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Kategorie: Redebeiträge

Zur Wohnsituation Drogengebrauchender und Substituierter in Städten

Marc Seidel engagiert sich mit dem Selbsthilfenetzwerk JES Berlin für die Interessen und Bedürfnisse von Menschen, die illegale Drogen nehmen; neben der Entkriminalisierung bspw. für das Recht auf den Zugang zu Substitutionsbehandlung. Im Redebeitrag für den Gedenktag für die verstorbenen Drogengebraucher_​innen 2022 legte er spezifische Auswirkungen von Wohnungs- und Obdachlosigkeit auf marginalisierte Drogengebraucher*innen dar – ein Thema, an dem man bei der Analyse der steigenden Todesfälle nicht vorbeikommt. JES Berlin gehört zu den Organisator*innen der jährlichen Gedenk- und Protestveranstaltung am Kottbusser Tor-​Berlin. Wir freuen uns, Marc Seidels Beitrag veröffentlichen dürfen!

Liebe Mitunterstützenden, Besucher und Besucherinnen dieses Gedenktags, liebe Mitstreiter von JES und BerLUN, sehr geehrte Professionelle,

mein Name ist Marc Seidel, ich bin 53 Jahre alt, seit 25 Jahren substituiert, seit knapp 20 Jahren Mitglied im bundesweiten Selbsthilfenetzwerk JES und jetzt seit ca. 5 Jahren bei JES Berlin.

Als ich anfing, mich mit dem Thema der Wohnsituation Drogengebrauchender und Substituierter auseinanderzusetzen, fiel mir auf, wie schwer es für mich war, an valide aktuelle aussagekräftige Daten dafür zu gelangen. Vor gut 2 Wochen bin ich dann noch an Corona erkrankt und aus der Idee eines Beitrags auf der Grundlage mit Experten geführter Interviews werden so jetzt eher ein paar allgemeine Gedanken aus der Perspektive eines wohnungslosen, aber durchaus nicht obdachlosen Substituierten, der das Glück hat, schon mehrere Jahre in einer Wohnung eines größeren Berliner Drogenhilfeträgers wohnen zu dürfen.

Was bedeutet es eigentlich für einen Menschen, in seiner eigenen Wohnung leben zu können?

Mir gefällt der Vergleich der eigenen vier Wände mit einer “dritten Haut”, wenn man die Kleidung als “zweite Haut” ansieht.

Die Wohnung als “dritte Haut” schützt vor mehr als schlechtem Wetter, sie spiegelt u.a. Geschmack, Träume, Wünsche und Befinden der Wohnenden und ermöglicht eine gewisse Kontrolle über den Zugang zu und Erreichbarkeit von uns. Sie kann als Refugium Geborgenheit und für viele nach vielleicht längerer Zeit wieder ein gewisses Gefühl von Sicherheit geben. Manche benötigen zuerst eine Wohnung: als Raum, als sichere Basis und als Ausgangsbasis für die Vorstellung einer eigenen, selbst gestalteten Zukunft und daraufhin zielende Pläne und Handlungen. Zunehmende Wohnraumprobleme haben negative Konsequenzen auf Möglichkeiten einer Lebensgestaltung, dem Vorhandensein und der Gestaltung einer als sinnvoll erlebten Tagesstruktur und auf die Chancen eines Mindestmaßes an sozialer Teilhabe.

Aus einer Substitution mit über Jahre täglich durchgeführter Sichtvergabe in Niedersachsen überhaupt wieder in meine alte Heimat Berlin zurückkehren zu können war überaus schwierig und hat Dank der nicht besonders zielführenden Hilfe von Drogenberatung, PSB (Psychosoziale Betreuung), Substitutionspraxis und Jobcenter auch etliche Jahre gedauert.

An eine realistische Alternative zu einem Wohnprojekt für Substituierte war damals gar nicht zu denken. Wie sollte man mit täglicher Substitutionsvergabe auch selbst vor Ort eine Wohnung suchen oder Besichtigungen durchführen? Auch mit Schufa, Bürgschaften, Arbeitsverträgen, bereitliegender Mietkaution etc., sieht es bei vielen von uns zumeist, wie auch bei mir selbst, eher ziemlich mau aus.

Viele von uns haben aufgrund der Lebensbedingungen, mit denen wir es als Drogengebrauchende und Substituierte aufgrund von Stigmatisierung und Kriminalisierung zu tun haben, größere Brüche in ihren Lebensbiographien, viele haben die Unterstützung ihrer Angehörigen und ihres sozialen Umfeldes verloren, viele Hafterfahrung machen müssen, viele ihre Arbeit eingebüßt, manche entscheiden sich für einen Umfeldwechsel und lassen sich auf eine Langzeittherapie ein. Aus diesen oder vielen anderen Gründen haben viele von uns schon einmal, oder oft auch mehrfach, ihre Wohnung und auch oft ihr ganzes Hab und Gut verloren.

Dies zu verarbeiten, damit umzugehen und irgendwann wieder einmal zu einer eigenen Wohnung für ein wieder weitgehend selbstbestimmtes Leben zu kommen, ist für viele von uns ein langer steiniger Weg, den bis zum glücklichen Ende zu gehen, viele von uns ohne Hilfe gar nicht schaffen.

Eine Möglichkeit, damit umzugehen, stellen sicherlich die Wohnprojekte des Betreuten Wohnens für Substituierte und Drogengebrauchende dar. Ich beispielsweise profitiere momentan selbst in vielfältiger Weise davon, darüber vorerst eine Wohnung nutzen zu können. Ich bekam dadurch den Zugang zu wesentlich besseren Substitutionsbedingungen als in der Provinz, eine vorläufig gewünschte Anbindung an das professionelle Hilfesystem, die Chance, eine Berufsausbildung machen zu können und nach langer Zeit auch wieder einmal Angehörige, Freunde und Bekannte zu mir einladen, empfangen oder auch einmal wieder als Gäste bei mir beherbergen zu können. Diese und noch einige Aspekte mehr haben mich zunehmend wieder zunehmend stabilisiert und mir daher wieder neue Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft eröffnet.

Das Problem ist, der irgendwann notwendige Schritt, hier in Berlin auf dem offenen Wohnungsmarkt eine eigene Wohnung zu finden, möglichst gar in der Nähe des gewohnten Kiezes, der Substitutionspraxis, des Wohnprojektes und deren Bewohner, der vertrauten Nachbarn, erscheint mir doch als sehr einschüchternd und so wenig aussichtsreich wie erfolgversprechend, was derzeit aber auch für so gut wie jede Wohnlage hier in Berlin zutrifft. Von der ganzen Zeit in meinem Wohnprojekt weiß ich persönlich nur von 2 Personen, die hinterher direkt in eine eigene Wohnung mit eigenem Mietvertrag gezogen sind. Eine davon war in Dresden, und die andere im schönen Plattenbau am Rande Berlins, beide jedenfalls recht weit weg vom Neuköllner Kiez und dem Wohnprojekt.
Aber immerhin.

Die meisten anderen dürften andere Wege genommen haben, manche sind wahrscheinlich obdachlos, manche sicherlich erstmal irgendwo bei Angehörigen und Bekannten untergekommen und manche in andere Formen des Hilfesystems gewechselt. Sie haben eine Therapie aufgenommen oder sind in andere betreute Wohnformen für Substituierte und Drogen.
Sie sind sozusagen von einer Trägerwohnung in die nächste gewechselt.

Früher konnten bei manchen Wohnprojekten am Ende bei entsprechender Stabilisierung und Wohlverhalten der Klienten die Mietverträge der Wohnungen durch sie übernommen werden. kann derzeit natürlich bei der aktuellen Wohnlage keine Rede mehr sein.

Auch die Wohnprojekte kämpfen mittlerweile erbittert um jede einzelne Wohnung für ihre Klienten. Mein Wohnprojekt hat es gerade geschafft, mehrere neue Wohnungen für seinen Bestand zu gewinnen, was mich einerseits sehr freut, mir dabei aber zum Teil auch gewisse Bedenken in den Sinn kommen.

Es muss für uns, wie für alle anderen, das einforderbare Recht auf Wohnen und Lebensraum erstritten, aber halt auch in der Praxis durchgesetzt werden, z.B. indem größere Kontingente an Wohnraum für sozial Bedürftige, auch bei Neubauten, requiriert werden.

Es darf nicht darauf hinauslaufen, dass sich zunehmend immer mehr Substituierte und Drogengebrauchende immer länger in einem immer größeren Hamsterrad aus Trägerwohnungen drehen und somit zwar vielleicht von der Straße verschwinden, sie ihr unter Umständen schwer erarbeitetes neues Leben aber nicht nachhaltig in einer eigenen Wohnung fortsetzen können.

Durch den Krieg in der Ukraine sind jetzt auch noch viele Flüchtlinge, darunter viele Frauen und Kinder, insbesondere hier nach Berlin gekommen und haben die Konkurrenzsituation für uns Substituierte und Drogengebrauchende auf dem eh schon kaum vorhandenen offenen Wohnungsmarkt für bezahlbaren Wohnraum noch einmal drastisch verschärft. Wir sollten sehr aufpassen, dass wir, uns nicht gegen andere bedürftige und prekäre Gruppen ausspielen lassen.

Also müssen wir darauf achten und im Blick behalten, dass wir Drogengebrauchenden und Substituierten nicht zu den großen Verlierern im Kampf um den seit Jahrzehnten auf politischen Druck und Willen hin künstlich verknappten bezahlbaren Mietwohnraum werden und am Ende zunehmend in irgendwelchen Wohnprojekten landen oder irgendwo nach j.w.d. abgeschoben werden.

Und wie absurd und kontraproduktiv es wäre, für viel teures Geld der Gesellschaft über Jahre in Wohnprojekten wieder weitgehend rehabilitierte und wiedereingegliederte Menschen in Obdachlosigkeit, Zeltstädte oder Notübernachtungssammelunterkünfte entlassen zu müssen, sollte doch eigentlich allen einleuchten.

Und auch, dass nicht alle Drogengebrauchenden und Substituierten auf Dauer einer intensiven, personal- und kostenaufwändigen, professionellen Betreuung durch ein Wohnprojekt bedürfen, dass aber auch nicht die Obdachlosigkeit die Alternative sein kann.

Ich fürchte, wenn wir nicht aufpassen, könnte es in Zukunft sogar erstmal noch schlimmer werden, bevor es irgendwann wieder mal besser wird.

Also, lasst uns für bezahlbaren Wohnraum für alle und das einforderbare Grundrecht auf Wohnen eintreten und kämpfen.

Die Häuser denen, die drin Wohnen!

Vielen Dank.


Fragen? Anmerkungen?

Fragen und Kommentare für Marc Seidel leiten wir gerne weiter. Oder kontaktiere JES Berlin.

Zum Weiterlesen:

Grundlegende Informationen über Wohnungs- und Obdachlosigkeit im Allgemeinen findet man bspw. auf der Website der Diakonie.

Unser Hintergrundartikel über Drogentod im Blog: „Drogentod ist kein konsumbedingtes Problem – sondern ein politisches.“

Wir haben diese Drogenpolitik nicht verdient.“ – Zum Gedenktag 2022

Unser Redebeitrag zum Gedenktag für die verstorbenen Drogengebraucher_​innen – von Philine Edbauer und Elli Schwarz:

Personen, die illegale Drogen nehmen, Personen, die mit einer Abhängigkeit leben, Personen, die sich um ihre Angehörigen sorgen haben, diese Drogenpolitik nicht verdient. Wir haben diese Drogenpolitik nicht verdient. Kinder und Jugendliche haben diese Drogenpolitik nicht verdient. Und nachfolgende Generationen haben diese Drogenpolitik nicht verdient.

Jeder Mensch hat Rechte. Menschen, die illegale Drogen nehmen, sind Menschen. Menschenrechte zu haben heißt: Unser Urin gehört uns und weder dem Gesundheitssystem noch der Polizei. Wir haben ein Recht auf Privatsphäre und dazu gehört, auch, dass dem Staat diese Übergriffe nicht zustehen. Und die Polizei hat in unseren Privaträumen nichts zu suchen. Hausdurchsuchungen sind traumatisierende oder zusätzlich retraumatisierende Eingriffe. Betroffene berichten, dass sie wochenlang nicht schlafen können, dass sie psychologische Betreuung gebraucht haben, um wieder am Leben teilnehmen zu können. Umso schwerer ist es, diese Übergriffe zu erleiden, wenn man sie als nichts anderes als Willkür verstehen kann, weil man nichts anderes getan hat als Drogen für den eigenen Gebrauch zu besitzen so wie andere ein paar Bier im Kühlschrank stehen haben.

Menschenrechte zu haben heißt auch: Wenn wir in Haft sind, haben wir das Recht darauf, dass sich unser gesundheitlicher Zustand nicht durch die Haft verschlechtert. Die Strafen für Drogenhandel oder ‑herstellung ohne Gewalt müssen unbedingt reduziert, wenn nicht abgeschafft werden. Menschen nehmen nicht nur die als legal definierten Drogen, sondern auch sind auch an den vielen verschiedenen anderen Wirkweisen interessiert. Personen, die diese Nachfrage bedienen, dürfen nicht dafür bestraft werden. Personen, die mit Drogen handeln, dürfen nicht für eine seit über fehlerhafte Drogenpolitik bestraft werden.

Das Verbot behindert die Prävention. Die Polizei erklärt jungen Menschen, was strafbar ist und was nicht. Anstatt Fragen ehrlich zu beantworten, die die Schüler*innen tatsächlich haben. Etwa: Ist ausprobieren wirklich so schlimm? Oder auch: Was kann ich tun, wenn es im Freundeskreis einen Notfall gibt?

Erwachsene scheinen immer wieder zu übersehen: Jugendliche informieren sich im Internet selbst. Der Wissensstand über Drogen ist sehr unterschiedlich. Genauso wie die Erfahrungen. Über Botschaften, die abschrecken sollen, macht man sich lustig. Der Jugendschutz versagt, wenn Erwachsene Minderjährige mit falschen oder nicht ausreichenden Informationen allein lassen.

Das Verbot stört das Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und ihren Eltern. Und wo die Eltern keine Bezugspersonen sind, fallen bei diesem Thema ebenso die Lehrkräfte für offene Gespräche weg. Die Illegalität steht immer im Raum. Und Jugendliche meiden nicht nur das Gespräch, sondern verdrängen Unsicherheiten und Probleme. Wenn Eltern den Drogengebrauch doch mitbekommen oder vermuten, sind sie oft überfordert mit Schuldgefühlen, Scham und Sorgen. Es treibt manche von ihnen zu schrecklichen Aktionen wie das Durchsuchen von Zimmern. Die Illegalität von Drogen zerstört Familien.

Aber wer mit illegalen Drogen nichts zu tun hat, weiß nichts davon. Mitunter deswegen nicht, weil die Kriminalisierung zur Folge hat, dass von der Strafverfolgung betroffene Menschen schweigen, um sich, ihre Familie und Freund*innen zu schützen.

Mit unserer neuen Kampagne werden wir das ändern. Wir haben 13 Forderungen für die Entkriminalisierung von Personen, die illegale Drogen nehmen, aufgestellt. Es gibt eine neue Website im Internet entkriminalisierung​.info Wir konzentrieren uns nun darauf, alles wissen, alle Vorarbeit, die von so vielen bereits gemacht wurde – u.a. Hier seit 25 Jahren mit dem Gedenktag – zu bündeln und die Entkriminalisierung von Personen, die illegale Drogen nehmen, zum nächsten großen Thema nach der Cannabis-​Legalisierung zu machen.

Die 13 Forderungen für die Entkriminalisierung von Personen, die illegale Drogen nehmen

  1. Definition von Eigenbedarf für alle illegalen Drogen
  2. Definition von angemessenen Grenzwerten für den Straßenverkehr
  3. Kursänderung in der Investitionspolitik
  4. Harm Reduction und Safer Use-​Angebote flächendeckend, zielgruppenspezifisch ausbauen
  5. Safer Use in Clubs ermöglichen
  6. Drug-​Checking flächendeckend für alle gängigen Substanzen etablieren
  7. Medizinische Anwendung illegaler Drogen stärken
  8. Jugendschutz mit Jugendlichen
  9. Inklusion von Personen, die illegale Drogen nehmen, in der Forschung
  10. Nothing About us Without Us: Mitwirkung an allen Schritten im Reformprozess
  11. Dauerhaftes Engagement einer unabhängigen, interdisziplinären Fachkommission
  12. Deeskalation zwischen Polizei und Drogengebrauchenden & Wiederherstellung von Privatsphäre
  13. Stopp der laufenden Verfahren, Löschung der Strafregistereinträge & Entschädigung

www​.entkriminalisierung​.info


Danke für die Einladung, JES Berlin! 💖 Der RBB hat in der Abendschau über die Gedenkveranstaltung berichtet.

Risikoarmer Drogenkonsum ist möglich: Ohne Stigma, Angst und Polizei

Der Redebeitrag von Philine Edbauer zur Berliner Tanzdemo „Wem gehört die Stadt?“ 2021 (für den Erhalt von vielfältiger Clubkultur, gegen Immobilienspekulation)

Welche Informationen gibt uns die Bundesregierung zum Alkoholkonsum? Auf der Kampagnen-​Seite von Kenn dein Limit wird risikoarmer Alkoholkonsum für gesunde Erwachsene definiert als: Nicht mehr als 1–2 Standardgläser am Tag. Ein Standardglas ist ein kleines Bier, ein Glas Wein oder Sekt oder ein Schnaps. Und, ich zitiere: „Verzichten Sie an mindestens zwei Tagen pro Woche ganz auf Alkohol, damit das Trinken nicht zur Gewohnheit wird.“

Das sind überraschend großzügige Angaben, aber das Projekt gilt als erfolgreich. Es ist ein akzeptierender Ansatz, der die Realität als Ausgangspunkt und Maßstab nimmt. Was daran besonders bemerkenswert ist: Es wird damit gearbeitet, risikoarmen Konsum zu bewerben. Es stellt keinen Widerspruch dar, dass sie auf derselben Seite angeben, dass es keinen risikofreien Alkoholkonsum gibt.

Aber: In der Realität gibt es ebenso risikoarmen Cannabiskonsum, risikoarmen LSD-​Konsum und risikoarmen Kokainkonsum. Auch risikoarmer Heroinkonsum ist möglich.

Eigenverantwortung zutrauen statt dämonisieren!

Der Redebeitrag von Elli Schwarz zur Hanfparade 2021

Fast die Hälfte, 47,2%, aller jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren in Deutschland, hat schon mal eine illegale Droge ausprobiert. Drogengebrauch passiert alltäglich. Das wissen wir alle. Nur unsere Regierung verdrängt diesen Fakt sehr gerne. Menschen werden so oder so nicht aufhören Drogen zu konsumieren, nur weil die Politik seit Jahrzehnten erfolglos versucht es zu verbieten! Prohibition ist nicht gesund; im Gegenteil: sie macht uns alle krank.

Denn Drogenkonsum umgibt uns alle und kann medizinisch essentiell z.B. zur Schmerztherapie sein. Ebenso kann er kulturell wertvoll sein und Menschen eine neue Perspektive einnehmen lassen. Und ob man den gewünschten Zustand durch ein Paar Gläser Wein oder einen Joint erreicht, sollte doch eigentlich niemanden außer die Gebraucher:innen etwas angehen, oder? 

Niemand ist uncool.

Der Redebeitrag von Philine Edbauer zur Hanfparade 2021

Cannabis wird seit 12.000 Jahren von Menschen kultiviert. Das globale Cannabis-​Verbot ist vor diesem Hintergrund undenkbar absurd. Es richtet seit 50 Jahren Schaden an, in Deutschland in Form des Betäubungsmittelgesetzes. Sowohl durch Geldstrafen, Führerscheinentzug, Haft, Arbeitsplatzverlust, Ausgrenzung, Polizeigewalt und lächerliche Präventionsarbeit, die Kindern eine Welt vorlügt, die es nicht gibt. Als auch Schäden unmittelbar für die Gesundheit, weil Menschen Schadstoffe mitkonsumieren und Menschen Medizin verwehrt wird. Das sind Menschenrechtsverletzungen. Die Polizei sollte nichts mit Cannabis zu tun haben, außer es vielleicht selbst genießen, um ein bisschen zu entspannen. Das Cannabis-​Verbot steht im Widerspruch zu den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, die Agenda 2030, zu der sich Deutschland explizit verpflichtet hat.

Cannabis muss legalisiert werden.

Was ist also konkret zu tun, um sinnvolle und faire gesetzliche Rahmenbedingungen zu etablieren?

Mit würdevoller Substitution und Safe Supply gegen den Drogentod

Der Redebeitrag zum Gedenktag an die verstorbenen Drogengebraucher:innen 2021 von Elli Schwarz und Philine Edbauer

Organisation des Gedenkens und Protests am Kottbusser Tor: JES Berlin
Infos zum Internationalen Gedenktag (21.7.): gedenktag21juli​.de

Es ist wichtig, dass es Therapiemöglichkeiten für abhängige Drogenkonsumenten:innen gibt, die nicht Abstinenz als Bedingung (oder direktes Ziel) setzen und den Gebrauchern:innen Möglichkeiten bieten, den Weg in einen normalisierten Alltag mitzubestimmen. Substitutionstherapie kann Leben retten und einen regulierten Zugang zu Substanzen ermöglichen und das ganz ohne den gezwungenen Zugriff auf den Schwarzmarkt und die damit verbundenen Risiken. 

Allerdings kommt es durch die weitgehend fehlenden Möglichkeiten, eine Drogenersatztherapie ohne den regelmäßigen Gang in die Arztpraxis und die damit verbundenen Einschränkungen zu meistern, zu einem neuen Abhängigkeitsverhältnis für Gebraucher:innen: das zum Arzt/​zur Ärztin. Die Patientinnen werden oft nicht gleichwertig in die Entscheidungen einbezogen. Das Stigma der unverantwortlichen “Junkies” wird reproduziert. Die Patienten:innen sind auf die Gunst des Behandelnden angewiesen. Persönliche Freiheit wird eingeschränkt. Vergabefenster sind eng und kaum mit Berufstätigkeit vereinbar. Persönlichkeitsrechte werden oft durch Eingriffe in die Intimsphäre, z.B. den Einsatz von Kameras zur Überwachung von Urintests, missachtet. Nachvollziehbare Kommunikation fehlt (in vielen Fällen). Die strikten Regelungen erlauben keine „Fehler“, wie z.B. jeglichen Beikonsum: sonst drohen maßgebliche Einschränkungen. Von Autonomie und Kontrolle bleibt dabei also nur wenig übrig. Somit ist es nicht verwunderlich, dass viele Opioidabhängige Angst haben zu versagen, bevor sie überhaupt die Chance bekommen haben ein Substitut zu gebrauchen.

Niemand muss in Leid und Elend sterben.

Der Redebeitrag zum Gedenk- und Protesttag für die verstorbenen Drogengebraucher_​innen 2020 von Philine Edbauer

Bei der #mybrainmychoice Initiative arbeiten wir daran, die gesamtgesellschaftliche Reichweite von Drogengebrauch und Drogenpolitik verständlicher und relevanter zu machen. Diese Rede bezieht sich auf das diesjährige Thema des Gedenktags „Menschenrechte, Wohnraum, Versorgungssicherheit“ und soll Zusammenhänge zwischen Drogengebrauch, Stigmatisierung von Armut und Stadtentwicklung verdeutlichen.

Personen, die mit Drogen handeln

Die #mybrainmychoice-​Rede von Philine auf der Hanfparade 2019, Berlin:


Ich weiß, dass sich konservative Mitmenschen leichter von der Notwendigkeit einer anderen Drogenpolitik überzeugen lassen und für Kompromisse zu gewinnen sind, wenn man folgendes Argument anbringt: „Wenn die Polizei nicht mehr die Konsumenten verfolgt, werden Mittel zur Verfolgung von Dealern frei.“

Es gibt ein paar gute Gründe, auf dieses Argument zu verzichten und von diesen möchte ich euch in den nächsten Minuten überzeugen:

Wir – als Konsument*innen einer oder mehrerer illegaler psychoaktiver Substanzen – sollten den Kampf für die Legalisierung nicht auf dem Rücken derer austragen, mit denen wir gemeinsame Sache machen. Menschen, die mit Drogen handeln, sind nicht unsere Feinde. Sie sind unsere Partner*innen. Zu jedem Drogengebrauch gehören auch Menschen, die die Drogen herstellen, transportieren und verkaufen. Sie halten sich ebenso wie wir nicht an die Gesetze, aber sind von weitaus höheren Strafen bedroht.