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Schlagwort: Stigmatisierung

Wenn Putin Selenskyj „drogensüchtig“ nennt, sollten wir das nicht überhören

Ein Beitrag von Matthew Wilson, aus dem Englischen übersetzt von Philine Edbauer und Julian Roux

Der Artikel ist zuerst am 2.5.22 im Filter Magazine erschienen. Danke für die Freigabe zur Übersetzung und das Vertrauen! Das Online-​Magazin befasst sich aus dem Blickwinkel der Harm Reduction mit Drogengebrauch, Drogenpolitik und Menschenrechten. Du findest es auch auf Facebook und Twitter – und abonniere ihren Newsletter.

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat zwei Monate nach der Invasion bereits Zehntausende Tote gefordert und es gibt zahlreiche Beweise für Kriegsverbrechen der russischen Armee. Darüber hinaus reichen die verheerenden Folgen von der Vertreibung von Millionen Menschen, innerhalb und aus der Ukraine, bis hin zu einer sich wahrscheinlich weltweit auswirkenden Nahrungsmittelknappheit – ohne Ende in Sicht.

Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst, heißt es.

Der russische Präsident Vladimir Putin erhebt zahlreiche Anschuldigungen gegen Volodymyr Selenskyj, die nachweislich und haarsträubend falsch sind. Zu diesen despotischen Versuchen, den Krieg zu rechtfertigen, gehört die Absurdität, den jüdischen Präsidenten der Ukraine als “Nazi” zu beleidigen – was von Fachleuten entschieden zurückgewiesen wurde, den russischen Außenminister Sergej Lavrov jedoch nicht davon abhielt, den absurden Vorwurf kürzlich zugespitzt zu erneuern. Und noch mehr leere Behauptungen zielen zusammen mit der Zensur darauf ab, nationalistische Gefühle in Russland zu schüren.

Weniger Beachtung findet jedoch das tiefsitzende soziale Stigma, das Putin zu mobilisieren versucht, wenn er Selenskyj und die demokratische Führung der Ukraine “drogensüchtig” nennt.

Memorandum: Das Stigma von Suchterkrankungen verstehen und überwinden

2016/​2017 hat eine Gruppe aus Fachleuten der Suchtforschung und anderen Disziplinen sowie Praktiker*innen der Suchthilfe ein Memorandum erarbeitet. Es schildert die Problematiken der Stigmatisierung von Sucht und gibt Kolleg*innen sowie der Politik Handlungsempfehlungen, um diese zu beheben. Die Autor*innen des Memorandums werden am Ende der Seite vorgestellt. Die #mybrainmychoice Initiative war nicht an der Entstehung des Memorandums beteiligt. Wir verwenden es jedoch als eine der fachlichen Grundlagen für unser Projekt zur Entstigmatisierung von Sucht (folgt bald hier). Auf dieser Seite wird es im Wortlaut wiedergegeben; nur die Formatierung wurde für die bessere Lesbarkeit im Web angepasst.

Das Memorandum wurde aufgrund eines Beschlusses des Bundestags vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert und in Zusammenarbeit mit der Fachgesellschaft DG Sucht (Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie) erarbeitet. 

Original als PDF /​ Druckversion

Risikoarmer Drogenkonsum ist möglich: Ohne Stigma, Angst und Polizei

Der Redebeitrag von Philine Edbauer zur Berliner Tanzdemo „Wem gehört die Stadt?“ 2021 (für den Erhalt von vielfältiger Clubkultur, gegen Immobilienspekulation)

Welche Informationen gibt uns die Bundesregierung zum Alkoholkonsum? Auf der Kampagnen-​Seite von Kenn dein Limit wird risikoarmer Alkoholkonsum für gesunde Erwachsene definiert als: Nicht mehr als 1–2 Standardgläser am Tag. Ein Standardglas ist ein kleines Bier, ein Glas Wein oder Sekt oder ein Schnaps. Und, ich zitiere: „Verzichten Sie an mindestens zwei Tagen pro Woche ganz auf Alkohol, damit das Trinken nicht zur Gewohnheit wird.“

Das sind überraschend großzügige Angaben, aber das Projekt gilt als erfolgreich. Es ist ein akzeptierender Ansatz, der die Realität als Ausgangspunkt und Maßstab nimmt. Was daran besonders bemerkenswert ist: Es wird damit gearbeitet, risikoarmen Konsum zu bewerben. Es stellt keinen Widerspruch dar, dass sie auf derselben Seite angeben, dass es keinen risikofreien Alkoholkonsum gibt.

Aber: In der Realität gibt es ebenso risikoarmen Cannabiskonsum, risikoarmen LSD-​Konsum und risikoarmen Kokainkonsum. Auch risikoarmer Heroinkonsum ist möglich.

Niemand ist uncool.

Der Redebeitrag von Philine Edbauer zur Hanfparade 2021

Cannabis wird seit 12.000 Jahren von Menschen kultiviert. Das globale Cannabis-​Verbot ist vor diesem Hintergrund undenkbar absurd. Es richtet seit 50 Jahren Schaden an, in Deutschland in Form des Betäubungsmittelgesetzes. Sowohl durch Geldstrafen, Führerscheinentzug, Haft, Arbeitsplatzverlust, Ausgrenzung, Polizeigewalt und lächerliche Präventionsarbeit, die Kindern eine Welt vorlügt, die es nicht gibt. Als auch Schäden unmittelbar für die Gesundheit, weil Menschen Schadstoffe mitkonsumieren und Menschen Medizin verwehrt wird. Das sind Menschenrechtsverletzungen. Die Polizei sollte nichts mit Cannabis zu tun haben, außer es vielleicht selbst genießen, um ein bisschen zu entspannen. Das Cannabis-​Verbot steht im Widerspruch zu den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, die Agenda 2030, zu der sich Deutschland explizit verpflichtet hat.

Cannabis muss legalisiert werden.

Was ist also konkret zu tun, um sinnvolle und faire gesetzliche Rahmenbedingungen zu etablieren?

Über Prävention und Sucht – Ein Gespräch mit Jörg Böckem

Jörg Böckem, geb. 1966, arbeitet als freier Journalist für renommierte Zeitungen wie den Spiegel, Die Zeit und das ZEIT-​Magazin. Er hat drei Bücher über Drogen, Rausch und Sucht geschrieben und ist Co-​Autor zweier weiterer Bücher, unter anderem des Aufklärungsbuchs „High sein“ (2015), das er zusammen mit dem Substanzforscher und Präventions-​Praktiker Dr. Henrik Jungaberle geschrieben hat. In seiner Autobiographie „Lass mich die Nacht überleben“ von 2004 berichtet Böckem von seinem Doppelleben als Journalist und Heroinabhängiger sowie von seinem schwierigen Weg aus der Sucht. Jörg Böckem hält Vorträge und Lesungen an Schulen, Universitäten, Gefängnissen und Einrichtungen der Suchhilfe und ist Mitglied bei akzept e.V. – dem Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik. Wir haben mit ihm über Prävention, den Umgang mit Süchtigen und Politik gesprochen. Er erklärt, warum er – zum Schutz von Jugendlichen und Süchtigen – für eine legale Regulierung von psychoaktiven Substanzen plädiert. Das Interview ist im Rahmen unserer Kampagne für eine Generalüberholung der deutschen Drogenpolitik entstanden.


#mybrainmychoice: Gibt es gute und böse Drogen? 

Jörg Böckem: Nein, natürlich nicht. Jede Droge ist wie ein Medikament mit Wirkungen, Nebenwirkungen und Risiken zu betrachten. Die Wirkung ist außerdem von weiteren Faktoren abhängig und hat nie nur mit der Substanz zu tun. Man spricht vom Dreiklang „Drug, Set und Setting“: Die Droge bringt Eigenschaften mit, ich als Konsument bringe etwas mit – Persönlichkeitsstruktur, Hirnchemie, Bewältigungsmechanismen, Lösungskonzepte – und der dritte mitentscheidende Faktor ist das Setting – die Umgebung, die äußeren Umstände. Dazu gehört auch der gesellschaftliche Umgang mit Substanzkonsum und Sucht. All das spielt eine Rolle dabei, ob ein Substanzkonsum gut oder schlecht für mich ausgeht. Wenn ich mich also für den Konsum einer psychoaktiven Substanz entscheide, dann sollte ich das am besten gut informiert tun.

International Overdose Awareness Day 2020

Der 31. August ist international als Overdose Awareness Day anerkannt, um den Menschen zu gedenken, die durch eine Überdosierung illegaler Drogen gestorben sind. Auch in Deutschland sterben jedes Jahr viele Menschen im Zusammenhang mit illegalem Drogengebrauch: 2019 waren es 1.398 Todesfälle – ein Anstieg von fast 10% zum Vorjahr – wobei Opioid-​Überdosierungen der häufigste Grund sind. [2020 stieg die Zahl um weitere 13 Prozent auf 1.581 Personen.] Mit einer Weiterentwicklung der Drogen- und Suchtpolitik, die lebensrettende Maßnahmen niedrigschwellig und überall zulässt und die gesetzlichen Bedingungen abschafft, die bestimmte Risiken erst erzeugen, könnten die Todesfälle maßgeblich reduziert werden.

Beate Stör: „Die Verbote bringen nichts“

Beate Stör leitet den Elternkreis Leutkirch, eine Selbsthilfegruppe für Eltern suchtkranker Kinder. Seit einigen Jahren schon engagiert sie sich für ein lückenloses, flächendeckendes Hilfesystem und fordert neben der Entkriminalisierung eine sinnvolle legale Regulierung – zum Schutz von Abhängigen und zur Entstigmatisierung Angehöriger. Im Frühjahr ist ihr Sohn Bertram an einer Überdosis verstorben. In ihrem Gedicht „Gestrandet“ nimmt sie Abschied – und ruft wiederholt auf, sich für politische und gesellschaftliche Verbesserungen einzusetzen.

Das HIV-​Magazin hat Beate Störs Erfahrungen mit der Suchthilfe und Perspektiven auf die Drogenpolitik kürzlich aufgezeichnet, wo sie sagt:

Es wurden wahrscheinlich noch nie so viel Drogen konsumiert wie heute. Wenn ich im Elternkreis höre, wie sich deren Kinder, viele noch nicht einmal volljährig, mit allem zudröhnen, was sie erwischen – und ich meine damit nicht nur Cannabis und NPS, also die sogenannten Designerdrogen –, dann lässt mich das verzweifeln.

Es wird konsumiert auf Teufel-​komm-​raus, und alle machen die Augen zu. Und doch sind wir Eltern von Drogen konsumierenden Kindern Paradiesvögel in der Selbsthilfegruppen-​Landschaft. Die Gesellschaft muss endlich kapieren, dass dies ein allgemeines Problem ist, und nicht ein Problem von Eltern, die irgendetwas falsch gemacht haben. Das alles macht mich so zornig, aber es treibt mich auch weiter an. Was wir brauchen, ist eine regulierte Abgabe an Volljährige und ausreichend Geld für intensive Prävention und Aufklärung.

Die Verbote bringen nichts, das müssten doch mittlerweile alle gelernt haben. Außerdem muss die Substitution weiter vorangebracht werden. (Zum ganzen Interview: magazin​.hiv)


Zur Gedenkfeier 21. Juli 2020:
„Versorgungssicherheit (nicht nur) in Zeiten von Corona“

Zu unserer diesjähringen Gedenkfeier begrüße ich Sie herzlich. Es freut mich sehr, dass Sie sich dafür die Zeit genommen haben. Wir sind heute zusammengekommen um an die Menschen zu denken, die im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln viel zu früh gestorben sind. Personen, die vielleicht noch leben könnten, wenn ihre Lebensbedingungen anders gewesen wären. Genau darum geht es dieses Jahr.

Bundesweit steht deshalb das Thema „Versorgungssicherheit“ im Mittelpunkt. Wohnraum, soziale und medizinische Hilfen müssen ein Menschenrecht sein – ob mit oder ohne CORONA/​Covid 19.

Die Corona-​Pandemie rückt unbeachtetes deutlich in den Vordergrund. Kündigungen, Kurzarbeit machen Wohnungen nicht mehr bezahlbar. Das betrifft Bevölkerungsschichten die angenommen haben, so etwas könnte ihnen nie passieren. Es gibt Berufsgruppen denen die Aufträge aufgrund der Pandemie weggebrochen sind und deshalb seit Monaten kaum Einnahmen haben. Sie alle bangen um ihre Existenz. Wir lesen und hören es doch jeden Tag in den Medien. Es ist richtig und wichtig, dass diese Probleme in den Fokus gerückt werden. Dabei werden aber gerade die vergessen, die am schwersten davon betroffen sind. Das sind die Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft zu finden sind.

Viele von ihnen sind obdachlos oder wohnen in unzumutbaren Verhältnissen. Auch bei uns. Unser soziales Netz ist noch nicht engmaschig genug.

Ohne Wohnung, ohne Krankenversicherungsschutz fristen sie ein menschen-​unwürdiges Dasein. Zu all dem noch täglich Diskriminierungen ausgesetzt, von der Gesellschaft verachtet und ausgegrenzt. Was besonders erschreckende ist, auch Jugendliche, halbe Kinder leben auf der Straße! Das können und wollen wir uns gar nicht vorstellen. Bereits vor dem Ausbruch der Pandemie war es für Suchtkranke schwierig über die Runden zu kommen. In Zeiten der Corona-​Krise wurde die Lage prekärer. Mehrfach habe ich gelesen: „Die Pandemie ist wie ein Brennglas, unter dem die gesellschaftlichen wichtigen Aufgaben, die sonst fast im Verborgenen wirken, deutlich hervortreten. Die Sucht und Drogenhilfe gehört dazu. “ Dieser Aussage können wir nur zustimmen. Hilfsangebote brachen durch die Beschränkungen weg, oder wurden auf ein Minimum reduziert. Niederschwellige Angebote anzunehmen war nicht mehr möglich. Inzwischen wurden Beschränkungen teilweise aufgehoben, Beratungsstellen öffnen nach und nach wieder. Und Gott sei Dank dürfen sich Selbsthilfegruppen wieder treffen. Soweit so gut, oder eben auch nicht!

Die Probleme bleiben jedoch weiter bestehen. Soziale und medizinische Hilfen sind einfach zu wenig. Da hat ein junger Mann mit Erfolg eine Therapie absolviert, oder seine Gefängnisstrafe abgesessen, wird entlassen und dann? Vorausgesetzt er findet mit seiner Vorgeschichte überhaupt einen Arbeitsplatz, ist er doch nicht in der Lage einen Achtstundenarbeitstag zu überstehen! Hilfsprogramme zur Wiedereingliederung von Suchtkranken gibt es viel zu wenig. Da hilft auch nicht, dass es das Teilhabegesetz gibt, wenn diese Menschen keine Möglichkeit zur Integration bekommen. Dabei wissen wir alle, wie wichtig die Arbeit für Menschen gerade mit einer Behinderung ist. Und die Suchterkrankung ist eine anerkannte Behinderung! Bezahlbaren Wohnraum zu finden ist für sie nahezu unmöglich. Das schafft für sie eine Endlosschleife, keine Wohnung – kein Arbeitsplatz und umgekehrt. Plätze im betreuten Wohnen sind extrem rar.

Die Substitution ist nach wie vor ein großes Thema. Zwar tut sich etwas. Wir hören vom Pakt für Substitution bei uns in Baden-​Württemberg, es gibt das 6Eckpunktepapier für Menschen in Haft – auch da hat sich etwas bewegt. Dazu kam auch noch das 10-​Eckpunkte-​Papier, die Initiative Substitution opioidabhängiger Patienten zur Lösung der Versorgungskrise. Allerdings die Umsetzung dieser Vorschläge dauert. Substitutionsärzte brechen aus Altersgründen weg. Zu wenige jüngere Ärzte wollen sich mit der Suchthilfe beschäftigen. Es ist notwendig die Behandlung Suchtkranker aus dieser Ecke der „Unberührbaren“ rauszuholen. Die Kriminalisierung trägt sicher hier nicht dazu bei, dass sich mehr Ärzte für die Arbeit mit Suchtkranken bereit erklären. Abhängigkeitskranke Menschen sind keine Aussätzigen und wollen und brauchen eine Behandlung auf Augenhöhe. Auch für sie gelten Grundgesetz und die Menschenwürde.

Den ursprünglichen Anlass für diesen Gedenktag will ich abschließend hervorheben. Im vergangenen Jahr sind im gesamten Bundesgebiet 1398 Menschen an den Folgen oder im Zusammenhang mit Drogenkonsum gestorben. In Baden-​Württemberg ist die Zahl der Drogentoten von 121 auf 145 gestiegen. Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Konstanz waren es 10 und im Kreis Ravensburg 6 Personen die ihr Leben verloren haben.

Wie viele es im Jahr 2020 sein werden, kann man nicht vorhersagen.
Gewiss ist, mein Sohn Bertram wird Teil dieser nächsten Statistik sein.
Er hat am 15. Februar seinen Kampf mit der Sucht verloren.

Es wurden wahrscheinlich noch nie so viele Drogen konsumiert wie heute. Wenn ich im Elternkreis höre, wie sich deren Kinder, viele noch nicht einmal volljährig, mit allem zu dröhnen, was sie erwischen – und ich meine damit nicht nur Cannabis, sondern auch die besonders gefährlichen todbringenden synthetischen Drogen, dann lässt mich das fast verzweifeln. Es wird konsumiert auf Teufel-​komm-​raus, und alle machen die Augen zu. Die Eltern finden erst den Weg zu uns, wenn sie am Boden zerstört sind und sich keinen Rat mehr wissen. Weshalb nur sind wir Eltern von Drogen konsumierenden Söhnen und Töchtern Paradiesvögel in der Selbsthilfegruppen-​Landschaft? Dabei könnte der Elternkreis locker die Festhalle füllen, wenn all diese Eltern deren Kinder bereits Kontakt mit illegalen Drogen hatten, zu uns in die Selbsthilfegruppe kämen. Die Gesellschaft muss endlich kapieren, dass dies ein allgemeines gesellschaftliches Problem ist und nicht ein Problem einzelner Eltern, die in ihrer Erziehung irgendetwas falsch gemacht haben! Es wäre so dringend, die betroffenen Eltern nicht zu verdammen, sondern sie zu ermutigen sich so früh wie möglich Hilfe zu holen. Auch hier ist die Kriminalisierung eher ein Hindernis als eine Hilfe.

Die Verbote bringen nichts, das müssten doch mittlerweile alle gelernt haben. Wenn Jugendliche immer mehr und vor allem immer früher mit Drogen experimentieren, sich ausprobieren, dann geht uns teilweise eine Generation an den Folgeerkrankungen verloren!
Was Not tut sind intensive Prävention und Aufklärung. Es gibt gute Beispiele in anderen Ländern. Was hindert uns daran diese Konzepte zu übernehmen?

Wir leben in einer Ellenbogengesellschaft, nur der Stärkere erreicht das Ziel. Die Schwächeren bleiben häufig auf der Strecke. Und es sind eben meistens diese Menschen, die in der Sucht „hängen“ bleiben. Sie abzuwerten und auszugrenzen ist bestimmt nicht der richtige Weg. Gerade die Pandemie hat uns doch aufgezeigt wie sehr wir uns gegenseitig brauchen. Eine Welle der Hilfsbereitschaft ging durch unser Land. Es war eine Freude zu sehen, wie kreativ die Bevölkerung reagiert hat und völlig unbürokratisch ehrenamtlich Dienste am Nächsten übernommen haben. Klammern wir die Menschen die in einer Abhängigkeit gefangen sind nicht aus, sondern sehen wir sie gleichfalls als Menschen an mit all den Bedürfnissen die Sie und ich ebenfalls haben.

Mit den Worten von Heather Brook aus Australien komme ich zum Ende: „Wo Leben ist, da ist Hoffnung – und unser erstes Ziel in der Drogenpolitik sollte darin bestehen, diese Hoffnung am Leben zu erhalten, indem wir die Abhängigen am Leben halten!“


Beate Stör hat uns als Unterstützerin unserer Kampagne für eine neue Drogenpolitik ihre diesjährige Rede zum Gedenk- und Protesttag für verstorbene Drogengebraucher_​innen zur Verfügung gestellt, aus der wir einige Graphiken erstellt haben. Diese dürfen gern geteilt werden, um auf Bedürfnisse und Perspektiven betroffener Eltern aufmerksam zu machen.

Die Graphiken können in den folgenden Ordnern abgerufen werden. Zum Download in optimaler Qualität jeweils rechts oben auf die drei Punkte klicken und dann auf „Herunterladen“.

Zum Ordner mit den Graphiken für Facebook

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Zum Ordner mit den Graphiken für Instagram

Worauf wir achten sollten, wenn wir über Drogen reden

Ein Interview mit dem Kriminologen Liviu Alexandrescu, übersetzt von #mybrainmychoice (Read English original)

Der Kriminologe Liviu Alexandrescu hat kürzlich eine Studie über die Medienberichterstattung zu sogenannten „Spice Zombies“ in UK durchgeführt. Insbesondere Menschen, die durch belastende Lebensumstände benachteiligt sind und als Obdachlose im öffentlichen Raum auffallen, sind Objekte abwertender journalistischer Beiträge. Liviu Alexandrescu beleuchtet den Zusammenhang zwischen dieser Form des Journalismus und der Sozial- und Sparpolitik des letzten Jahrzehnts.

Um seine Erkenntnisse auf die Situation in Deutschland zuverlässig anzuwenden, bräuchte es eine eigene Untersuchung; in Anbetracht der jedoch noch geringen kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Medienberichterstattung bezüglich Drogengebrauchs haben wir Liviu Alexandrescu um dieses Interview gebeten.

Während in UK die synthetischen Cannabinoide, genannt „Spice“, zur „Horrordroge“ wurden, drehen sich die Schreckensgeschichten hierzulande meist um Crystal Meth und Heroin. Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist dabei ein populärer Schauplatz für abwertende Meinungen über den Drogengebrauch von Armen und Obdachlosen – ohne dass größere (beispielsweise sozialpolitische) Zusammenhänge der Notlagen untersuchen werden (z.B. hier, hier, hier).