalo­xon an geschul­te, dro­gen­ge­brau­chen­de Lai­en. Für Lai­en ist Nalo­xon im Dro­gen­not­fall aber unver­zicht­bar, da eine Beat­mung durch Lai­en nicht oft gelingt. Not­ärz­tIn­nen hin­ge­gen könn­ten auf Nalo­xon auch ver­zich­ten. 2018 will aus­ge­rech­net das Hard­li­ner-Land Bay­ern in vier Städ­ten ein Nalo­xon-Modell­pro­jekt auf­le­gen. Von kri­ti­scher Sei­te wird der Ver­dacht geäu­ßert, dass das Nalo­xon-Pro­jekt als Mög­lich­keit genutzt wird, die Ein­rich­tung von Kon­sum­räu­men auch in Zukunft zu ver­hin­dern. Eine Initia­ti­ve zur bes­se­ren Ver­füg­bar­keit von Nalo­xon ist zwar zu begrü­ßen, jedoch ist es eigent­lich nur ein Mit­tel der drit­ten Wahl und struk­tu­rel­le Ver­bes­se­run­gen der Harm Reduc­tion wären vor­zu­zie­hen, zum Bei­spiel durch mehr Kon­sum­räu­me.

(i) Hei­no Stö­ver – „Den Weg zu Ende gehen…“ – Her­aus­for­de­run­gen für die akzep­tie­ren­de Dro­gen­ar­beit und dro­gen­po­li­ti­sche For­de­run­gen. Vor­trag beim Chill­Out-Fach­tag am 24.11.2017. Foli­en ver­füg­bar: http://​chill​out​-pdm​.de/​v​e​r​e​i​n​/​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​u​n​g​e​n​/​d​o​k​u​m​e​n​t​a​t​i​o​n​-​f​a​c​h​t​a​g​u​n​g​2​0​17/, letz­ter Zugriff 03.02.2018

(ii) Pro­fes­so­ren­sei­te Hei­no Stö­ver, Pro­fes­sor für sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Sucht­for­schung. Frank­furt Uni­ver­si­ty of App­lied Sci­en­ces (2018). http://​www​.frank​furt​-uni​ver​si​ty​.de/​f​a​c​h​b​e​r​e​i​c​h​e​/​f​b​4​/​k​o​n​t​a​k​t​/​p​r​o​f​e​s​s​o​r​i​n​n​e​n​/​h​e​i​n​o​-​s​t​o​e​v​e​r​.​h​tml und Unter­sei­ten, ins­be­son­de­re CV: http://www.frankfurt-university.de/fileadmin/de/Fachbereiche/FB4/Ansprechpartner/ProfessorInnen/Stoever/CV_Prof._Dr._Heino_St%C3%B6ver_22.03.pdf, letz­ter Zugriff: 03.02.2018

(iii) Hanf­ver­band: Bun­des­land-Ver­gleich der Richt­li­ni­en zur Anwen­dung des § 31a BtMG. Online: https://​hanf​ver​band​.de/​i​n​h​a​l​t​e​/​b​u​n​d​e​s​l​a​n​d​-​v​e​r​g​l​e​i​c​h​-​d​e​r​-​r​i​c​h​t​l​i​n​i​e​n​-​z​u​r​-​a​n​w​e​n​d​u​n​g​-​d​e​s​-​s​s​-​3​1​a​-​b​tmg, letz­ter Zugriff 06.03.2018

(iv) Hans Cous­to & Hei­no Stö­ver (2017): Repres­si­on und kein Ende? Eine Wür­di­gung der aktu­el­len poli­zei­li­chen Zah­len zur Kri­mi­na­li­sie­rung von Dro­gen­ge­brau­chern. In: akzept e.V. (Hrsg.): 4. Alter­na­ti­ver Dro­gen- und Sucht­be­richt 2017. Len­ge­rich: Pabst, S. 47–55

(v) deutsch­spra­chi­ge Kurz­fas­sung „Nach dem Krieg gegen Dro­gen – Model­le für einen regu­lier­ten Umgang“ von Trans­form (http://​www​.tdpf​.org​.uk/) her­aus­ge­ge­ben vom Bun­des­ver­band ‚Akzep­tie­ren­de Dro­gen­ar­beit und huma­ne Dro­gen­po­li­tik – akzept e.V.‘

(vi) Bene­dikt Stur­zen­he­cker (2012): „Bier-Bil­dung“ – Assis­tenz der Selbst­bil­dung von Jun­gen zum The­ma Alko­hol in der Jugend­ar­beit. In: akzept e.V. (Hrsg.): 4. Alter­na­ti­ver Dro­gen- und Sucht­be­richt 2017. Len­ge­rich: Pabst, S. 110–122

(vii) Dirk Schäf­fer, Maria Prie­be, JES-Bun­des­vor­stand (2016): Daten­schutz und pati­ent invol­ve­ment in der Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lung. Akzep­tanz­ori­en­tier­te Dro­gen­ar­beit/Ac­cep­tan­ce-Ori­en­ted Drug Work 2017;14:1–7, online: www​.indro​-online​.de/​s​c​h​a​e​f​f​e​r​p​r​i​e​b​e​2​0​1​7​.​pdf, letz­ter Zugriff 03.02.2018

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