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Kategorie: Interviews

Harm Reduction für Kolumbien: Drug Checking, Drogenkonsum Coming-​Out, Kokainregulierung

Ein Gespräch mit Julián Quintero

Eine Welt ohne Drogen ist unmöglich zu erreichen. Wir brauchen eine Welt, in der wir in Frieden mit ihnen leben können.“*

Échele cabeza cuando se dé en la cabeza – ein spanisches Wortspiel für: „Benutze deinen Kopf, wenn du Drogen nimmst“, kurz: Échele Cabeza – ist der Name eines kolumbianisches Projekts für risikoarmen Drogengebrauch in Partykontexten. Échele Cabeza gehört zur Dachorganisation Acción Técnica Social (ATS), die seit 2007 verschiedene Projekte zur Weiterentwicklung von Harm Reduction und Drogenpolitik organisiert und dabei nicht nur in Kolumbien, sondern ganz Lateinamerika Debatten anregt.

So hat die ATS beispielsweise mit dem CAMBIE-Projekt den Austausch von Spritzen für injizierende Drogengebraucher:innen in Kolumbien erstmals ermöglicht. Andere einflussreiche Projekte sind das Festival für psychoaktive Kurzfilme und #CocaReguladaPazGarantizada. Letzteres ist der Projektname für die weltweit erste Gesetzesvorlage, die die Produktion und den Verkauf von Coca-​Blättern und ihren Derivaten, einschließlich Kokain, auf nationaler Ebene regulieren soll. Diese soll den blutigen Drogenkrieg in Kolumbien, der nun schon 50 Jahre andauert, beenden.

Über Prävention und Sucht – Ein Gespräch mit Jörg Böckem

Jörg Böckem, geb. 1966, arbeitet als freier Journalist für renommierte Zeitungen wie den Spiegel, Die Zeit und das ZEIT-​Magazin. Er hat drei Bücher über Drogen, Rausch und Sucht geschrieben und ist Co-​Autor zweier weiterer Bücher, unter anderem des Aufklärungsbuchs „High sein“ (2015), das er zusammen mit dem Substanzforscher und Präventions-​Praktiker Dr. Henrik Jungaberle geschrieben hat. In seiner Autobiographie „Lass mich die Nacht überleben“ von 2004 berichtet Böckem von seinem Doppelleben als Journalist und Heroinabhängiger sowie von seinem schwierigen Weg aus der Sucht. Jörg Böckem hält Vorträge und Lesungen an Schulen, Universitäten, Gefängnissen und Einrichtungen der Suchhilfe und ist Mitglied bei akzept e.V. – dem Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik. Wir haben mit ihm über Prävention, den Umgang mit Süchtigen und Politik gesprochen. Er erklärt, warum er – zum Schutz von Jugendlichen und Süchtigen – für eine legale Regulierung von psychoaktiven Substanzen plädiert. Das Interview ist im Rahmen unserer Kampagne für eine Generalüberholung der deutschen Drogenpolitik entstanden.


#mybrainmychoice: Gibt es gute und böse Drogen? 

Jörg Böckem: Nein, natürlich nicht. Jede Droge ist wie ein Medikament mit Wirkungen, Nebenwirkungen und Risiken zu betrachten. Die Wirkung ist außerdem von weiteren Faktoren abhängig und hat nie nur mit der Substanz zu tun. Man spricht vom Dreiklang „Drug, Set und Setting“: Die Droge bringt Eigenschaften mit, ich als Konsument bringe etwas mit – Persönlichkeitsstruktur, Hirnchemie, Bewältigungsmechanismen, Lösungskonzepte – und der dritte mitentscheidende Faktor ist das Setting – die Umgebung, die äußeren Umstände. Dazu gehört auch der gesellschaftliche Umgang mit Substanzkonsum und Sucht. All das spielt eine Rolle dabei, ob ein Substanzkonsum gut oder schlecht für mich ausgeht. Wenn ich mich also für den Konsum einer psychoaktiven Substanz entscheide, dann sollte ich das am besten gut informiert tun.

Worauf wir achten sollten, wenn wir über Drogen reden

Ein Interview mit dem Kriminologen Liviu Alexandrescu, übersetzt von #mybrainmychoice (Read English original)

Der Kriminologe Liviu Alexandrescu hat kürzlich eine Studie über die Medienberichterstattung zu sogenannten „Spice Zombies“ in UK durchgeführt. Insbesondere Menschen, die durch belastende Lebensumstände benachteiligt sind und als Obdachlose im öffentlichen Raum auffallen, sind Objekte abwertender journalistischer Beiträge. Liviu Alexandrescu beleuchtet den Zusammenhang zwischen dieser Form des Journalismus und der Sozial- und Sparpolitik des letzten Jahrzehnts.

Um seine Erkenntnisse auf die Situation in Deutschland zuverlässig anzuwenden, bräuchte es eine eigene Untersuchung; in Anbetracht der jedoch noch geringen kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Medienberichterstattung bezüglich Drogengebrauchs haben wir Liviu Alexandrescu um dieses Interview gebeten.

Während in UK die synthetischen Cannabinoide, genannt „Spice“, zur „Horrordroge“ wurden, drehen sich die Schreckensgeschichten hierzulande meist um Crystal Meth und Heroin. Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist dabei ein populärer Schauplatz für abwertende Meinungen über den Drogengebrauch von Armen und Obdachlosen – ohne dass größere (beispielsweise sozialpolitische) Zusammenhänge der Notlagen untersuchen werden (z.B. hier, hier, hier).

How we talk about drugs and why it matters

An interview with criminologist Liviu Alexandrescu
Zur deutschen Übersetzung

#mybrainmychoice: Why is the analysis of media coverage on drug users a relevant research topic?

Liviu Alexandrescu: As we can see well and beyond the scope of drug policy, how public discourse frames various events and conditions unfolding in the news cycle has consequences in terms of how the social issues framing them are eventually dealt with. This obviously matters for all manner of political and philosophical reasons relating to any democratic society’s responsibility to look after its most vulnerable. But even more so when it comes down to groups such as those deemed to be ‘problematic substance users’, who tend to be exposed to other vulnerabilities and forms of marginalization pertaining to low socio-​economic status, racist policing and so on.

These have been groups historically stigmatized and subjected to various forms of symbolic* and physical violence under the guise of the ‘war on drugs’ and prohibitionist drug laws, by governments, law enforcement and civil populations, often in complicity. Criminological research should aim to understand, as well as counteract the cultural mechanisms and persisting stigma that oftentimes legitimise the abuse they face.

Interview mit M. über Substitution und das Frankfurter Bahnhofsviertel

M. gab Philine im November 2018 eine Führung durch die Straßen des Frankfurter Bahnhofsviertels, die bekannt für ihre sichtbaren Drogenkonsument*innen und ihre Drogenkonsumräume sind. M. hat mehrere Jahre Heroin konsumiert, bevor sie vor zwei Jahren ein Substitutionsprogramm begann. Im Interview erklärt sie Abläufe von Substutionsprogrammen und erzählt, wie sich Innen- und Außenperspektiven vom Frankfurter Bahnhofsviertel unterscheiden. M. spricht außerdem über das politische Spannungsfeld zwischen der Unterstützung von Konsumierenden in schwierigen Situationen und ihrer Verdrängung aus dem Stadtbild.


mybrainmychoice: Wie kam es, dass du einen Substitutionsarzt aufgesucht hast?

M.: Das hat sich gewissermaßen logisch ergeben. Ich war mit meiner Abhängigkeit an einen Krisenpunkt gekommen, die Situation hat mich zunehmend eingeschränkt und Alternativen wie selbstorganisiert oder stationär entziehen kamen aus verschiedenen Gründen nicht infrage. Da ging ich zu einer der niedrigschwelligen Einrichtungen im Bahnhofsviertel, ließ mich beraten und kam zum Glück innerhalb kurzer Zeit bei einem Arzt unter.

Leben ohne Alkohol

Ein Gespräch mit Patrick Schönfeld

Patrick Schönfeld trinkt schon seit seiner Jugend nicht mit, wenn sich andere an Alkohol berauschen. In diesem Interview teilt er seine Perspektiven auf eine seltsam zu beobachtende und zu wenig reflektierte Norm. Als Der Artgenosse zerlegt er in seinem YouTube-​Channel und in seinen Comics auf Facebook Pseudoargumente gegen Veganismus. Patrick arbeitet als Medien- und Kommunikationsdesigner und ist Mitglied der Giordano-Bruno-Stiftung.


mybrainmychoice: Die meisten machen ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol in ihrer Jugend. Wie ist das an dir vorbeigegangen?

Patrick: Ich fand es schon immer befremdlich, was für seltsame Gruppendynamiken Menschen manchmal entwickeln und dabei Sachen tun, die ich nicht wirklich verstehe oder unterhaltsam finde. Wenn bei uns – ich bin in einer kleinen Kreisstadt mit 10.000 Einwohnern aufwachsen – Jugendliche vor Kneipen oder Discountern zusammen gesoffen haben, hat sich mir dieser Reiz nicht erschlossen. Es wäre vielleicht anders gewesen, wenn ich die Leute cool gefunden und mich gut mit ihnen verstanden hätte. 

Interview mit Sebastian über Psychosen und Leistungsdruck

Sebastian* ist 28 und studiert in Berlin. Seit er 20 war, lies er sich wiederkehrend durch medikamentöse Therapien behandeln. Für 3 Monate hielt er sich in einer Klinik auf und lebte danach in einer therapeutischen WG. Es wurde eine sogenannte drogeninduzierte Psychose** diagnostiziert, die durch langjährigen und intensiven Cannabis- und Alkohol-​Konsum in seiner Jugend – in Verbindung mit Leistungsdruck und Ängsten – ausgelöst worden sei.

Interview mit Xaver über MDMA, 2 C‑B und Bigotterie

Xaver*, 28, vereint alle biographischen und äußerlichen Merkmale, um in unserer Gesellschaft bevorteilt zu werden. Der Substanzkonsum gehört zu seinem Leben, aber man sieht es ihm nicht an. Wenige Jahre nach seinem Studium hat er nun eine gute Position in einem bekannten Internet-​Unternehmen, legt darauf aber keinen Wert.

Lesezeit: 9 Minuten