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Bild von Picjumbo.com via Pexels

Interview mit Xaver über MDMA, 2 C‐​B und Bigotterie

Xaver*, 28, vereint alle biographischen und äußerlichen Merkmale, um in unserer Gesellschaft bevorteilt zu werden. Der Substanzkonsum gehört zu seinem Leben, aber man sieht es ihm nicht an. Wenige Jahre nach seinem Studium hat er nun eine gute Position in einem bekannten Internet‐​Unternehmen, legt darauf aber keinen Wert.

Lesezeit: 9 Minuten


mybrainmychoice: Welche Substanzen spielen eine wesentliche Rolle für dein Leben und wann hast du damit gestartet, sie zu nehmen?

Xaver: Vor allem MDMA und 2C‐​B, ansonsten noch Pep bzw. Speed. MDMA war meine erste und einschneidendste Erfahrung. Das erste Mal war mit 24. Ich hatte großes Interesse, es auszuprobieren. Ich war mit 23 das erste Mal auf einem Festival, wo der Substanzgebrauch offen gelebt wurde. Mit Cannabis konnte ich daran nicht teilhaben, und mit Alkohol auch nicht. Ein Jahr lang, bis zum nächsten Mal auf diesem Festival, hatte ich innerlich abgewägt, ob ich es diesmal ausprobiere oder nicht.
MDMA hat für mich eine Tür aufgemacht, die ich nicht mehr schließen konnte. Am Tag danach dachte ich, ich sei ein anderer Mensch. Sie macht mich lebensfroh und lebensbejahend. Sie war meine „Einstiegsdroge“ für andere „harte“ Substanzen. 2C‐​B ist ähnlich intensiv, einfach zu handeln und letztlich weniger einschneidend.

Wie kamst du denn so spontan zu MDMA, dass du es einfach mal ausprobieren konntest?

Auf den Festivals laufen Dealer rum und fragen, ob du was willst.

Wie oft konsumierst du seitdem diese Substanzen?

An den Wochenenden, aber nicht immer die gleichen. Ich versuche, über mehrere Wochen Pausen von den jeweiligen Substanzen einzulegen. Je länger meine Konsumpause, desto besser ist die Erfahrung danach wieder. Ich möchte das Besondere wahren.
Seit April mache ich eine Pause von MDMA. Da musste ich den Fehler machen, es in der falschen Situation zu nehmen. Ich steckte ohnehin in einer Krise und hatte danach eine Woche lang eine mittelschwere depressive Episode. Ansonsten merke ich aber frühzeitig, wenn es mal wieder für ein paar Wochen reicht.

Und hast du sie auch mal während der Arbeit genommen?

Nein, da nicht. Es gehört zu meinen Überzeugungen, Substanzen nicht zu konsumieren, um in der Gesellschaft zurechtzukommen.
Und ein Dauerzustand würde meinen Alltag und die Erfahrungen kaputt machen.

Verbindest du MDMA und 2C‐​B mit Partys oder hat es für dich auch in anderem Kontext Sinn?

MDMA habe ich auch anderweitig versucht, aber das sind Ausnahmen. Das gehört auf eine Party. 2C‐​B weniger, das ist keine Clubdroge. Ich ziehe da aber eine Trennlinie. Beim Zusammensitzen mit Freunden kann man das schon machen, drauf zu sein, aber muss auch echt nicht sein.

Wie sieht für dich ein passendes Setting aus?

Ich muss mich sicher fühlen, um mich fallen lassen zu können. Aber ich fühle mich recht leicht sicher. (lacht) In meiner Heimatstadt heißt das, in einem Umfeld von Betrunkenen zu sein, weil ich da nicht auffalle. Da habe ich keine Angst vorm Erwischt werden. Meine Heimatstadt ist sehr repressiv und die Türsteher kennen da keine Akzeptanz. Meine Alternative wäre mitzusaufen, um auch Spaß zu haben, aber darauf habe ich keine Lust.
In Berlin muss ich mir keine Gedanken machen, da ist der Konsum ja ein offenes Geheimnis. Die Clublandschaft ist ja ein Anreiz herzuziehen oder herzureisen. Das wäre ja ohne das Laufenlassen nicht möglich. Das wissen alle, sicherlich auch die Behörden. Es ist ein Wirtschaftsfaktor! Das heißt natürlich nicht, dass jeder hier konsumiert.

Wie findest du Alkohol, Tabak und Cannabis?

Beim Feiern trinke ich wenig Alkohol. Wenn dann nur für den Geschmack.
Aber Alkohol gehört schon zu meinem Alltag. Unter der Woche trinke ich abends oft 1–2 Bier. Ich will eigentlich jeden Tag nicht nüchtern sein und Alkohol ist das einfachste.
Das Rauchen habe ich mittlerweile endlich aufgehört. Und Cannabis habe ich mit dem 1. Mal MDMA quasi aufgegeben, es ist einfach nicht meine Substanz.

Glaubst du, es gibt einen besonderen Grund für dein Konsumverhalten?

Ja, man hat immer einen Grund. Ich glaube, es gibt zwei große Fehlannahmen. Die eine ist, dass alle illegalisierten Substanzen einen automatisch zum Junkie machen.
Die Illegalisierung verbannt Substanzen aus der Diskussion, nicht aber aus dem Leben: Wir sprechen nicht drüber, sehen es nicht, aber wir können davon ausgehen, dass Millionen in Deutschland konsumieren ohne dass man es bemerkt oder ihnen ansieht.
Andere ziehen daraus den Schluss, dass die allermeisten Konsumenten sich und anderen keinen Schaden zuführen und ausschließlich zur Rekreation Drogen nehmen. Früher wollte ich das glauben, heute kann ich es nicht mehr. Jeder hat seinen Rucksack zu schleppen, es ist für mich nicht vorstellbar, dass jemand in dieser Gesellschaft keinen Schaden abkriegt. Natürlich will man als Konsument Motive romantisieren. Letztlich konsumieren wir doch alle um zeitweise die fiese Realität hinter uns zu lassen.

Machst du dir Gedanken darüber, dass eine Substanz mal gefährlich gepanscht sein könnte oder was anderes enthält, als zu möchtest? Gibt es für dich Quellen, auf die du dich verlässt?

Verlässlichkeit gibt es nicht. Die Dealer verkaufen, was sie kriegen.
Ich habe mir eine Reagenzflüssigkeit als Indikator geholt. Die zeigt aber nur an, welche Substanz überwiegend enthalten ist. Das ist besser als nichts, aber reicht natürlich nicht. Es ist immer Russisches Roulette. Damit lebe ich und habe es akzeptiert, will das aber eigentlich nicht.
Es wäre schön, wenn es richtiges Drug‐​Checking gäbe, aber das scheitert in Berlin ja gerade noch daran, dass nicht geklärt ist, ob sich die Checkenden während des Besitzes strafbar machen würden.
Drug‐​Checking sollte nicht verboten sein. Substanzgebrauch ist etwas sehr Normales bei mir und in meinem Freundeskreis. Aber wie war das noch? „Drogen sind verboten, weil sie gefährlich sind“? Nein, Drogen sind gefährlich, weil sie verboten sind. Erstmal weiß niemand, was wirklich drin ist und wüsstest du intuitiv, wieviel du nehmen sollst? Mit Alkohol lernt man leider „mehr ist immer besser“, bei illegalisierten Substanzen ist dieser Ansatz fatal. Die Drogenpolitiker setzen Menschen also großer Gefahr aus. Aber wenn mich jedes Mal Gedanken daran beschäftigen würden, würde ich nichts nehmen.

Wie schätzt du die richtige Dosis für dich ein?

Ich wiege mit einer Feinwaage und informiere mich im Internet über Drittberichte und Dosierungsempfehlungen. Google einfach das Logo auf den Tabletten (lacht). Es ist toll, wie leicht das übers Internet geht, solche Informationen zu erhalten!
Bei MDMA nehme ich bei jeder Bestellung – das ist ja jedes Mal eine größere Menge – erst eine kleine Dosis, und dann stellt es sich mir vor. Ich habe ja Erfahrung und merke dann, wie es wirkt.

Gibt es bestimmte Seiten im Internet, die dir helfen?

Ja, auf jeden Fall! Drugscouts ist meine Anlaufstelle No. 1. Ohne die wäre bestimmt viel schiefgelaufen. Big Fan!! (lacht)

Hast du denn auch negative Erfahrungen gemacht?

Ja, ich hatte zwei miese Erlebnisse. Beim ersten habe ich zu viel MDMA genommen. Das war ein superstarkes Teilchen und ich habe es trotz Pillenwarnung in der taz genommen. Die erste Hälfte war aber phantastisch!
Die Hälften sind oft nicht gleich dosiert. 8 Stunden später habe ich die zweite Hälfte genommen und war froh, als es vorbei war.
Beim zweiten Mal war es offenbar kein MDMA, aber ich weiß immer noch nicht, was es gewesen sein könnte. Unsere Fehler waren, dass wir davor viel getrunken hatten und es von irgendwem im Club gekauft haben. Und dann kam noch der klassische „Idiotenfehler“, obwohl wir es eigentlich besser wussten: Als es erst nicht gewirkt hat, haben wir nachgelegt.
Wir haben es überlebt, und so war es im Nachhinein wichtig für uns zu lernen, dass es auch mal so laufen kann, und diese Fehler nicht mehr zu machen.

Was waren deine angenehmste und deine unangenehmste Erfahrung mit MDMA und 2C‐​B? Sind die negativen gleichzeitig die im Nachhinein unangenehmsten?

Als ich das erste Mal auf MDMA war, gehört zu meinen angenehmsten Erfahrungen. Es war so überraschend, dass sowas passieren kann. Ein Tripsitter, jemand aus dem Freundeskreis, war dabei und daher konnte ich mich fallen lassen. Und zu den angenehmsten Erfahrungen mit MDMA gehört auch, ein Jahr später, das erste Mal mit meiner großen Liebe zusammen.

Die beiden Male, als es schiefging, sind nicht unbedingt die unangenehmsten Erfahrungen, denn daraus habe ich beide Male was gelernt. Durch MDMA habe ich vielmehr gelernt, dass es kein gut und schlecht gibt. Es hat mir die Angst vor dem Unbekannten genommen. Alle Erfahrungen waren irgendwie wichtig.

2C‐​B macht mir tierisch Spaß. Es ist schwer zu greifen, was mir daran gefällt. Ich kanns nicht beschreiben. Es ist eine stark psychoaktive Substanz, aber gleichzeitig hat man auch das Gefühl, relativ klar zu sein. Ich habe keine unangenehmen Erfahrungen damit. Ich kann mich währenddessen sehr gut unterhalten, und auch einschlafen, wenn ich nicht mehr mag.

War 24 für dich das passende Alter zu starten?

In der Rückschau hat es Sinn gemacht. Indem ich schon etwas älter war, konnte ich die Erfahrungen nicht als was Normales kennenlernen. Für mich war es wichtig, davor gelitten zu haben. Vor ein paar Wochen wurde festgestellt, dass ich Depressionen habe. Ich habe MDMA auch damals schon nicht unbelastet genommen. Das Leiderleben war da und ich war auf der Suche nach Besserung. Das hat den Konsum sehr begünstigt. Unter anderen Umständen hätte ich es vielleicht gar nicht ausprobiert.
Wäre ich mit meinem Leben zufrieden gewesen, hätte ich mir wahrscheinlich keine anderen Erfahrungen gewünscht.
Davor war ich viel Saufen und habe mich auf diese Weise betäubt und bin geflüchtet. Auch Alkoholkonsum kommt nicht von ungefähr.

Falls du darüber reden möchtest – wie hast du von deiner Depression erfahren und wie gehst du nun damit um?

Ja, unbedingt. Ich finde das sehr wichtig, darüber zu reden und den Zusammenhang zu zeigen.
Durch die Substanzen habe ich gelernt, dass zum krassen Glücksstreben auch Leid gehört. Und ich konnte durch die Erfahrungen mich selbst soweit verstehen, dass ich ein tiefer liegendes Problem aufschiebe. Vor 6 Wochen bin ich zu einem Therapeuten gegangen, der die Depression festgestellt hat und bin nun seitdem in Therapie.

Ich habe gehört, es sei manchmal schwierig, Therapeut_​innen vom Substanzkonsum zu erzählen. Viele machen wohl schlechte Erfahrungen, dann gleich in eine Schublade gesteckt und nicht mehr ernst genommen zu werden. Wie ist das bei dir?

Mein Therapeut ist da zum Glück offen. Er hat mich bei der ersten Sitzung gleich gefragt, ob ich Drogen nehme. Er setzt sich für Drug‐​Checking ein.

Wie kommst du grundsätzlich an Substanzen?

Ich habe es da sehr leicht. (lacht) Ich brauche keinen Dealer, sondern lasse mir alles von zwei Leuten aus der Arbeit mitbringen.

Stellst du dir dein zukünftiges Leben mal ohne Substanzen vor?

Nein, ich kann mir ein Leben ohne Drogen nicht vorstellen.

Einige würden mit diesem Wissen über dich behaupten, du seist abhängig oder süchtig. Kannst du dich damit identifizieren?

Es ist sicherlich eine psychische Abhängigkeit oder auch Sucht, aber keine physische. Für mich gehören die Substanzen zum Clubbesuch an den Wochenenden dazu. Ich erlebe sie als Bereicherung.
Ich war bis Anfang des Jahres zehn Jahre lang starker Raucher. Ich weiß, wie sich Sucht anfühlt, wie sie den Alltag bestimmt. Das ist kein Vergleich. Und ehrlich gesagt wäre ich mir gar nicht sicher wie es um meinen Alkoholkonsum bestellt wäre, wenn ich nur das konsumieren würde. Das wäre ja auch mehr oder weniger akzeptiert.

Was wünscht du dir von der Drogenpolitik?

Die Rechtslage macht auf jeden Fall keinen Unterschied für mich, ob ich diesen Lebensstil führe oder nicht. Aber ich bin durch und durch politisch und es ist sehr schwer, eine Situation ohne den Kapitalismus und seine Art des Zusammenlebens zu erleben. Mit Substanzen erlebt man eine andere Wahrheit und es gibt viele verschiedene Wahrheiten. Ich kann das mit meinen Eltern und Freunden nicht offen genug durchsprechen.

Ich würde mir wünschen, dass überhaupt offen über den Konsum und Erfahrungen gesprochen wird. Seit jeher haben Leute konsumiert. Mich stört diese Unaufrichtigkeit. Es bereitet mir Sorgen, dass ich nicht offen darüber sprechen kann. Und dass ich hier Xaver heißen muss! Aber würde ich meine echten Namen nennen, würde ich nicht nur mich, sondern auch meinen Freundeskreis outen. Ich will ein sichtbares Beispiel von Millionen sein können! Diese Bigotterie nervt mich.
In meiner Heimatstadt habe ich zum Beispiel auf einer Hochzeit zwei Freunde von früher getroffen. Aus „Was machst du?“ ist schnell ein politisches Gespräch geworden und ich habe meine Ansichten, meinen Drang, in einer solidarischen, progressiven Gesellschaft emanzipierter Individuen zu leben am Beispiel Drogen dargelegt. Die beiden hatten keine Ahnung, wie normal Substanzerfahrungen unter ihren dort anwesenden Bekannten sind. Er ist ein Konservativer, der glaubt, Drogen müssen zum Schutz verboten werden. Ich habe ihm gesagt: Ich bin Konsument und ich kann dir aus erster Hand sagen, dass du Menschen dadurch nicht beschützt sondern gefährdest.

Wie haben die beiden reagiert?

Diese Offenbarung war ein kräftiges Argument. Er hat zwar seine Meinung wohl nicht geändert. Aber sie war sehr interessiert. (lacht)

Ich möchte zwar, das jeder über seinen Konsum selbst entscheiden kann. Aber manchmal wünsche ich mir auch, in einer Welt zu leben, in der jeder Mal MDMA genommen hat. Man muss sich zwar bewusst mit der Erfahrung beschäftigen können, aber wäre das möglich, sähe die Welt ganz anders aus. Ich habe erlebt, wie empathisch, angenehm, offen, wach, aufmerksam und zuvorkommend man anderen begegnen kann. Das hat mein Menschenbild unfassbar zum Positiven verändert.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Philine Edbauer.


*Name geändert

Fragen werden gerne an den Interviewten weitergeleitet.
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