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Rede: Über Lust, Freiheit und Entstigmatisierung

Die #mybrainmychoice-​Rede von Philine auf der Tanzdemo 2019, Berlin:

Dauer: 5 Minuten


Jede*r hat irgendeine Meinung zu Drogen, und früher oder später stellt sich in Gesprächen heraus, dass die jetzige Drogenpolitik zwar nicht das Wahre ist, aber das Verbot muss für ja irgendwas gut sein und ganz bestimmt schützt es immerhin die Jugend… Wenn ich dann anfange, über die positiven Seiten von Drogenerfahrungen zu sprechen, ohne gleich danach negative Erfahrungen zu betonen, wird einigen Leuten unwohl. Es gibt eine große Panik vor Verharmlosung. Man müsse doch auch immer über Sucht und Gefahren sprechen, wenn man über Drogen spricht.

Verharmlosung ist tatsächlich aber die Rechtfertigung und Fortführung der jetzigen Drogenpolitik. Und nein, die Repression ist für nichts gut, auch nicht für die Jugend.

Die Probleme kommen ja nicht von den Drogen selbst, soweit wir sie eigentlich mögen, sondern vom Verbot: nicht wissen, was drin ist, wie viel wovon, Angst vorm Erwischt werden, tatsächlich erwischt werden, mangelnde Möglichkeiten, Antworten auf Fragen zu erhalten, Safer Use Material ist nicht verbreitet und es ist wenig bekannt, dass es sowas überhaupt gibt.

Bei der Initiative #mybrainmychoice machen wir uns Gedanken darüber, wie wir Stigmatisierung und schlechter Drogenpolitik im Kleinen entgegenwirken können und wir versuchen, Drogenpolitik überhaupt zu einem Thema zu machen, über das mehr Leute sprechen, die es eigentlich schon besser wissen. Ein Weg raus aus dem Drogenkrieg ist, über positive und bereichernde Erfahrungen ehrlich und offen zu sprechen, also darüber, wie die meisten Drogenkonsum ihr Leben lang erfahren. Aber über Lust zu sprechen, wie auch beim Sex, ist ein Tabu.

Und alle scheinen ein Bedürfnis zu verfolgen, eine Meinung darüber zu haben, was für andere Menschen gut oder schlecht ist. Wir haben bei uns selbst die Tendenz, uns für Freude und Lust zu rechtfertigen. Ich nehme Drogen, aber nicht so viel und nur am Wochenende… Und dabei müssen wir aber zwangläufig andere stigmatisieren, die nach irgendeinem Maßstab zu viele Drogen nehmen oder die falschen.

Eine positive oder aufgeschlossene Haltung zu Drogen fehlt auch in den Wissenschaften. Es fehlt Forschung darüber, wie man positive oder bereichernde Erfahrungen verbreiten und beste Bedingungen schaffen kann.

Offen über Drogen oder Sex zu sprechen, ist für Konservative oder unsere eigenen Gewohnheiten eine Provokation. Aber ist es nun in unser aller Verantwortung, über unsere Erfahrungen zu sprechen, ohne andere abzuwerten, um der Stigmatisierung entgegen zu wirken? Nein. Ob man sich offen zum eigenen Drogenkonsum bekennen möchte, ist eine Frage von Privilegien, nicht zuletzt, um sich die Polizei und Staatsanwaltschaften vom Leib zu halten. Wir haben aber Räume, in denen wir uns und von Tabus freimachen und herausfinden können, was für ein Leben wir führen wollen, ob nun mit Drogen oder ohne – und ich spreche hier auch von Alkohol – ob mit mehr oder weniger. Oder um gerade mal über nichts nachzudenken und einfach die Musik zu genießen. Diese Räume sind Freiheit. Lassen wir sie uns nicht weggentrifizieren.

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