Begriffe, die seit Jahrzehnten verwendet werden, wie „Kampf gegen Drogen“, „Krieg gegen Drogen“, „Drogenbekämpfung“, „Rauschgift“ und „Rauschgiftkriminalität“, stören mich sehr. Denn damit werden nicht die Drogen (erfolglos) „bekämpft“, sondern nur erfolgreich die Menschen, die sie konsumieren. Ich wünsche mir hier am meisten Änderung, aber das wird wohl am längsten dauern.
Sprachliche Verwendungen wie „Alkohol und Drogen“ sowie „Alkohol oder Drogen“ begegnen mir sehr oft in den Medien oder unterwegs. Damit wird vermittelt, dass Alkohol und Drogen getrennt voneinander zu betrachten seien, obwohl Alkohol ganz klar ebenso eine Droge ist. Dort wünsche ich mir andere Formulierungen, wie z.B. „Alkohol und andere Drogen“.
Das Wort „Drogenopfer“ wird nicht nur für Verstorbene abwertend verwendet, sondern auch außerhalb dieses Kontextes. Nur, weil man eine bevorzugte Substanz konsumieren möchte oder konsumiert, ist man noch lange kein „Drogenopfer“. Verschiedene Substanzen werden auch als „Dreck“ bezeichnet. Üblicherweise wird das Wort „Junkie“ im Zusammenhang mit Menschen, die Heroin konsumieren, benutzt, was schlimm genug ist, aber auch die Abwertung „Speedjunkie“ oder „Koksjunkie“ habe ich schon über Menschen hören müssen. Begriffe wie „drogensüchtiger Junkie“ oder „die obdachlosen Junkies“ habe ich im Vorbeigehen auch schon sehr oft gehört. Auch über Wörter wie „Druffi“ oder „Suchti“ stolpert man immer wieder. Dem Menschen wird dadurch der Wert entzogen, ein Mensch zu sein. Er wird entwertet und damit einher geht die Abstempelung als jemand, der nicht mehr für die Gesellschaft zu gebrauchen sei. Durch solchen Sprachgebrauch wird Stigmatisierung erzeugt und hervorgerufen. Dort wünsche ich mir andere Formulierungen wie „drogengebrauchende Menschen“ oder „substanzengebrauchende Menschen“.
Sobald solch abwertende Wörter irgendwo bei Gesprächen fallen, bekommen die Beteiligten seltsame Gedanken, sie Erinnern sich an Halbwahrheiten von Menschen, die diese über verschiedene Substanzen verbreitet haben. Sie haben diesen oder jenen Politiker mal dieses und jenes (überwiegend falsche Informationen) über Drogen hören sagen. Oder es sind Einzelschicksale aus eigenem Umfeld, die dann als negatives Beispiel erwähnt werden: „Ich hab mal von jemandem gehört, dem dieses oder jenes mit/durch Drogen passiert ist.“ Aber was dort drumherum noch passiert ist, das wissen die Menschen, die darüber meist abfällig sprechen, nicht.
Natürlich kommt es auch vor, dass beim Konsum von Substanzen etwas Unerwünschtes passiert. Dann wird das gerne verallgemeinert und pauschalisiert. Alle Drogen und Menschen, die sie konsumieren, sind böse und wenn man sie konsumiert, passiert einem genau das gleiche wie jenem Menschen. Was natürlich falsch ist. Bei vielen Menschen habe ich die Erfahrungen gemacht, das sie sich überhaupt nicht mit Substanzen und deren Gebrauch auskennen, aber dennoch darüber reden, als wüssten sie ganz genau Bescheid. Sie glauben einfach an das falsche Wissen, das darüber verbreitet wird, ohne sich selbst über einzelne Substanzen und die Politik, die damit gemacht wird, zu informieren.
Sprache kann sehr wirkmächtig sein und Vorurteile erzeugen. Oft wird sie von Politik und Medien genau dafür gezielt genutzt, so kommt es mir vor. Vorgänge oder Zusammenhänge mit verschiedenen Substanzen werden in den Medien oft skandalisiert. Journalist*innen (die es eigentlich besser wissen müssten) benutzen dabei eine Sprache, die Angst, Abschreckung und die Verstärkung bestehender Vorurteile bei denen, die solche Beiträge sehen oder hören, bewirkt. Es wird so darüber berichtet, als wären illegalisierte Substanzen ein Teufelszeug und die Menschen, die sie konsumieren, gelten schnell als „an Drogen verlorene“ Menschen. Sie werden damit abgestempelt.
Menschen, die illegalisierte Drogen gebrauchen, werden in der Sprache auch oft als „faul“, „dumm“, „nutzlos“, „nicht gesellschaftsfähig“ oder „kriminell“ bezeichnet. Aus meiner Erfahrung und durch Begegnungen kann ich sagen, dass dem keineswegs so ist. Es sind Menschen wie andere Menschen auch. Sie haben eine eigene Familie, sie gehen einer geregelten Arbeit nach, sie üben ganz gewöhnliche verschiedene Berufe aus, sie engagieren sich ebenso für andere Menschen, sie kommen aus allen sozialen Schichten, sie sind freundlich und hilfsbereit. Sie sind einfach Teil der Gesellschaft. Vielleicht leben sie ihr Leben teilweise etwas anders, aber das stellt noch lange kein Verbrechen dar. Für Menschen die illegalisierte Substanzen nutzen, erfüllt der Konsum oft vielfältige Zwecke. Sie entscheiden sich bewusst für eine Substanz, um sie für sich zu nutzen, in welcher Form auch immer. Diese Zwecke sind für viele Menschen von außerhalb oft weder auf den ersten Blick noch auf den zweiten Blick nachvollziehbar, für die konsumierenden Personen aber schon. Dort wünsche ich mir Formulierungen, die der tatsächlichen Lebensrealität entsprechen, und nämlich genau das Gegenteil davon beschreiben.
Das Wort „Sucht“ an sich finde ich generell problematisch. Es wird immer noch viel nur in Bezug auf Drogen verwendet. Viele Menschen wissen offenbar nicht, dass so viel mehr als selbst gewählter Substanzgebrauch dahintersteckt. Meiner Meinung nach gibt es etliche andere Dinge, die „süchtig“ machen können oder Zwanghaftigkeit inne haben. Arbeiten, ständig neue Dinge kaufen, Glücksspiele & Wetten, bestimmte Nahrung, Sport, Videospiele, Medikamente, Kaffee, Zucker, immer „online sein müssen“. Ich denke, sogennante „süchtige Menschen“ sind immer suchende Menschen. Sie suchen etwas in ihrem Leben, das ihnen fehlt. Und mit ihren Handlungen versuchen sie, genau das zu finden.
Text: Karsten Keller / Redaktion: Philine Edbauer / Bild: Etactics Inc (Unsplash)

Der Sprachleitfaden
Eine Einladung zum Gespräch von My Brain My Choice, Therapieverbund Ludwigsmühle, JES Bundesverband, Deutsche Aidshilfe, akzept, Fachverband Drogen- und Suchthilfe fdr+, DG-SAS Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit in der Suchthilfe und der Initiative #KonsumRaumGeben.

