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Bild: Nick Ansted

MBMC episode 30

Letztes Wochenende hatten wir im V‐​Cake in Dresden einen tollen Abend. Ein paar der dort besprochenen Themen fasse ich in diesen News nochmal auf: den Vergleich psychoaktiver Substanzen auf ihr Risikopotenzial, Drogenkonsum unter Tieren und E‐​Zigaretten. Desweiteren geht es in dieser Episode um Erkenntnisse über Rassismus in der Drogenpolitik in UK und unsere nächsten Veranstaltungen.


Die angedachte Video‐​Aufnahme in Dresden hat aus technischen Gründen dann leider nicht geklappt, wie vor Ort ja schon erkennbar war. Falls deswegen nun Fragen offen bleiben, schreibt mir einfach.

GRENZEN DES SUBSTANZENVERGLEICHS ODER: „WILLST DU WIRKLICH ALLE SUBSTANZEN LEGALISIEREN – AUCH DIE HARTEN?“

Immer wieder mal kommen in Gesprächen Vorstellungen zum Schädigungspotenzials von Substanzen im Vergleich zueinander auf. Z.B. „Müsste Alkohol nicht verboten sein und Cannabis legal?“, „Weil Crystal Meth so gefährlich ist, muss die Polizei sich darauf konzentrieren“ oder in der Legalisierungsdebatte vielleicht am populärsten: „Willst du wirklich alle Substanzen legalisieren? Cannabis versteh ich ja, aber die harten Drogen müssen doch verboten bleiben“ und dabei die Idee, dass es „harte“ und „weiche“ unter den illegalen Drogen gebe.

Die Befürchtung von Gefahren sollte kein Indikator die Intensität von Repression sein: Wo sind der logische Zusammenhang oder Belege, dass Repression schädliche Konsummuster reduziert? Der Vergleich des tatsächlichen Schädigungspotenzials hilft aber immerhin, Irrtümer zu berichtigen. David Nutts Untersuchung wird immer wieder angeführt, weil er wissenschaftlich als der akkurateste anerkannt ist und Aha‐​Momente auszulösen vermag.
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Alkohol ist wegen seines Fremdschädigungspotenzials No. 1. Das Schädigungspotenzial von XTC, LSD und Pilzen ist relativ gering. An dieser Stelle möchte ich wiedergeben, was Nutt und sein Team selbst als Grenzen der Untersuchung herausgestellt hat. (David Nutt, „Drugs without the hot air“, 2012: 30ff.) Diese vier Aspekte finde ich sehr wichtig anzuerkennen, um eben nicht aus dem Vergleich abzuleiten, dass die Drogenpolitik an sich schon okay ist, die Substanzen nur falsch kategorisiert sind.

  1. Es wurde nur das Schädigungspotenzial verglichen, nicht aber der mögliche Nutzen.
  2. Der Vergleich ist durch den (il-)legalen Status beeinflusst, z.B. die Kategorien „loss of tangibles“ (Arbeitsplatz, Wohnung) und „crime“ (bei der Beschaffung und im Rausch) würden sich unter legalem Zugang, also ohne potenzielle Folgen wegen Strafgesetzen, anders ergeben.
  3. Mischkonsum, der ja üblich ist, wird nicht berücksichtigt.
  4. Die Art der Nutzung wird nicht berücksichtigt. Drogennutzer*innen sind keine homogene Gruppe: Regelmäßigkeit, Anlässe, soziale Kontexte und Persönlichkeiten unterscheiden sich.

WAS IST MIT DER E‐​ZIGARETTEN?

Zigarettentabak hat ein hohes Schädigungspotenzial, ganz klar. Was aber ist mit E‐​Zigaretten? Die Drogenbeauftragte warnt im aktuellen Drogen‐ und Suchtbericht der Bundesregierung vor steigendem Gebrauch und streut Zweifel über die Schädlichkeit. Fatal, wo doch die E‐​Zigarette tatsächlich ein fantastisches Mittel der Harm Reduction ist, anders gesagt: Für Menschen, die ans Rauchen gewöhnt sind, kann sie eine gesundheitsschonende Option zum Um‐ oder Aussteigen sein. Prof. Heino Stöver: „Wenn in Deutschland über 60% glauben, die E‐​Zigarette sei ähnlich schädlich wie die konventionelle Zigarette, dann ist hier etwas schiefgelaufen. Information und Aufklärung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) waren zu zögerlich und haben die Um‐ und Ausstiegswilligen nicht beraten oder begleitet.“ (Innocigs​.de) Eine Übersicht zum Forschungsstand und der politischen Situation in Deutschland gibt er in seiner Präsentation „Harm Reduction und Tabak –Potentiale und Probleme“.

THE COLOUR OF INJUSTICE

Die US‐​amerikanischen Drogenpolitik als rassistisches Instrument ist immer wieder mal Thema (bspw. in Ava DuVernays Film „Der 13.“ und in Michelle Alexanders Buch „The New Jim Crow“). Der Bericht der Organisationen Release und StopWatch und der International Drug Policy Unit der LSE (London School of Economics and Political Science) bringt nun Licht in den Rassismus in der Ausführung der britischen Drogenpolitik. Hier könnt ihr die Main Findings nachlesen und den Bericht runterladen.

DROGENKRIEG IN RIO DE JANEIRO

Vom Y‐​Kollektiv gibt es eine sehr gute, neue Reportage zum Thema Drogen. Julia Jaroschewski und und Sonja Peteranderl berichten vom Drogenkrieg in der Favela Rocinha in Rio de Janeiro.

WELTWEITE LESUNG

Passend zum Thema Drogenkriege freuen wir uns, euch unsere übernächste Veranstaltung ankündigen zu können. Am 24.11. schließen wir uns dem weltweiten Aufruf der Peter‐​Weiss‐​Stiftung und des Internationalen Literaturfestivals ein, eine Lesung für eine neue Drogenpolitik zu halten. Der Ort ist wie gewohnt der gemütliche Vétomat in Fhain. Den Ablauf besprechen Julia und ich am kommenden Dienstag, den 30.10. Wenn du den Abend mitgestalten möchtest, komm unbedingt vorbei!

Bei diesem Aufruf kann sich jede*r anschließen. Wenn du in deinem Umfeld auch eine Lesung veranstalten möchtest und noch keine Veranstaltungserfahrung hast, kontaktier uns gerne und wir schauen, wo wir dich unterstützen können.

TIERE, DIE DROGEN NEHMEN

Abschließend zum Drogenkonsum unter nicht‐​menschlichen Tieren: Nicht nur die Menschheit begleitet der Drogenkonsum, sondern auch Tiere leben Rauschbedürfnisse aus. Sowohl Tiere als auch Pflanzen liefern ihnen die psychoaktiven Substanzen. Im Folgenden stelle ich nur Tierarten vor, die von sich aus den Drogengebrauch angehen, also nicht dieses schwer nachvollziehbare Verhalten von Menschen, aus ominösen Gründen Tieren Drogen zuzuführen.

Katzen fressen Katzenminze, reiben sich mit den Ölen ein und erleben einen ekstatischen Rausch.

Lemuren (Makis) erschrecken Tausendfüßler und berauschen sich an dem in höheren Dosen giftigen Sekret.

Delphine verschrecken Kugelfisch, bis er Detrodoxin ausstößt und reichen ihn in der Gruppe wie einen Joint weiter.

Jaguare gönnen sich die halluzinogenen Ayahuasca‐​Blätter.

Seidenschwänze betrinken sich am Alkohol vergorener Beeren.

Papageien klauen von Bauern angeschnittene Opiumkapseln in Indien. Die Strumpfnatter berauscht sich am Giftmolch. Rentiere bekommen einen LSD‐​ähnlichen Rausch durch ausgebuddelte Fliegenpilze. Elefanten naschen am Marulabaum, vermutlich weil sich dort eine Käferpuppe aufhält, der ihnen den Rausch beschert. Wallabys (Kängurus) holen sich wie die Papageien Schlafmohn und tanzen Kreise in die Felder.

Durch menschlichen Einfluss, aber selbst ausgesucht: Russische Braunbären haben Kerosin für sich entdeckt.

Einige Affenarten veranstalten Saufgelage, sowohl mit Cocktails von Karibik‐​Touris als auch selbst gezapftem Palmwein. Besonders spannende Erkenntnis: „15 Prozent der Affen sind Abstinenzler, 65 Prozent sind Gelegenheitstrinker und 15 Prozent sind schwere Trinker. Die trinken so vier Cocktails am Tag“ Bei den verbleibenden 5 Prozent sprechen Forscher von „Selbstmordtrinkern“. Damit gemeint sind Affen, die ihr Leben durch Alkohol beenden wollen. Übrigens: Diese prozentuale Verteilung entspricht exakt den Zahlen, die wir auch in der menschlichen Gesellschaft vorfinden.“ (deutschlandfunknova​.de)

Darüber hinaus habe ich nicht recherchiert, inwiefern sich die Rauschbedürfnisse innerhalb einer Gattung unterscheiden. Wenn jemand dazu Informationen hat, bitte her damit. 🙂

Liebe Grüße, auch von Julia
Philine

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VERANSTALTUNGEN

30.10. 2000, Café Morgenrot
Austauschabend
#mybrainmychoice‐​Veranstaltung
mybrainmychoice​.de/​3​0​-​o​k​t​o​b​e​r​-​a​u​s​t​a​u​s​c​h​a​b​e​nd/

31.10. Bildungswerk der Heinrich‐​Böll‐​Stiftung, Berlin
Die Normalisierung von außergerichtlichen Hinrichtungen auf den Philippinen
programm.bildungswerk-boell.de/index.php?kathaupt=11&knr=18–1014&kursname=Die+Normalisierung+von+aussergerichtlichen+Hinrichtungen+auf+den+Philippinen&katid=0#inhalt

5.11. 1800, IAAW Invalidenstraße 118, Berlin
A two‐​part talk on Photographing the ‚Drug War‘
veranstaltet von Philippine Studies Series Berlin
facebook​.com/​e​v​e​n​t​s​/​1​9​1​0​6​6​2​3​8​5​8​9​5​8​03/

7.11. About Blank, Berlin
Podium zu Drug‐​Checking
mit Astrid Leicht vom Fixpunkt e. V., Stephan Jäkel von Schwulenberatung Berlin und Niklas Schrader, Drogenpolitischer Sprecher der Berliner Linken
veranstaltet von der Hellen Panke
facebook​.com/​e​v​e​n​t​s​/​1​1​1​4​7​1​7​8​8​8​7​0​4​125

16. – 18.11. Alte Münze, Berlin
Cannabis normal! Konferenz 2018
facebook​.com/​e​v​e​n​t​s​/​1​5​8​5​2​4​3​4​3​1​5​3​7​4​5​7​/​1​8​4​4​9​5​5​3​2​5​5​6​6​265

19. – 21.11. z‐​Bau, Nürnberg
ISKA: 17. Fachtagung für innovative Drogenarbeit
iska​-nuernberg​.de/​u​e​b​e​r​l​e​b​e​n​/​t​a​g​u​n​g​.​h​tml

24.11. Vétomat, Berlin
Weltweite Lesung für eine neue Drogenpolitik
Aufruf durch das Internationale Literaturfestival und die Peter‐​Weiss‐​Stiftung
#mybrainmychoice‐​Veranstaltung
weitere Infos folgen

28.4. – 1.5.2019 Porto, Portugal
Harm Reduction International Conference
hri​.global/​h​r​1​9​c​o​n​f​e​r​e​nce

Jeden ersten Donnerstag im Monat
CannaFem Girl’s Night Out – CannaFem Network
facebook​.com/​p​g​/​c​a​n​n​a​f​e​m​.​n​e​t​w​o​r​k​/​e​v​e​n​ts/

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