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Kategorie: Berichte

Nagaenthran K. Dharmalingam: Todesstrafe im Namen der „Drogenbekämpfung“

Nagaenthran K. Dharmalingam wurde nach zwölf Jahren im Todestrakt gehängt. Fast alle, denen eine Hinrichtung droht, sind wegen Drogendelikten inhaftiert.“ – Philine Edbauer (#mybrainmychoice Initiative) hat zusammen mit Leona Pröpper (Watch Indonesia e.V.) einen Artikel über die Todesstrafe und Drogengesetze in Singapur für die Jungle World geschrieben.

Ein Ausschnitt: „Ab einer Menge von 15 Gramm schreibt das Gesetz die Todesstrafe vor. Seine Mutter Panchalai Supermaniam und seine Geschwister hatten bis zum letzten Tag versucht, die Hinrichtung zu verhindern. In Singapur diskutiert man seit 2010 darüber, ob bei Personen mit deutlich eingeschränkten geistigen Fähigkeiten, wie es bei Nagaenthran der Fall war, die Todesstrafe in lebenslange Haft umgewandelt werden soll. Das Berufungsgericht wies die Anfechtung der Angehörigen jedoch als unbegründet zurück und erklärte Nagaenthran für voll schuldfähig.

Die Propaganda der Regierung stellt Drogen als Gefahr für das Leben verantwortungsbewusster Bürger und ihrer Familien sowie die nationalen Entwicklungsziele dar. In Medienkampagnen und dem Film »High«, der in Kollaboration mit dem National Council Against Drug Abuse entstand, werden Drogenkonsumentinnen und ‑konsumenten als irrationale Störer dargestellt, die staatlicher Kontrolle bedürfen. Soziale Ungleichheit und die individuelle Per­spektive Betroffener finden in diesen Geschichten keinen Platz. Nuancierte Darstellungen unterbindet die Regierung etwa durch Verbote von Serien. Singapur ist der weltweit am stärksten zensierte Netflix-​Markt. Fast alle der verbotenen Programme enthalten Darstellungen von illegalem Drogengebrauch oder Alkoholkonsum.

Der Regierung gilt die Todesstrafe als ein verhältnismäßiges, erforderliches und wirksames Mittel der Abschreckung, um den Stadtstaat drogenfrei zu machen. Die Exekutionsdrohung, hohe Haftstrafen, Zwangstherapien und Auspeitschungen (sogenanntes caning, ein Erbe der britischen Kolonialzeit) machen die Drogengesetzgebung zu einer der striktesten weltweit.“

Hier den ganzen Artikel lesen


Mehr zur Todesstrafe im Namen der „Drogenbekämpfung“ im Blog: Der Gastbeitrag von Michael Kleim
Die Berichte von von Harm Reduction International: The Death Penalty for Drug Offences


Ein letztes Foto von Nagaenthran K. Dharmalingam für die Familie vor seiner Exekution. Seine Mutter, Geschwister und Aktivist*innen haben jahrelang für sein Leben gekämpft.
Nagaenthran K. Dharmalingam

Zu Gast im SWR1: Drogengebrauch, Schmerzen und Legalisierung QUELLEN

Philine Edbauer im Gespräch mit Wolfgang Heim beim SWR1 in der Sendung „Erzähl mir was Neues“, 16.3.2022 (Audio in allen Podcast-​Apps und Video)

Bei Erzähl mir was Neues unterhalten sich Philine Edbauer und Wolfgang Heim über den Mythos der Einstiegsdroge, wie Eltern mit ihren Kindern über Drogen sprechen können und welche Drogen sie beide schon ausprobiert haben.“

– Aus der Ankündigung des SWR1


Klicke auf den Play-​Button, wenn du das Video ansehen willst und damit einverstanden bist, eine externe Verbindung zum Streamingdienst herzustellen. Weitere Infos findest du in der Datenschutzerklärung.

Die Quellen & zum Weiterlesen:

Mythos „Einstiegsdroge“

Inwiefern die These einer „Einstiegsdroge“ sowohl Unsinn als auch widerlegt ist, hat der Hanfverband zusammengefasst: Ist Cannabis eine Einstiegsdroge?

Diese Theorie ist schon seit über 20 Jahren widerlegt. Zahlreiche Studien fanden, dass nur 2 bis 5 Prozent der Cannabiskonsumenten später bei harten Drogen landen, 95 bis 98 Prozent tun es nicht.“

Fibromyalgie

Deutsche Schmerzgesellschaft: Suche nach Ursachen und neuen Behandlungen: Fibromyalgie im Fokus der Forschung

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften: Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Fibromyalgie

Schmerzen, Mangel an Schmerztherapien und Schmerzmittelunterversorgung

Zustand von Schmerztherapie in Deutschland: Barmer GEK-​Studie belegt massive Unterversorgung von Schmerzpatienten /​ BVSD: Systemversagen ist hausgemacht

International forscht z.B. Smriti Rana zu systematischen Zusammenhängen zwischen Drogenbekämpfung und Schmerzmittelunterversorgung: Ein aktueller Vortrag

Das Problem prägnant als Comic:

(Ein Blog-​Beitrag über den Zusammenhang von Schmerzmittelunterversorgung und der US-​Opioidkrise ist in Planung. Maia Szalavitz beschreibt das Problem und die wiederholten Politikfehler und außerdem, warum es falsch ist, den Pharmakonzern als zentralen Verursacher der vielen Todesfälle zu benennen, in ihrem neuen Buch „Undoing Drugs“.)

Fibromyalgie und Psilocybin bzw. LSD

Die Forschung ist erst am Anfang, aber man ist zunehmend gewillt, Erfahrungsberichte als relevant anzuerkennen:

Among a North American population of 354 participants with FM, 29.9% reported past use of a psychedelic, with lysergic acid diethylamide (LSD) and psilocybin mushrooms being most commonly used. Perceptions of benefit from psychedelic use were generally neutral (59.4%) or positive (36.8%), with <3% reporting negative impacts on overall health or pain symptoms. Among 12 participants who used psychedelics with intentions of treating chronic pain, 11 reported improved symptoms. Regardless of past use, the majority of participants believed that psychedelics have potential for chronic pain treatments and would be willing to participate in a psychedelic-​based clinical trial for their pain.“

– Nicolas G. Glynosa, Jennifer Pierce, Alan K. Davis Icon, Jenna McAfee & Kevin F. Boehnke in: „Knowledge, Perceptions, and Use of Psychedelics among Individuals with Fibromyalgia“

Chronische Schmerzen und Cannabis

Zu Cannabis als Medizin, den vielseitigen Verwendungsgebieten und zur politischen Lage informiert die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin.

Kriminalisierung und Hafterfahrungen unter besonders marginalisierten Drogengebraucher:innen

80 Prozent unter marginalisierten Drogengebraucher:innen in Frankfurt am Main haben Hafterfahrung: Interview mit Prof. Heino Stöver – Angst, Müll, Dreck: Für wen das Bahnhofsviertel in Frankfurt besonders gefährlich ist

Mehr als 80 Prozent der Drogenkonsumenten haben im Schnitt vier Haftaufenthalte, also mehr als vier Jahre Hafterfahrungen auf dem Buckel. Die meisten von ihnen werden unmittelbar nach Haftentlassung rückfällig. […] Meiner Auffassung nach sollten illegale Drogen legalisiert werden für den Eigenbedarf – ähnlich wie schon beim Cannabis. Denn was machen wir? Wir verfolgen Jahr für Jahr Konsumenten, die kleine Mengen dabei haben, um ihre Entzugssymptome zu bekämpfen. […] Da drehen wir uns nur im Kreis, die Polizei ist ratlos, die Gerichte stellen die meisten Verfahren wegen Geringfügigkeit ein. Es würde ja auch nichts bringen, noch mehr Suchtkranke ins Gefängnis zu sperren.“

– Prof. Stöver (Geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung Frankfurt (ISFF))

Suchtpolitische Empfehlungen von Expert:innen

Das erwähnte schweizerische Suchtmagazin: 3&4/2021 Suchtpolitik der Zukunft

Alle wissenschaftliche Evidenz spricht für einen Paradigmenwechsel von pathogenetischen zu salutogenetischen Ansätzen in Drogenpolitik und Drogenforschung. Hierbei können Public Health und Gesundheitsförderung eine wichtige Rolle spielen.“

– Dr. Henning Schmidt-​Semisch (Kriminologie & Soziologe) und Dr. Katja Thane (Kriminologin & Sozialpädagogin), in: Moderne Drogenpolitik aus der Perspektive von Public Health

Ein Ausdruck von Konsumkompetenz ist die Genussfähigkeit. Hier liefert eine motivationspsychologische Studie der Universitäten Zürich und Nijmegen interessante Ergebnisse. […] Interessant ist nun, dass, je schwächer die Genussfähigkeit ausgeprägt ist, desto mehr Menschen scheinen geneigt zu sein, aus einem Bewältigungsmotiv heraus Alkohol zu konsumieren [Becker & Bernhecker 2020: 21]. Genussfähigkeit hätte also tatsächlich gar einen präventiven Nutzen und könnte eine Alternative zum populären Selbstkontrollansatz in der Prävention darstellen (vgl. ebd.) […] Es könnte also eine zentrale suchtpolitische Aufgabe sein, das Geniessen zu ermöglichen und zu fördern. […] Dabei heißt Freiheit nicht, Individuen einfach sich selbst zu überlassen, sondern im Gegenteil dazu auch echte Verwirklichungschancen zur Verfügung zu stellen.“

– Dr. Marcel Krebs (Soziologe & Sozialarbeiter), Silvia Gallego (Ärztliche Direktorin in einer Psychiatrie), Dr. Toni Berthel (Psychiater, Psychotherapeut & Suchtmediziner), in: Auf dem Weg zu einer modernen Suchtpolitik

Außerdem die spezielle Themenausgabe: 5/​2021 Jugendliche

Genussfähigkeit als eine von vier Säulen des Konzepts der „Drogenmündigkeit“: Zur Erläuterung, die sich auf die Forschungsergebnisse von Prof. Gundula Barsch beruft. Prof. Barsch war Mitglied der von der Bundesregierung beauftragten Drogen- und Suchtkommission, die bereits 2002 (!) Empfehlungen zu einem Paradigmenwechsel in der Drogen- und Suchtpolitik insb. mit Blick auf den Schutz von Jugendlichen vorlegte, die aber bis heute nicht umgesetzt wurden.

Ein weiterer Tipp: Der Podcast „Donner. Wetter. Sucht.“ der Stadt Wien behandelt all die Fragen, die Eltern und Erziehende beschäftigen.

Abschließend: In diesem Blog-​Beitrag werden die Ergebnisse von Fachgremien zur Beurteilung von Drogenpolitik und ihren (dringenden) Empfehlungen vorgestellt.


Philine via Patreon unterstützen: Crowdfunding für Vollzeit-​Lobbyarbeit für unsere Entkriminalisierung

Berichte von drogenpolitischen Kommissionen

Auf dieser Seite werden deutsch- und englischsprachige Berichte und Stellungnahmen mit Beurteilungen der aktuellen Drogenpolitik und politischen Handlungsempfehlungen von interdisziplinär und unabhängig arbeitenden Kommissionen vorgestellt. Weiter unten befinden sich Berichte von Forschungsgruppen und Fachverbänden. [zuletzt aktualisiert am 9.9.2021]

Twitter-​Bot: Views on Drugs

Global views on public health, human rights & research involving: #harmreduction, #drugpolicy & #psychedelicscience

– A project by Francisco Arcila and Philine Edbauer



Views on Drugs (@ViewsOnDrugsBot) is the #mybrainmychoice Twitter bot that automatically tweets scientific articles and retweets expert opinions on public health, human rights, and risk and harm reduction topics related to global drug research and policy. The bot is a fluid open source project in constant development:

Support Don’t Punish – Global Day of Action – 26. Juni – Weltdrogentag 2021

Auch 2021 wieder haben wir zum Global Day of Action der internationalen Support Don’t Punish-​Kampagne mit einer Streetart-​Aktion auf dem Tempelhofer Feld beigetragen. Dabei wurden wir von den Students for Sensible Drug Policy (SSDP) Berlin unterstützt.

Offener Brief: Drogenbeauftragte Daniela Ludwig unterstellt uns Fake News

Sehr geehrte Bundesdrogenbeauftragte und CSU-​Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig, 

Sie unterstellen mir in einer Antwort auf Abgeordnetenwatch​.de vom 27.1.2021, dass ich über unseren Gesprächstermin im September 2020 Fake News verbreitet hätte. An diesem Termin hatten Zhana Jung und ich von der #mybrainmychoice Initiative, Sie und drei Mitarbeiter:innen ihres Stabs teilgenommen, um unsere Petition für eine unabhängige Fachkommission zur Generalüberholung der deutschen Drogenpolitik zu überreichen bzw. entgegenzunehmen. Die Deutsche Aidshilfe hatte mich im Anschluss an den Termin interviewt und in diesem Artikel zitiert, dass ich enttäuscht gewesen sei, dass es „offenbar keinerlei Verständnis für die Sicht und Forderungen der Initiative und der unterstützenden Fachorganisationen gebe“. Sie stellen die Aussage in den Kontext von Fake News und markieren sie als Falschmeldung: „die Aidshilfe in allen Ehren, aber es stimmt auch nicht immer alles, was an Meldungen kursiert“.

Es ist alles andere als banal, wenn eine MdB und Bundesbeauftragte die Glaubwürdigkeit einer zivilgesellschaftlichen Initiative in Frage stellt. Daher beziehen wir Stellung und erläutern, warum wir zu diesem Urteil kamen:

Unser Termin mit Daniela Ludwig zur Übergabe der Petition

Philine Edbauer: „Nach dem Gesprächstermin wissen wir nun, dass sich Daniela Ludwig nicht für eine unabhängige Fachkommission einsetzen wird. Eine Absage an Fachverbände, Suchthilfe, Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen und Personen, deren Lebensläufe und Gesundheit durch die prohibitive Politik beeinträchtigt werden. Die letzten vier Monate haben uns jedoch gezeigt, dass wir uns mit gebündelten zivilgesellschaftlichem Engagement einmischen können. Die Strafverfolgung gegen Besitz und Handel richtet seit Jahrzehnten und weltweit katastrophale Schäden an. Es darf kein Tag vergehen, an dem wir uns nicht weiter für das Ende der Prohibition einsetzen.“

Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig mit Zhana Jung und Philine Edbauer von der #mybrainmychoice Initiative (v.l.n.r.) beim Gesprächstermin zur Übergabe der Petition, 29.9.2020