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Kategorie: Blog nach Genre

Zur Wohnsituation Drogengebrauchender und Substituierter in Städten

Marc Seidel engagiert sich mit dem Selbsthilfenetzwerk JES Berlin für die Interessen und Bedürfnisse von Menschen, die illegale Drogen nehmen; neben der Entkriminalisierung bspw. für das Recht auf den Zugang zu Substitutionsbehandlung. Im Redebeitrag für den Gedenktag für die verstorbenen Drogengebraucher_​innen 2022 legte er spezifische Auswirkungen von Wohnungs- und Obdachlosigkeit auf marginalisierte Drogengebraucher*innen dar – ein Thema, an dem man bei der Analyse der steigenden Todesfälle nicht vorbeikommt. JES Berlin gehört zu den Organisator*innen der jährlichen Gedenk- und Protestveranstaltung am Kottbusser Tor-​Berlin. Wir freuen uns, Marc Seidels Beitrag veröffentlichen dürfen!

Liebe Mitunterstützenden, Besucher und Besucherinnen dieses Gedenktags, liebe Mitstreiter von JES und BerLUN, sehr geehrte Professionelle,

mein Name ist Marc Seidel, ich bin 53 Jahre alt, seit 25 Jahren substituiert, seit knapp 20 Jahren Mitglied im bundesweiten Selbsthilfenetzwerk JES und jetzt seit ca. 5 Jahren bei JES Berlin.

Als ich anfing, mich mit dem Thema der Wohnsituation Drogengebrauchender und Substituierter auseinanderzusetzen, fiel mir auf, wie schwer es für mich war, an valide aktuelle aussagekräftige Daten dafür zu gelangen. Vor gut 2 Wochen bin ich dann noch an Corona erkrankt und aus der Idee eines Beitrags auf der Grundlage mit Experten geführter Interviews werden so jetzt eher ein paar allgemeine Gedanken aus der Perspektive eines wohnungslosen, aber durchaus nicht obdachlosen Substituierten, der das Glück hat, schon mehrere Jahre in einer Wohnung eines größeren Berliner Drogenhilfeträgers wohnen zu dürfen.

Was bedeutet es eigentlich für einen Menschen, in seiner eigenen Wohnung leben zu können?

Mir gefällt der Vergleich der eigenen vier Wände mit einer “dritten Haut”, wenn man die Kleidung als “zweite Haut” ansieht.

Die Wohnung als “dritte Haut” schützt vor mehr als schlechtem Wetter, sie spiegelt u.a. Geschmack, Träume, Wünsche und Befinden der Wohnenden und ermöglicht eine gewisse Kontrolle über den Zugang zu und Erreichbarkeit von uns. Sie kann als Refugium Geborgenheit und für viele nach vielleicht längerer Zeit wieder ein gewisses Gefühl von Sicherheit geben. Manche benötigen zuerst eine Wohnung: als Raum, als sichere Basis und als Ausgangsbasis für die Vorstellung einer eigenen, selbst gestalteten Zukunft und daraufhin zielende Pläne und Handlungen. Zunehmende Wohnraumprobleme haben negative Konsequenzen auf Möglichkeiten einer Lebensgestaltung, dem Vorhandensein und der Gestaltung einer als sinnvoll erlebten Tagesstruktur und auf die Chancen eines Mindestmaßes an sozialer Teilhabe.

Aus einer Substitution mit über Jahre täglich durchgeführter Sichtvergabe in Niedersachsen überhaupt wieder in meine alte Heimat Berlin zurückkehren zu können war überaus schwierig und hat Dank der nicht besonders zielführenden Hilfe von Drogenberatung, PSB (Psychosoziale Betreuung), Substitutionspraxis und Jobcenter auch etliche Jahre gedauert.

An eine realistische Alternative zu einem Wohnprojekt für Substituierte war damals gar nicht zu denken. Wie sollte man mit täglicher Substitutionsvergabe auch selbst vor Ort eine Wohnung suchen oder Besichtigungen durchführen? Auch mit Schufa, Bürgschaften, Arbeitsverträgen, bereitliegender Mietkaution etc., sieht es bei vielen von uns zumeist, wie auch bei mir selbst, eher ziemlich mau aus.

Viele von uns haben aufgrund der Lebensbedingungen, mit denen wir es als Drogengebrauchende und Substituierte aufgrund von Stigmatisierung und Kriminalisierung zu tun haben, größere Brüche in ihren Lebensbiographien, viele haben die Unterstützung ihrer Angehörigen und ihres sozialen Umfeldes verloren, viele Hafterfahrung machen müssen, viele ihre Arbeit eingebüßt, manche entscheiden sich für einen Umfeldwechsel und lassen sich auf eine Langzeittherapie ein. Aus diesen oder vielen anderen Gründen haben viele von uns schon einmal, oder oft auch mehrfach, ihre Wohnung und auch oft ihr ganzes Hab und Gut verloren.

Dies zu verarbeiten, damit umzugehen und irgendwann wieder einmal zu einer eigenen Wohnung für ein wieder weitgehend selbstbestimmtes Leben zu kommen, ist für viele von uns ein langer steiniger Weg, den bis zum glücklichen Ende zu gehen, viele von uns ohne Hilfe gar nicht schaffen.

Eine Möglichkeit, damit umzugehen, stellen sicherlich die Wohnprojekte des Betreuten Wohnens für Substituierte und Drogengebrauchende dar. Ich beispielsweise profitiere momentan selbst in vielfältiger Weise davon, darüber vorerst eine Wohnung nutzen zu können. Ich bekam dadurch den Zugang zu wesentlich besseren Substitutionsbedingungen als in der Provinz, eine vorläufig gewünschte Anbindung an das professionelle Hilfesystem, die Chance, eine Berufsausbildung machen zu können und nach langer Zeit auch wieder einmal Angehörige, Freunde und Bekannte zu mir einladen, empfangen oder auch einmal wieder als Gäste bei mir beherbergen zu können. Diese und noch einige Aspekte mehr haben mich zunehmend wieder zunehmend stabilisiert und mir daher wieder neue Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft eröffnet.

Das Problem ist, der irgendwann notwendige Schritt, hier in Berlin auf dem offenen Wohnungsmarkt eine eigene Wohnung zu finden, möglichst gar in der Nähe des gewohnten Kiezes, der Substitutionspraxis, des Wohnprojektes und deren Bewohner, der vertrauten Nachbarn, erscheint mir doch als sehr einschüchternd und so wenig aussichtsreich wie erfolgversprechend, was derzeit aber auch für so gut wie jede Wohnlage hier in Berlin zutrifft. Von der ganzen Zeit in meinem Wohnprojekt weiß ich persönlich nur von 2 Personen, die hinterher direkt in eine eigene Wohnung mit eigenem Mietvertrag gezogen sind. Eine davon war in Dresden, und die andere im schönen Plattenbau am Rande Berlins, beide jedenfalls recht weit weg vom Neuköllner Kiez und dem Wohnprojekt.
Aber immerhin.

Die meisten anderen dürften andere Wege genommen haben, manche sind wahrscheinlich obdachlos, manche sicherlich erstmal irgendwo bei Angehörigen und Bekannten untergekommen und manche in andere Formen des Hilfesystems gewechselt. Sie haben eine Therapie aufgenommen oder sind in andere betreute Wohnformen für Substituierte und Drogen.
Sie sind sozusagen von einer Trägerwohnung in die nächste gewechselt.

Früher konnten bei manchen Wohnprojekten am Ende bei entsprechender Stabilisierung und Wohlverhalten der Klienten die Mietverträge der Wohnungen durch sie übernommen werden. kann derzeit natürlich bei der aktuellen Wohnlage keine Rede mehr sein.

Auch die Wohnprojekte kämpfen mittlerweile erbittert um jede einzelne Wohnung für ihre Klienten. Mein Wohnprojekt hat es gerade geschafft, mehrere neue Wohnungen für seinen Bestand zu gewinnen, was mich einerseits sehr freut, mir dabei aber zum Teil auch gewisse Bedenken in den Sinn kommen.

Es muss für uns, wie für alle anderen, das einforderbare Recht auf Wohnen und Lebensraum erstritten, aber halt auch in der Praxis durchgesetzt werden, z.B. indem größere Kontingente an Wohnraum für sozial Bedürftige, auch bei Neubauten, requiriert werden.

Es darf nicht darauf hinauslaufen, dass sich zunehmend immer mehr Substituierte und Drogengebrauchende immer länger in einem immer größeren Hamsterrad aus Trägerwohnungen drehen und somit zwar vielleicht von der Straße verschwinden, sie ihr unter Umständen schwer erarbeitetes neues Leben aber nicht nachhaltig in einer eigenen Wohnung fortsetzen können.

Durch den Krieg in der Ukraine sind jetzt auch noch viele Flüchtlinge, darunter viele Frauen und Kinder, insbesondere hier nach Berlin gekommen und haben die Konkurrenzsituation für uns Substituierte und Drogengebrauchende auf dem eh schon kaum vorhandenen offenen Wohnungsmarkt für bezahlbaren Wohnraum noch einmal drastisch verschärft. Wir sollten sehr aufpassen, dass wir, uns nicht gegen andere bedürftige und prekäre Gruppen ausspielen lassen.

Also müssen wir darauf achten und im Blick behalten, dass wir Drogengebrauchenden und Substituierten nicht zu den großen Verlierern im Kampf um den seit Jahrzehnten auf politischen Druck und Willen hin künstlich verknappten bezahlbaren Mietwohnraum werden und am Ende zunehmend in irgendwelchen Wohnprojekten landen oder irgendwo nach j.w.d. abgeschoben werden.

Und wie absurd und kontraproduktiv es wäre, für viel teures Geld der Gesellschaft über Jahre in Wohnprojekten wieder weitgehend rehabilitierte und wiedereingegliederte Menschen in Obdachlosigkeit, Zeltstädte oder Notübernachtungssammelunterkünfte entlassen zu müssen, sollte doch eigentlich allen einleuchten.

Und auch, dass nicht alle Drogengebrauchenden und Substituierten auf Dauer einer intensiven, personal- und kostenaufwändigen, professionellen Betreuung durch ein Wohnprojekt bedürfen, dass aber auch nicht die Obdachlosigkeit die Alternative sein kann.

Ich fürchte, wenn wir nicht aufpassen, könnte es in Zukunft sogar erstmal noch schlimmer werden, bevor es irgendwann wieder mal besser wird.

Also, lasst uns für bezahlbaren Wohnraum für alle und das einforderbare Grundrecht auf Wohnen eintreten und kämpfen.

Die Häuser denen, die drin Wohnen!

Vielen Dank.


Fragen? Anmerkungen?

Fragen und Kommentare für Marc Seidel leiten wir gerne weiter. Oder kontaktiere JES Berlin.

Zum Weiterlesen:

Grundlegende Informationen über Wohnungs- und Obdachlosigkeit im Allgemeinen findet man bspw. auf der Website der Diakonie.

Unser Hintergrundartikel über Drogentod im Blog: „Drogentod ist kein konsumbedingtes Problem – sondern ein politisches.“

Wir haben diese Drogenpolitik nicht verdient.“ – Zum Gedenktag 2022

Unser Redebeitrag zum Gedenktag für die verstorbenen Drogengebraucher_​innen – von Philine Edbauer und Elli Schwarz:

Personen, die illegale Drogen nehmen, Personen, die mit einer Abhängigkeit leben, Personen, die sich um ihre Angehörigen sorgen haben, diese Drogenpolitik nicht verdient. Wir haben diese Drogenpolitik nicht verdient. Kinder und Jugendliche haben diese Drogenpolitik nicht verdient. Und nachfolgende Generationen haben diese Drogenpolitik nicht verdient.

Jeder Mensch hat Rechte. Menschen, die illegale Drogen nehmen, sind Menschen. Menschenrechte zu haben heißt: Unser Urin gehört uns und weder dem Gesundheitssystem noch der Polizei. Wir haben ein Recht auf Privatsphäre und dazu gehört, auch, dass dem Staat diese Übergriffe nicht zustehen. Und die Polizei hat in unseren Privaträumen nichts zu suchen. Hausdurchsuchungen sind traumatisierende oder zusätzlich retraumatisierende Eingriffe. Betroffene berichten, dass sie wochenlang nicht schlafen können, dass sie psychologische Betreuung gebraucht haben, um wieder am Leben teilnehmen zu können. Umso schwerer ist es, diese Übergriffe zu erleiden, wenn man sie als nichts anderes als Willkür verstehen kann, weil man nichts anderes getan hat als Drogen für den eigenen Gebrauch zu besitzen so wie andere ein paar Bier im Kühlschrank stehen haben.

Menschenrechte zu haben heißt auch: Wenn wir in Haft sind, haben wir das Recht darauf, dass sich unser gesundheitlicher Zustand nicht durch die Haft verschlechtert. Die Strafen für Drogenhandel oder ‑herstellung ohne Gewalt müssen unbedingt reduziert, wenn nicht abgeschafft werden. Menschen nehmen nicht nur die als legal definierten Drogen, sondern auch sind auch an den vielen verschiedenen anderen Wirkweisen interessiert. Personen, die diese Nachfrage bedienen, dürfen nicht dafür bestraft werden. Personen, die mit Drogen handeln, dürfen nicht für eine seit über fehlerhafte Drogenpolitik bestraft werden.

Das Verbot behindert die Prävention. Die Polizei erklärt jungen Menschen, was strafbar ist und was nicht. Anstatt Fragen ehrlich zu beantworten, die die Schüler*innen tatsächlich haben. Etwa: Ist ausprobieren wirklich so schlimm? Oder auch: Was kann ich tun, wenn es im Freundeskreis einen Notfall gibt?

Erwachsene scheinen immer wieder zu übersehen: Jugendliche informieren sich im Internet selbst. Der Wissensstand über Drogen ist sehr unterschiedlich. Genauso wie die Erfahrungen. Über Botschaften, die abschrecken sollen, macht man sich lustig. Der Jugendschutz versagt, wenn Erwachsene Minderjährige mit falschen oder nicht ausreichenden Informationen allein lassen.

Das Verbot stört das Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und ihren Eltern. Und wo die Eltern keine Bezugspersonen sind, fallen bei diesem Thema ebenso die Lehrkräfte für offene Gespräche weg. Die Illegalität steht immer im Raum. Und Jugendliche meiden nicht nur das Gespräch, sondern verdrängen Unsicherheiten und Probleme. Wenn Eltern den Drogengebrauch doch mitbekommen oder vermuten, sind sie oft überfordert mit Schuldgefühlen, Scham und Sorgen. Es treibt manche von ihnen zu schrecklichen Aktionen wie das Durchsuchen von Zimmern. Die Illegalität von Drogen zerstört Familien.

Aber wer mit illegalen Drogen nichts zu tun hat, weiß nichts davon. Mitunter deswegen nicht, weil die Kriminalisierung zur Folge hat, dass von der Strafverfolgung betroffene Menschen schweigen, um sich, ihre Familie und Freund*innen zu schützen.

Mit unserer neuen Kampagne werden wir das ändern. Wir haben 13 Forderungen für die Entkriminalisierung von Personen, die illegale Drogen nehmen, aufgestellt. Es gibt eine neue Website im Internet entkriminalisierung​.info Wir konzentrieren uns nun darauf, alles wissen, alle Vorarbeit, die von so vielen bereits gemacht wurde – u.a. Hier seit 25 Jahren mit dem Gedenktag – zu bündeln und die Entkriminalisierung von Personen, die illegale Drogen nehmen, zum nächsten großen Thema nach der Cannabis-​Legalisierung zu machen.

Die 13 Forderungen für die Entkriminalisierung von Personen, die illegale Drogen nehmen

  1. Definition von Eigenbedarf für alle illegalen Drogen
  2. Definition von angemessenen Grenzwerten für den Straßenverkehr
  3. Kursänderung in der Investitionspolitik
  4. Harm Reduction und Safer Use-​Angebote flächendeckend, zielgruppenspezifisch ausbauen
  5. Safer Use in Clubs ermöglichen
  6. Drug-​Checking flächendeckend für alle gängigen Substanzen etablieren
  7. Medizinische Anwendung illegaler Drogen stärken
  8. Jugendschutz mit Jugendlichen
  9. Inklusion von Personen, die illegale Drogen nehmen, in der Forschung
  10. Nothing About us Without Us: Mitwirkung an allen Schritten im Reformprozess
  11. Dauerhaftes Engagement einer unabhängigen, interdisziplinären Fachkommission
  12. Deeskalation zwischen Polizei und Drogengebrauchenden & Wiederherstellung von Privatsphäre
  13. Stopp der laufenden Verfahren, Löschung der Strafregistereinträge & Entschädigung

www​.entkriminalisierung​.info


Danke für die Einladung, JES Berlin! 💖 Der RBB hat in der Abendschau über die Gedenkveranstaltung berichtet.

Die Menschenwürde“ – Ein Gedicht von Beate Stör

Unantastbar soll sie sein – die Menschenwürde.
So steht es im Gesetz geschrieben.
Es einzuhalten ist – bei Gott –
für manchen eine schwere Bürde.

Leicht ist’s bei „normalen Leuten“
wie wir gesellschaftlich sie deuten.
Arbeit, Einkommen und Struktur,
so muss es sein, dann gilt man nur
etwas – im Allgemeinen.
Ist „Sein“ nicht wichtiger als „Scheinen“?

Ist ein Mensch nicht gut in Form
und entspricht nicht dieser Norm,
dann wird sie zu beachten schwer.
Wer hat das Recht zu werten – wer?

Ist der Mensch nur etwas wert,
wenn er mit dem Strom mitfährt?
Was ist mit all den vielen Kranken
die mit Sucht durchbrechen Schranken?
Anderes denken, anderes glauben;
Wer maßt sich an, sie ihrer Würde zu berauben.
Auch all den Menschen, die halt eben,
schlicht und einfach anders leben?

Die Menschenwürde von jedem zu respektieren,
auch stets so zu handeln, zu praktizieren,
dass – jedes Menschen – egal wie man es misst,
Würde unantastbar ist.

Ein Sprichwort aus den Kindertagen,
besser kann man es nicht sagen:
„Was du nicht willst was man dir tu,
das füg auch keinem anderen zu!“
Klingt einfach, wenn man es denn lebt,
und stets danach zu handeln strebt.

Lasst gemeinsam uns beginnen
und, sei es täglich – uns neu besinnen.
Jeder für sich – auch schon im Kleinen,
dann kann und wird – so will ich meinen,
der Menschenwürde Gutes getan.
Sie gilt für alle – packen wir’s an!

(Beate Stör, Juli 2017)


Alle Beiträge von Beate Stör bei uns im Blog sind hier aufgelistet.

Mein Kind nimmt Drogen. Was nun?“

Heidrun Behle und Jürgen Heimchen leiten die Elterninitiative für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik Wuppertal. In ihrem Selbstverständnis erklären sie ihren Ansatz und richten sich an Eltern, die sich fragen: „Mein Kind nimmt Drogen. Was nun?“

Die Arbeit unserer Gruppe hat einen breitenwirksamen Gesundheitsförderungs-​Charakter. Durch die Selbsthilfe der betroffenen Eltern wird nicht nur die eigene Genesung zu erreichen versucht, sondern durch den Schwerpunkt „akzeptierender Elternarbeit“ auch eine Schadensminimierung für unsere Drogen gebrauchenden Kinder angestrebt.

In unserem Elternkreis findet Elternselbsthilfe im gemeinsamen Gruppenprozess ohne Fremdhilfe statt. Die gleichen Sorgen, Nöte, Ängste, die gleichen Hoffnungen und Wünsche, aber auch die gleiche Wut und Verzweiflung haben uns zusammengeführt. Durch den Austausch von Informationen und Erfahrungen der Gruppenmitglieder untereinander und deren Mithilfe bei der Suche nach Lösungsmöglichkeiten in Krisensituationen werden Selbsthilfekräfte jedes einzelnen angeregt.

Die Gruppe bietet Schutz und Geborgenheit, ist ein Ort des Erfahrungsaustausches, Raum, wo man sich fallen lassen kann und lernen kann, Menschen, Sachverhalte und sich selbst aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen und ihnen gegebenenfalls einen anderen Stellenwert einzuräumen. Die Gruppe hat somit eine entlastende Funktion. Entlastend nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft, da Selbsthilfe so gut wie kostenlos ist. Würde der immense Druck, unter dem Angehörige von Drogenkranken stehen, nur über professionelle Hilfe abgebaut, wäre dies ein nicht zu unterschätzender Kostenfaktor im Gesundheitswesen.

Im Mittelpunkt der Selbsthilfe steht in der Regel die eigene Person und die Bewältigung der eigenen Konflikte. Doch das Drogenproblem erfasst die ganze Familie. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass wir Eltern uns um das Wohl aller Familienmitglieder bemühen, und das schließt unser drogenabhängiges Kind mit ein. Daraus ergibt sich für uns Eltern die soziale und gesellschaftliche Verpflichtung, Einfluss zu nehmen, dass sich die derzeitigen diskriminierenden und ausgrenzenden Lebensbedingungen der Drogenabhängigen zugunsten menschenwürdiger und integrativer Lebensmöglichkeiten verbessern. Auch für diejenigen Abhängigen, die es nicht schaffen, auf Dauer abstinent zu leben.

Öffentlichkeitsarbeit (freiwillig) und Weiterbildung ist unverzichtbarer Bestandteil unserer Gruppenarbeit.


Abschließende Anmerkungen von der #MyBrainMyChoice Initiative:

Wir freuen uns über das Vertrauen, den Beitrag bei uns im Blog veröffentlichen zu dürfen und die Arbeit der Elterninitiative auf diesem Weg unterstützen zu können. Die Termine der Treffen können Sie der PDF-​Verson oder dieser Website entnehmen.

In einem weiteren Beitrag geben wir ihre Positionierung zur Illegalität von Drogen wider: „Legalisierung aus Sicht der Eltern“

Wenn Sie nach dem Lesen des Beitrags offene Fragen haben, schreiben Sie uns eine Nachricht! Wir werden sie weiterleiten und zusammen beantworten.

Wir helfen gerne, einen Akzeptierenden Elternkreis in Ihrer Nähe zu finden. Bei uns im Blog stellen wir außerdem den Elternkreis Leutkirch im Allgäu vor.

Legalisierung aus Sicht der Eltern

Das Positionspaper der Elterninitiative für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik Wuppertal zur Frage der Legalität von Drogen (Erstveröffentlichung 2014):

Wie alle Eltern hatten auch wir den Wunsch, dass unsere Kinder sich nicht vom rechten Pfade abbringen ließen, insbesondere keine verbotenen Früchte probierten, und ihren Lebensweg weitab jeglicher Straffälligkeit beschreiten würden. Mit voller Wucht riss uns die Realität ins scheinbar Bodenlose, als wir vom Drogenkonsum unserer Kinder – auch noch Heroin ! – erfuhren. Die Abwärtsspirale der Familie war in Gang gesetzt: die Drogen konsumierenden Kinder gerieten mit dem Gesetz in Konflikt, hauptsächlich durch Beschaffungskriminalität, verloren die Arbeitsstelle oder waren nicht mehr in der Lage, ihre Ausbildung zum Abschluss zu bringen. Die Eltern kämpften nach allen Seiten: gegen ihre Kinder, die aufhören sollten damit; gegen ihre Ängste, dass der – illegale – Drogenkonsum in der Nachbarschaft und der Verwandtschaft auffallen könnte, dass die Polizei die Kinder erwischte; und zuletzt kämpften sie gegen ihre ständige Angst um das Leben ihrer Kinder an. Energie raubende und krank machende Umstände. Was liegt da näher als der Wunsch, die Drogen aus der Welt zu schaffen!?

Im Jahr 1993 fand der 2. Drogenkongress von Akzept e. V. in Hamburg statt, den wir Eltern erstmalig besuchten. Wir wollten mithelfen, die Verelendung und das Sterben der Drogenkonsumenten zu stoppen. So weit waren wir dann schon. Aber die, aus unserer damaligen Sicht provokante, These des Kongresses „Ohne Legalisierung geht es nicht“ erschütterte uns zutiefst. Unsere Hoffnungen lagen bis dahin allein in den „Clean-​Therapien“ und das Abstinenzdogma war verinnerlicht. Wieso forderten Vertreter der professionellen Drogenhilfe, Professoren und Ärzte die Legalisierung des Teufelszeugs?

Die täglich erlebte Realität des Drogen-​Alltags unserer Kinder zwang uns zum Nachdenken. Die „Drogenkarriere“ ließ sich von uns nicht aufhalten. Wir erkannten, dass wir unsere Kräfte anders einsetzen mussten. Wir konnten unsere Kinder nicht ändern, aber versuchen, die diskriminierenden Lebensbedingungen zu verbessern zugunsten menschenwürdiger Lebensmöglichkeiten. Wir wollten nicht länger gegen „die“ Drogen kämpfen, was ja hieß, alle Konsumenten illegaler Drogen, somit auch unsere eigenen Kinder, zu bekämpfen. Sie stattdessen in ihrer Sucht anzunehmen und zu helfen, wenn sie es wünschten, machten wir uns zur Aufgabe. Das bedeutete auch, uns mehr Informationen über Abhängigkeit und Sucht zu beschaffen, die Wirkungsweisen der verschiedenen Drogen zu verstehen und uns auch mit der Geschichte der Drogen in den unterschiedlichen Epochen zu befassen. Wir lernten, dass psychoaktive Substanzen schon seit jeher Wegbegleiter der Menschheit über Jahrhunderte hinweg waren und zeitweise als Allheilmittel galten, aber genauso immer wieder verteufelt wurden – je nachdem, für was, für wen oder wozu es gerade passend war. Aus dem für uns neuen Blickwinkel heraus und mit dem Wissen, dass Cannabis bis ins 20. Jahrhundert gesellschaftlich integriert war, d. h., dass es bis dahin wirtschaftlich, medizinisch und genussorientiert genutzt wurde, entschlossen sich Eltern und Angehörige unseres Landesverbandes NRW im Mai 1997 eine Unterschriftenaktion für die Legalisierung von Cannabis am Hauptbahnhof in Essen durchzuführen. Innerhalb weniger Stunden sammelten sie über 3000 (dreitausend!) Unterschriften hierfür. Die Bildzeitung titelte am 12. Mai 1997: „Freigabe von Hasch – Eltern kämpfen dafür!“. Nach dieser Aktion wurde es etwas ruhiger bezüglich dieser Forderung, denn wir Eltern waren in den Folgejahren stark um das Überleben unserer opiatabhängigen Kinder und Angehörigen bemüht. Die Anzahl der Menschen, die Opfer der repressiven Drogenpolitik wurden, immer mehr verelendeten und starben, wuchs ständig.

Schließlich kamen wir nicht umhin, das Abstinenzparadigma zu hinterfragen. Wie kam es überhaupt dazu? Ein Paradigma ist ein kollektives Denkmodell, eine bestimmte Sache betreffend, das zur Gewohnheit wird und meist von einem ganzen Zeitalter geteilt wird. Es schafft eine gewisse Stabilität, aber auch Bequemlichkeit. So fragt man irgendwann nicht mehr, ob ein Gedanke richtig, nützlich oder hilfreich ist. Es genügt, dass alle es sagen. Die Achtsamkeit ist verschwunden, die Kreativität, anders zu denken, lässt nach. Außerdem ist der Abstinenzgedanke eng verknüpft mit der Prohibition, woraus wiederum die Tendenz entspringt, zu moralisieren und stigmatisieren.

Hier setzte bei uns abermals ein Umdenken ein. Denn etwas musste falsch sein am Abstinenzdogma. Wieso schränkten auch drastische Strafen, ja sogar Inhaftierung, den Konsum der illegalen Drogen nicht ein? Die vielen abgebrochenen Entgiftungen und nicht zu Ende geführten Langzeittherapien vor Augen und unsere inzwischen gewonnenen Kenntnisse veranlassten uns nun, Forderungen nach Konsumräumen, Spritzenvergabe in Haftanstalten, Heroinvergabe und weiteren Überlebenshilfen zu stellen. Heute, im Jahr 2014, sind einige dieser Forderungen erfüllt. So ist es an der Zeit, unsere Legalisierungsbestrebungen wieder nach vorne zu bringen. Unsere Erkenntnisse heute:

Die Trennung in legale /​ illegale Drogen ist politischer Natur und kulturhistorisch nicht zu begründen. Durch die Illegalisierung und Verbotspolitik entstehen gravierende Probleme. Die Prohibition kann niemals gesondert von den sozialen Begleiterscheinungen gesehen werden:

Illegalität verhindert realistische Aufklärung, fördert Tabuisierung, hat Unwissenheit, Ignoranz und Diskriminierung zur Folge.

Illegalität hat Beschaffungskriminalität und somit die Kriminalisierung der Konsumenten zur Folge, einhergehend mit immens hohen Kosten für die Strafverfolgungsbehörden bzw. für unsere Gesellschaft.

Illegalität hat die Bildung mafioser, gefährlicher Strukturen zur Folge.

Illegalität bietet keinerlei Sicherheiten bezüglich der Reinheit der Substanzen.

Illegalität begünstigt Übertragung und Ausbreitung von Krankheiten wie Aids und Hepatitis.

Illegalität und drastische Strafen schränken den Konsum kaum ein.

Eine Legalisierung hingegen würde unserer Meinung nach die oben aufgeführten Auswirkungen umkehren. Den letztgenannten Punkt betreffend: Die Anzahl der Drogengebraucher würde durch die Legalisierung kaum steigen! Die Erfahrungen in anderen Ländern zeigen das eindeutig und können dieses Argument der Legalisierungsgegner entkräften.

Unsere Vorstellungen von der Aufhebung der Prohibition haben wir festgehalten in einem Grundlagenpapier. Zu beachten ist, dass wir, gemäß unseren Erfahrungen und des jeweiligen Suchtpotenzials, unterschiedliche Vorgehensweisen bei Heroin und Cannabis gewählt haben. 

Grundlagenpapier

zur Legalisierung illegalisierter Drogen

1. Straffreiheit für den Besitz illegalisierter Drogen

Neben dem bereits straffreien Konsum illegalisierter Drogen soll auch der Besitz und Erwerb zum Eigenverbrauch straffrei sein.

2. Kontrollierte Vergabe von Originalsubstanzen an Drogengebraucher/​-​innen

Substituierte, deren medizinische Behandlungen sich mit L‑Polamidon bzw. Methadon und ähnlichen Produkten als erfolglos herausstellen, sollen die Möglichkeit bekommen, über eine kontrollierte Vergabe den Originalstoff zu erhalten. Die flächendeckende kontrollierte Vergabe von Heroin an Drogengebraucher/​-​innen soll nur über Ärzte und Apotheken erfolgen.

3. Kauf und Verkauf von Cannabis

Kauf und Verkauf von Cannabis soll in Coffeeshop ähnlichen Geschäften wie z. B. in den Niederlanden mit geschultem Personal (Drogenfachkräfte) und der entsprechenden gewerblichen Lizenz erfolgen. Aufklärung und Beratung sollen über Drogenfachkräfte zwingend gewährleistet sein. Einschränkungen ergeben sich grundsätzlich aus dem Jugendschutzgesetz (Alter 16 Jahre) und der Straßenverkehrsordnung (Fahren ohne Drogeneinfluss) und dem Eigentum- bzw. Hausrecht in dem Sinne, dass der Konsum nur dort erlaubt ist, wo die Rechte Dritter nicht berührt
werden.

4. Werbung

Allgemeines Werbeverbot für alle Drogen.

5. Qualitätsüberwachung

Zum Schutz der Drogengebraucher/​-​innen soll durch die Lebensmittelüberwachung der Reinheitsgrad und die Qualität von Drogen sichergestellt werden.

6. Produkthaftung

Bei fehlerhafter Herstellung und Verunreinigung der Produkte soll der Hersteller wie üblich haftbar gemacht werden.

7. Steuern

Die aus dem Verkauf von Drogen erhobenen Steuern sollen ausschließlich an Hilfeeinrichtungen und in die Forschung im Drogenbereich fließen.

8. Aufklärung

Grundsätzlich soll die allgemeine Aufklärung der Bevölkerung über Drogen und ihre möglichen Auswirkungen schon frühzeitig einsetzen und gesichert sein.


Schlussbemerkungen:

Legalisierung ohne Wenn und Aber!

Und wir meinen auch L e g a l i s i e r u n g, nicht Entkriminalisierung. Denn zwangsläufig würde eine Legalisierung aller Drogen ja die Konsumenten tatsächlich ent-​kriminalisieren. Der Begriff Entkriminalisierung allein ist für uns nicht aussagekräftig genug, denn er überließe den Ländern wieder Entscheidungs- und Handlungsspielräume! Die Forderung nach Legalisierung bedeutet für unsere Gesellschaft letztendlich Kontrolle! Heute bestimmen Kriminelle nicht nur den Preis, sondern auch die Qualität, wer den Stoff verkauft, wohin der Gewinn fließt und an wen verkauft wird. Über die legalen Drogen (Alkohol, Tabletten, Kaffee, Nikotin) bestimmt der Staat bis ins kleinste Detail den Ablauf der Vermarktung. Es ist für uns nicht nachvollziehbar, dass die Politik Verbrechern das Geschäft überlässt und diese ungeschoren bleiben, während die Konsumenten per Gesetz zu Kriminellen gemacht werden.

Es wird höchste Zeit, diese Zustände zu ändern. Die Kontrolle aller Drogen gehört in die Hände
unseres Staates.

Gleichwohl sind wir uns bewusst, dass es immer Menschen geben wird, die an einer Droge „hängen bleiben“ und süchtig werden. Das ist keine private Angelegenheit, sondern wir sind als Gesellschaft gefordert, die Hintergründe und Dispositionen der Konsumenten zu betrachten, die zu exzessivem Konsum und/​oder zur Sucht führen. Und genau dort ansetzen mit Hilfen.

Francis Picabia formulierte den Spruch mit dem wir unsere Ausführungen beenden:

Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“.


Erstveröffentlichung: „Entkriminalisierung von Drogenkonsumenten-​Legalisierung von Drogen“ (Ralf Gerlach, Heino Stöver Hrsg – Fachhochschulverlag . Band 32.)
Überarbeitete Fassung vom April 2014

In einem weiteren Beitrag haben wir das Selbstverständnis der Elterninitiative Wuppertal veröffentlicht. Vielen Dank an Heidrun Behle und Jürgen Heimchen für das Vertrauen. Die Zusammenarbeit zwischen uns als Aktivist*innen und Eltern liegt uns sehr am Herzen, um uns gemeinsam gegen Stigma, Scham, Schweigen und tödliche Drogenpolitik zu wehren.

20 Grundsätze für eine sozial gerechte Legalisierung

Basierend auf den ersten Erfahrungen in verschiedenen Ländern der Welt und Staaten der USA hat der internationale drogenpolitische Dachverband idpc ein Booklet zur verantwortungsvollen Cannabis-​Regulierung herausgegeben. Die 20 Grundsätze bieten einen Rahmen für die Gestaltung eines sozial gerechten Gesetzes.

  • Im folgenden findest du/​finden Sie die deutschsprachige Übersetzung als PDF und Textversion.
  • Die englische und spanische Version der Kurzfassung sowie den ausführlichen Bericht (EN) findest du/​finden Sie hier auf der Website des idpc.
  • Zum Mitdiskutieren: Der Hanfverband hat konkrete Eckpunkte erarbeitet, um Debatten über die Details zu unterstützen!

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[PDF herunterladen]

Portugals Entkriminalisierung von Drogen

Die folgenden Videos geben einen guten Einblick in die portugiesische Drogenpolitik. 2001 wurden der Konsum und Besitz von Drogen aus dem Strafgesetzbuch genommen und werden seitdem als Ordnungswidrigkeit behandelt. Im internationalen Vergleich war und ist dies eine beachtenswerte Abkehr vom System der Strafverfolgung und wird aufgrund seiner Erfolge in der Senkung der Todeszahlen und Abhängigkeitserkrankungen als Vorbild zitiert. 

Was man aber auch von Portugal lernen sollte: Als Ordnungswidrigkeit bleibt die Legitimation von Kontrolle und Übergriffen in die Privatsphäre erhalten. Die allgemeine Stigmatisierung von illegalem Drogengebrauch ist zwar gesunken, aber evidenzbasierte Hilfsmaßnahmen wie Drogenkonsumräume mussten trotzdem erkämpft werden (15 weitere Jahre lang!). Ohne legalen Markt oder immerhin flächendeckendes Drug Checking bleiben die Probleme der schwankenden Dosis und gefährlichen Streckdose erhalten. 

INPUD (International Network of People who Use Drugs) hat einen Bericht erarbeitet, der die verschiedenen Formen von Entkriminalisierung vorstellt und gibt Empfehlungen.

Drogen“ – Ein Gedicht von Beate Stör

Drogen hat´s auf dieser Welt immer schon gegeben.
Teils bereichern, teils zerstören sie Leben.
Es kommt halt eben darauf an,
wo man sie erstehen kann.
Manche sind seit ew´gen Zeiten fest im Alltag integriert
Kein Mensch der Böses dabei denkt, dass man sie konsumiert.
Die anderen Arten allemal
Sind bei uns eben illegal.
Folglich sind deren Konsumenten schlecht,
denn bei uns entscheidet dies das „Recht“.
Gesellschaftlich fällt ins Gewicht
was erlaubt ist oder nicht.
Abgestempelt wird da rasch,
zum Beispiel bei Cannabis, Hasch
und vielen anderen Substanzen
bestimmt man stur im großen Ganzen,
wer das nimmt ist kriminell
und dieses Urteil fällt man schnell.
Schaut man mal genauer hin,
macht das Verbot gar keinen Sinn.
Deshalb ist das auch verkehrt,
weil kaum jemand sich drum schert.
Konsumiert wird trotz Verbot,
jedoch dadurch entsteht erst große Not.
Ein Weltmarkt ist der Drogenhandel
geworden und es ist kein Wandel
in Sicht, solang die Politik so bleibt
wenn man nicht endlich Geschichte schreibt.
Die Zeit dafür ist mehr als reif,
bewegt euch endlich – bleibt nicht steif
an alten Mustern, alten Zöpfen
hängen; aus Forschungswerten lässt sich schöpfen.
Für Entkriminalisierung ist´s höchste Zeit
woanders ist man längst soweit.
Illegal gekaufter Stoff,
bringt nach wie vor gesetzlich Zoff,
ist außerdem gepanscht, gestreckt
und oftmals durch und durch verdreckt.
Das bedeutet vor allem Lebensgefahr
s´ist mittlerweile jedem klar,
mancher Tod ließ sich vermeiden
und Menschen müssten nicht so leiden,
wenn politisch sich was tut
zwar ist deshalb nicht alles gut,
jedoch ein erster Schritt wär´ so getan,
also bitte – packt es an!

Beate Stör leitet seit über 20 Jahren den Elternkreis Leutkirch im Allgäu – ein geschützter Ort für Eltern und Angehörige von suchtkranken oder ‑gefährdeten Kindern, die sich oft aus Scham, Angst und Überforderung zurückziehen. Beate Stör setzt sich für den Schutz von drogenabhängigen Menschen ein und spricht sich für die Entkriminalisierung von Eigenbedarfsmengen und flächendeckende Hilfsangebote aus sowie notwendige legale Regulierungen, um Drogengebrauchende vor tödlichen Überdosierungen und gefährlichen Beimengungen zu schützen. 2020 verlor sie ihren 43-​jährigen Sohn Bertram an eine Opioid-Überdosierung.

Außerdem von ihr im Blog: Das Gedicht „Gestrandet“
Zum Gedenktag für die verstorbenen Drogengebrauchenden: „Die Verbote bringen nichts“