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Bild: Screenshot von der Website echelecabeza.com

Harm Reduction für Kolumbien: Drug Checking, Drogenkonsum Coming-​Out, Kokainregulierung

Ein Gespräch mit Julián Quintero

Eine Welt ohne Drogen ist unmöglich zu erreichen. Wir brauchen eine Welt, in der wir in Frieden mit ihnen leben können.“*

Échele cabeza cuando se dé en la cabeza – ein spanisches Wortspiel für: „Benutze deinen Kopf, wenn du Drogen nimmst“, kurz: Échele Cabeza – ist der Name eines kolumbianisches Projekts für risikoarmen Drogengebrauch in Partykontexten. Échele Cabeza gehört zur Dachorganisation Acción Técnica Social (ATS), die seit 2007 verschiedene Projekte zur Weiterentwicklung von Harm Reduction und Drogenpolitik organisiert und dabei nicht nur in Kolumbien, sondern ganz Lateinamerika Debatten anregt.

So hat die ATS beispielsweise mit dem CAMBIE-Projekt den Austausch von Spritzen für injizierende Drogengebraucher:innen in Kolumbien erstmals ermöglicht. Andere einflussreiche Projekte sind das Festival für psychoaktive Kurzfilme und #CocaReguladaPazGarantizada. Letzteres ist der Projektname für die weltweit erste Gesetzesvorlage, die die Produktion und den Verkauf von Coca-​Blättern und ihren Derivaten, einschließlich Kokain, auf nationaler Ebene regulieren soll. Diese soll den blutigen Drogenkrieg in Kolumbien, der nun schon 50 Jahre andauert, beenden.

Julián Quintero ist der Gründer der ATS. Wir freuen uns sehr, dass wir ihn für ein Interview gewinnen konnten. Der Soziologe und Aktivist berichtet vom Drug Checking, von der Ermutigung zum Drogenkonsum Coming-​Out und der Gesetzesinitiative zur Kokainregulierung.

Das Interview wurde bereits im Frühjahr 2021 geführt. Entsprechend beziehen sich die Beobachtungen zur Pandemie auf die ersten Monate und den landesweiten Lockdown. Aktuelle Entwicklungen haben wir am Ende des Beitrags vermerkt und weiterführende Informationen zur kolumbianischen Drogenpolitik und zu Harm Reduction in Deutschland verlinkt.


Julián, Drug Checking macht einen großen Teil eurer Arbeit bei Échele Cabeza aus. Kannst du uns einen kurzen Einblick geben, wie das abläuft?

Mit kleinen Mengen der Substanzen, die uns die Konsument:innen geben, führen wir physikalisch-​chemische und kolorimetrische Analysen durch, um herauszufinden, ob es sich um die Substanzen handelt, die sie glauben erworben zu haben. Wir informieren sie außerdem über das Risiko, das mit dem Konsum der jeweiligen Substanz einhergeht. Dank einer Sondergenehmigung des Nationalen Betäubungsmittelfonds findet das Angebot in einem legalen Rahmen statt, der das Mitführen von Eigenbedarfsmengen für volljährige Personen erlaubt. Échele Cabeza ist die einzige Organisation in Kolumbien, die solch eine Genehmigung erhalten hat. Das Drug Checking findet in unseren Räumlichkeiten in Bogotá und auf großen Festivals statt. Wir waren auf den wichtigsten Festivals, wie dem Estéreo Picnic und dem Rock al Parque [seit vielen Jahren das größte Rockfestival in Lateinamerika, Anm. v. MBMC]. Wir haben bereits mehr als 8.000 Proben analysiert und konnten so Frühwarnungen für Konsument:innen und das Gesundheitssystem generieren.

Wie viele Menschen nutzen dieses Angebot?

Im Jahr 2019 hatten wir direkten Kontakt mit 8.000 bis 12.000 Menschen und indirekt Einfluss auf zwischen 45.000 und 50.000 und mehr, die wir durch die Plakate auf Festivals, Berichte in den Medien und in sozialen Netzwerken veröffentlichte Warnungen erreicht haben. 2020 lief jedoch aufgrund der Pandemie ganz anders. Wir waren nur bei drei großen Festivals im Januar und Februar und mussten uns dann ganz auf die Arbeit bei uns in Bogotá beschränken. 2020 haben wir wahrscheinlich weniger als 1.500 Menschen direkt betreut, was nichts im Vergleich zu dem ist, wenn wir auf Hochtouren sind. Wir hatten eigentlich Zusagen für 12 Festivals und hätten wohl mindestens 35.000 bis 45.000 Personen direkt erreichen können. 

Wie verändert sich das Konsumverhalten der Personen, die euer Drug Checking-​Angebot wahrnehmen?

Die Daten aus dem öffentlichen Gesundheitssystem lassen sich mit Veränderungen im Konsumverhalten in Verbindung bringen: So wissen wir zum Beispiel, dass zwischen 2015 und 2017 die Einlieferungen in die Notaufnahmen in der Stadt Bogota aufgrund von Drogennotfällen um 15 bis 20 Prozent zurückgegangen sind. Durch unsere Umfragen zur Nutzung unserer Angebote und dem Konsumverhalten haben wir solide Daten zu den Auswirkungen. Auch landesweit teilen uns Drogengebraucher:innen mit, dass sie zunehmend Maßnahmen zur Minimierung von Gesundheitsrisiken und ‑schäden anwenden.

Wir können außerdem Veränderungen in der Wahrnehmung der eigenen Rechte feststellen. Beispielsweise sehen wir, dass Konsument:innen angefangen haben, ihren Anspruch auf einen informierten Drogengebrauch einzufordern. Auf diesem Weg haben wir also dazu beigetragen, die Debatte über die Notwendigkeit einer Reform der Drogenpolitik, die in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft aufgekommen ist, zu fördern. 

Mittlerweile haben wir auch engere Verbindungen zu den Medien, da unter den Menschen, denen wir geholfen haben oder die durch ein Praktikum oder Ehrenamt mit dem Drug Checking zu tun hatten, Kommunikations- und Journalismusstudent:innen waren, von denen einige heute Journalist:innen sind. Andere arbeiten als Wissenschaftler:innen engagiert daran, Bewusstsein für die Wirksamkeit des Harm Reduction-​Ansatzes zu schaffen.

Heute sehen wir also die Früchte unseres Engagements. Wir haben Verhaltensweisen normalisiert, die noch vor kurzem als skandalös galten. Es ist keine Besonderheit mehr, dass wir Drogen auf einem Festival oder bei uns in Bogotá analysieren. Über die letzten zehn Jahre ist es uns gelungen, eine Vorreiterrolle in der Zivilgesellschaft einzunehmen und eine ganze Generation für einen weniger riskanten Drogenkonsum zu sensibilisieren.

Welche besonderen Beobachtungen habt ihr in der Pandemie gemacht?

Etwa 2.000 Personen nahmen an unserer Quarantäne-​Umfrage teil, mit der wir die Auswirkungen der Pandemie auf den Konsum untersucht haben. Das hat uns sehr interessante Einblicke geliefert. Bestimmte Gruppen haben ihren Konsum insgesamt reduziert, insbesondere Leute im Alter von 18 bis 24 Jahren. Vermutlich liegt es daran, dass sie unter normalen Umständen außerhalb des Hauses konsumieren und nun praktisch gezwungen waren, den Konsum einzuschränken. Andererseits haben wir gesehen, dass die Älteren ihren Konsum um etwa 25 Prozent gesteigert haben. Es handelt sich hierbei um eine Gruppe von Nicht-​Abhängigen, die meist allein leben, tagsüber arbeiten und nachmittags oder abends einen Joint rauchen. In der Pandemie stieg ihr Konsum sprunghaft an, weil sie den ganzen Tag zu Hause waren. Interessant war auch zu sehen, dass der Kaffeekonsum im Zusammenhang mit Homeoffice anstieg. Die Ergebnisse dieser Umfrage sind in vieler Hinsicht aufschlussreich und bieten neue Perspektiven auf den kolumbianischen Drogengebrauch.

Den illegalen Strukturen der Drogenszene gelang es schnell, sich an die neuen Umstände anzupassen. Es ist spannend zu sehen, wie sich dadurch weitere Vertriebswege entwickelt haben. Die Leute litten nach 8 oder 15 Tagen Ausgangssperre, weil ihnen ihr Cannabis ausging. Sie begannen, es telefonisch zu bestellen und an der Straßenecke abzuholen. Ohne Partys hörten die Leute auf, Kokain und Ecstasy zu konsumieren und begannen stattdessen andere Substanzen zu nehmen. Sehr interessant ist auch der Einsatz von Apps für digitale Währungen, um Substanzen per Post liefern zu lassen. Weder weiß die App, dass mit ihr illegale Drogen bezahlt werden, noch weiß die Person, die die Sendung zustellt, was sie bringt.

Nach der Pandemie werden wir unsere Harm Reduction-​Angebote weiter vorantreiben. Wenn die großen Partys und Veranstaltungen wieder starten, sehe ich uns in großer Verantwortung. Die Umfragen und täglichen Beobachtungen zeigen uns, dass viel Unsicherheit herrscht. Die Toleranz ist gesunken, was heißt, dass es ernsthafte Probleme geben wird. [Die Toleranzentwicklung beim regelmäßigem Gebrauch einiger Substanzen ist eine körperliche Schutzfunktion, die nach längeren Konsumpausen wieder abgebaut wird. Wenn die Dosis dann nicht nach unten angepasst wird, kann es zu Überdosierungen kommen. Anm. MBMC]. Wir haben viel Arbeit vor uns, weil die Leute exzessiv ausgehen werden, um die verlorene Zeit auszugleichen. Wenn die Situation nicht gut gehandhabt wird, kann sie für viele schlecht enden. Wir sehen aber auch eine Gesellschaft vor uns, die anfangen wird, mehr Verantwortung zu übernehmen und mehr zu genießen, nachdem zwei Jahre ihres Lebens verloren gegangen sind – auch darauf arbeiten wir hin.

Mit der Herausgabe des Manifests hoffen wir, dass sich mehr Menschen zu ihrem Drogenkonsum bekennen werden, die dann viele weitere dazu inspirieren.“

Ihr habt vor kurzem ein Manifest zum Drogenkonsum Coming-​out (Manifesto para salir del clóset psicoactivo) veröffentlicht. Worum handelt es sich dabei?

Drogenkonsum Coming-​out bedeutet im Grunde, der Welt die eigene Beziehung zu psychoaktiven Substanzen mitzuteilen und offen über seinen regelmäßigen oder unregelmäßigen Gebrauch zu sprechen. Viele Jahre waren es die NGOs und ein paar Politiker:innen, die die Rechte von Konsument:innen verteidigt haben, aber nur selten waren sie es selbst. Das liegt vor allem daran, dass sie sich in einer so stigmatisierenden und voreingenommenen Gesellschaft wie der kolumbianischen nicht zu erkennen geben konnten. Nach dem Vorbild der Bewegungen anderer marginalisierter, sozialer Minderheiten, die durch ihren eigenen Aktivismus gestärkt wurden, ermutigen wir nun Leute, die ihren Konsum nicht länger verheimlichen wollen, sich zu outen. Zu diesem Zweck haben wir das Manifest erstellt, in dem wir Tipps und Denkanstöße geben. Wer mit seinem Verhältnis zu psychoaktiven Substanzen offen umgehen möchte, sollte gewisse Dinge berücksichtigen. Man sollte sich eine geeignete Situation überlegen, in der man das Gespräch führen will. Dann gilt es, Argumente zu sammeln und sich zu informieren. Außerdem ist es wichtig, mitzudenken, welche Auswirkungen das Outing auf das eigene Umfeld haben wird. 

Das Coming-​out ist eine Einladung zur Selbstermächtigung und eine Chance, anderen zu beweisen, dass Drogengebrauch nicht notwendigerweise bedeutet, ein Problem zu haben und die überwiegende Mehrheit weder kriminell noch krank ist. Wir wollen, dass der Gesellschaft bewusst wird, dass auch viele erfolgreiche, anerkannte, geliebte und respektierte Menschen psychoaktive Substanzen nutzen und dass ihr Konsum sie nicht daran hindert, sich als Personen vollständig zu entwickeln und die Erwartungen der Gesellschaft zu erfüllen. Es ist ein Aufruf an die Konsument:innen, Verantwortung zu übernehmen und ihre Rechte zu verteidigen, aber auch eine Änderung der politischen Maßnahmen voranzutreiben, die einen Konsum auf sichere Weise verhindern. Es ist ein Aufruf, eine sichere Versorgung mit Drogen zu fordern, um nicht mehr zu illegalen Handelsplätzen gehen zu müssen und ein Aufruf, alternative Behandlungsmöglichkeiten statt Folter in Zwangsrehabilitationszentren und schließlich, eine humane Behandlung durch die Polizei zu fordern.

Mit der Herausgabe des Manifests hoffen wir, dass sich mehr Menschen zu ihrem Drogenkonsum bekennen und damit viele weitere dazu inspirieren werden. Wir merken jetzt schon, dass sich Konsument:innen offener an Gesprächen beteiligen. Ich glaube, in den nächsten zehn Jahren wird viel über Regulierung und Mitbestimmung diskutiert werden, was dazu führen wird, dass wir unsere Ziele schneller erreichen.

Foto: Échele Cabeza, Julián Quintero 4.v.l.

Was, würdest du sagen, macht Échele Cabeza so erfolgreich?

Meiner Meinung nach ist der Erfolg von Échele Cabeza, und auch den anderen Projekten von ATS, hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass sich endlich Leute getraut haben, offen über Themen zu sprechen, die zuvor nur abseits der Öffentlichkeit diskutiert wurden. Themen von großer Bedeutung, die aber noch niemand aufgegriffen hatte. Ich glaube, dass in unserer Arbeit der Geist des Protests mit der Rückendeckung durch wissenschaftliche Erkenntnisse zusammenspielen. Wir haben aus den Erfahrungen anderer Länder gelernt und internationale Unterstützung.

Unser Erfolg ist auch damit zu erklären, dass wir einen offenen Dialog mit dem Staat aufsuchen. Wir arbeiten mit allen politischen und gesellschaftlichen Akteur:innen zusammen, die eine politische Reform anstreben und beraten Politiker:innen aller Richtungen. Nur mit der neoliberal-​konservativen Partei “Centro Democrático” stehen wir nicht in Verbindung.

Darüber hinaus ist die graphische Gestaltung ein entscheidender Faktor für unsere Arbeit, da wir uns mit der kulturellen Globalisierung und der Ausbreitung sozialer Netzwerke weiterentwickeln. Unser Projekt richtet sich speziell an junge Menschen zwischen 17 und 26 Jahren. In unserer 10-​jährigen Arbeit haben wir das Design also dreimal geändert, um immer diese Generation anzusprechen.

Als wir mit Échele Cabeza angefangen haben, war die öffentliche Kommunikation über drogenbezogene Themen lächerlich und sollte Angst schüren. Kampagnen im Stil der US-​amerikanischen „Sag nein zu Drogen“, nur im kreolischen Stil kopiert, basierten auf einem fehlenden Verständnis der jungen Bevölkerung und ihr wirkliches Erleben wurde komplett ignoriert. In dieser Situation haben wir damals eine Nische für Debatten geschaffen, die fehlte. Das hieß, auf eine andere Weise über diese Dinge zu sprechen und Wissen mit Humor und politischer Kritik zu verbinden. Dabei war es wichtig, dass wir uns nicht nur im Internet aufgehalten haben, sondern auch auf den Straßen, Partys und Demonstrationen.

Wir sind sehr sorgfältig beim Zusammenstellen von Informationen. Entscheidend ist aber, dieses Wissen in eine Sprache umzuwandeln, die über die großen Kommunikationskanäle multipliziert werden kann. Wir verändern den Diskurs in den Medien und der Politik, um aufzuklären. Darüber hinaus ist unser Projekt partizipativ, dynamisch und organisch in dem Sinne, dass Leute, die an unseren Projekten beteiligt sind diese gleichzeitig auch nutzen. Wir arbeiten professionell und sind persönlich von dem überzeugt, was wir tun. Wir glauben an die Vorteile unseres Engagements für die Gesellschaft und das macht es zu einem wichtigen Teil unseres Lebens.

Sie glauben, dass jeder, der Drogen konsumiert, krank sei, eine Behandlung brauche und in eine Klinik eingewiesen werden müsse. Diese Leute waren vor zehn Jahren Pioniere im Gesundheitswesen, aber sie sind in der Vergangenheit stehen geblieben.“

Wie geht die Regierung mit eurem Engagement um?

Zum einen hängt es davon ab, ob wir es mit Linken oder Rechten zu tun haben. Es ist ein Unterschied, ob man mit einem progressiven Bürgermeister wie Gustavo Petro zusammenarbeitet, der im Rahmen seiner Möglichkeiten alles unternimmt, um Fortschritte zu ermöglichen, oder mit Enrique Peñaloza, einem konservativen, autoritären Machthaber, der zunächst viele Teile unserer Arbeit zurückwarf, aber schließlich seinen Fehler einsehen musste und gezwungen war, unsere Projekte weiterlaufen zu lassen, nachdem er mit dem Druck der verschiedenen Gruppen, die von unseren Projekten profitierten, konfrontiert war.

Zum anderen haben wir mit Akteur:innen der öffentlichen Verwaltung zu tun, von denen uns einige sehr gerne mögen und um Hilfe bitten, ihre Programme mit neuen Ansätze und einem Paradigmenwechsel voranzutreiben. Es gibt aber auch andere, die uns Steine in den Weg legen. Zum Beispiel haben wir große Meinungsverschiedenheiten mit dem Gesundheitsministerium, das mit seiner Bürokratie und seinem rückständigen Ansatz versucht, alles zu blockieren. Die Erfolge der Spritzenaustauschprogramme, der Naloxon-​Programme (zur Verhinderung von Todesfällen aufgrund von Opioid-​Überdosierungen) und des Drug Checking sind trotz des Widerstands des Gesundheitsministeriums zu verzeichnen. Sie glauben, dass jeder, der Drogen konsumiert, krank sei, eine Behandlung brauche und in eine Klinik eingewiesen werden müsse. Diese Leute waren vor zehn Jahren Pioniere im Gesundheitswesen, aber sie sind in der Vergangenheit stehen geblieben. Ich denke, dass sie sich in der nächsten oder spätestens innerhalb von zwei Regierungen, wenn sich eine progressive Linie durchgesetzt hat, ihre Ansichten anpassen oder zurückziehen müssen.

Zum Justizministerium haben wir dagegen eine gute Verbindung. Die Haltung der Regierung schwankt also zwischen den Ressorts und mit dem politischen Hin und Her. Ich glaube aber, dass es unabhängig von rechts oder links bereits eine Mehrheit unter den politischen Vertreter:innen gibt, die uns als kompetenten und wichtigen Akteur anerkennen. Im Kongress der Republik, in den Regionen und in den Gemeinden. Wir haben es uns erarbeitet, von der Regierung beachtet und angehört zu werden. Es ist nicht immer einfach, aber wir müssen diese Chance aufrechterhalten.

Es gibt ein paar Leute, die immer noch das Pablo-​Escobar-​Syndrom haben und glauben, dass er das Problem war – nein, das Problem ist die Prohibition.“

Auf globaler Ebene passieren gerade sehr spannende Dinge: Cannabis wurde von der UN-​Kommission für Suchtstoffe (CND) aus der Liste der gefährlichsten Drogen gestrichen, das US-​Repräsentantenhaus hat für die Entkriminalisierung von Marihuana auf Bundesebene gestimmt. Es scheint, als sei das Konzept der Harm Reduction ein Thema, das mehr Schwung gewinnt. Dank Projekten wie eurem ist Kolumbien Pionier in mehreren Aspekten der Schadensminimierung. Was glaubst du, woher diese scheinbare Änderung in der globalen Diskussion kommt? Siehst du Anzeichen für weitere Entwicklungen in Kolumbien und in Lateinamerika?

Ich bin mir sicher, dass die großen Ereignisse auf politischer und globaler Ebene, wie das, was in Wien oder in den USA geschieht, keine Veränderungen sind, die dem politischen Willen einzelner Mächtiger entsprungen sind. Es sind Veränderungen, die sich zuerst in der täglichen Realität von Gemeinschaften entwickelt haben. Die Politik wird den Forderungen der Menschen nun gerecht und sieht endlich ein, dass die Regulierung der Märkte nicht schlechter sein wird als die legale Regulierung von Alkohol und Tabak.

In einer Welt zu leben, die nicht drogenfrei sein kann, ist Harm Reduction das Instrument zur Aufklärung. Auf diese Weise kann es gelingen, in einer Welt mit Drogen in Frieden und mit möglichst geringen Risiken und Schäden zu leben. In den letzten 10 Jahren ist es uns gelungen, den Ansatz der Harm Reduction fest zu verankern und ich denke, dass dies der Weg zu einer Zukunft mit regulierten Drogen ist. In Kolumbien schreiben wir gerade an vier Gesetzesentwürfen mit: Einer zur Regulierung von Koka und Kokain, zwei über Marihuana und einer zur Regulierung von E‑Zigaretten und Verdampfern und Reduzierung von Risiken und Schäden speziell durch diese Geräte. [Jeweils aktueller Stand in den Anmerkungen.]

Lateinamerika macht zwar Fortschritte, aber nur langsam und das hängt, denke ich, stark von den politischen Verhältnissen ab. Je nachdem wer regiert, werden die Entwicklungen vorangetrieben oder ausgebremst. Kolumbien ist meiner Meinung nach eines der wenigen Länder, welches die Reformdebatte trotz der amtierenden Regierung am Laufen halten kann. Der Krieg gegen Drogen erlebt in Kolumbien seine letzten Jahre. Niemand glaubt mehr an die Ausräucherung [mit Glyphosat aus Flugzeugen oder Drohnen; Anm. MBMC] und erst recht nicht an die Ausrottung von Koka. Niemand mehr glaubt an den Krieg. Es sind nur ein paar wenige, die von ihm leben und ihn unterstützen.

Der Wandel rückt auch deshalb immer näher, weil wir einen Generationswechsel erleben. Es gibt ein paar Leute, die immer noch das Pablo-​Escobar-​Syndrom haben und glauben, dass er das Problem war – nein, das Problem ist die Prohibition. Aber sie werden älter, scheiden aus ihren Ämtern aus und eine neue Generation, die mit legalen Mengen für den Eigengebrauch aufgewachsen ist, eine Generation, für die Drug Checking schon existierte, als sie begann, sich mit Drogen auseinanderzusetzen, folgt.

Einige haben diesen Übergang schon nicht mehr erlebt und keine Traumata erlitten. Sie haben die Bombenanschläge, die für unsere Gesellschaft sehr schwer waren, nicht durchgemacht. Sie tragen diese Last und Angst nicht mit sich herum und leben in einer vernetzten Welt, in der jeden Tag über Drogen gesprochen wird und in der sie jeden Tag den wilden Fantasien der privaten, lokalen Medien etwas entgegensetzen können. Wir erleben einen Generations- und Kulturwandel.

Anfang des Jahres wurde die Nachricht von der filmreifen Festnahme von Messi, dem „unsichtbaren Narco“, einem der reichsten Drogenhändler des Landes, verbreitet. Wie beeinflussen solche Nachrichten die öffentliche Wahrnehmung des Drogenkriegs?

Solche Nachrichten sind nichts weiter als ein schlechter Witz. Polizist:innen sagen etwa in einem Artikel von LEAP selbst, dass die Zurschaustellung scheinbarer Erfolge von Anti-​Drogen-​Operationen gegen polizeiliche Grundsätze verstößt. Es wird so getan, als ob sie dabei wären, einen Krieg zu gewinnen. Aber solche Bilder und Nachrichten bedeuten in Wahrheit, dass das Verbrechen weitergeht und dass es sich um einen Krieg handelt, der schon verloren war, bevor er überhaupt begonnen hat. Wenn der Krieg gleichzeitig die Krankheit und das Heilmittel ist, ist er ein sehr lukratives Geschäft.

Diese Art von Nachrichten ist außerdem gefährlich und kontraproduktiv. Indem sie den Luxus, die Uhren, die Autos, die Frauen, die Anwesen zeigen, wecken sie den Wunsch nach schnellem Geld. Sie bestärken immer wieder das Symbol des Narco an der Spitze der Macht, so kurzlebig diese auch sein mag, und erzeugen eine Idealvorstellung für Menschen ohne Zugang zu Bildung. Die Narcos und ihre Familien sammeln die Zeitungsausschnitte sogar, weil sie stolz darauf sind. Ich glaube jedoch, dass diese Nachrichten immer weniger Einfluss auf die Gesellschaft als Ganzes haben. Es ist längst bekannt, dass auf jeden erwischten Narco ein weiterer Narco und eine weitere Drogenlieferung folgt und dass dies nicht zu stoppen ist. In unseren Augen ist das Scheitern des Drogenkriegs in erster Linie ein Scheitern der Medien, insbesondere der traditionellen. Solange sie keine Verantwortung übernehmen und ihre Haltung nicht ändern, wird es schwer, den Krieg zu beenden.

In einem der Gesetzentwürfe, die du erwähnt hast, geht es um die Regulierung der Kokapflanze und ihrer Produkte, einschließlich Kokain. Was sieht dieses Konzept vor?

Das Projekt zielt kurz gesagt darauf ab, die Regierung zu einem Kokainhändler zu machen, der Jahr für Jahr dem illegalen Drogenhandel immer mehr Anteile wegnehmen wird, und zwar im Rahmen einer streng regulierten Kokablattproduktion in den bestehenden Anbaugebieten. Der Schwerpunkt soll dabei auf der nachhaltigen Entwicklung und Unterstützung der marginalisierten und indigenen Bevölkerungen liegen, die bereits an der Kokaproduktion beteiligt sind. Es sind Gemeinschaften, die unter dem sinnlosen Krieg gelitten und zehntausende Tote zu beklagen haben.

Der Gesetzentwurf sieht ein dreistufiges System vor:

  1. Ein gering regulierter, kommerzieller Markt für Kokablätter und Kokablattprodukte (weitgehend wie bei Kaffee).
  2. Ein streng regulierter Markt für Kokain. Registrierte Nutzer:innen können in staatlich lizensierten, apothekenähnlichen Geschäften eine begrenzte Menge an Kokain erwerben.
  3. Ein entkriminalisierter Ansatz der Schadensminimierung für Crack-​Konsumierende, aber ohne Verkaufsstellen. [Crack ist Kokain, dessen chemische Eigenschaften durch Hinzufügen von Backpulver verändert werden, sodass es geraucht werden kann. Es wird eine intensivere Wirkung erzielt, die aber schädlicher sein kann. Anm. MBMC]

Das wir in Kolumbien und weltweit erstmalig ein Gesetzesprojekt zur Regulierung des Kokainmarktes auf den Weg gebracht haben, ist für uns vor allem ein Erfolg der politischen Legitimation. Es zeigt der Welt, dass wir als Land das Recht haben, eine andere Strategie vorzuschlagen. Zahlreiche internationale Zeitungen haben darüber berichtet, darunter die Washington Post, Los Angeles Times, BBC, und natürlich sämtliche kolumbianischen.

Als weiteren Erfolg der Gesetzesvorlage betrachten wir die Öffnung der gesellschaftlichen Debatte, durch die eine Regulierung von Kokain immer weniger tabuisiert wird. Sie ist das Ergebnis einer Strategie, die darauf ausgerichtet war, sich mit den verschiedenen politischen Akteur:innen zusammenzuschließen und Kräfte zu bündeln, z. B. auch mit indigenen Bevölkerungsgruppen, die bislang entschieden darauf beharrten, dass Koka nicht dasselbe ist wie Kokain, und die nun anerkennen, dass die beiden Stoffe unter einer anderen Perspektive sehr ähnlich sind.

Trotz der Erfolge müssen wir einräumen, dass der Entwurf angepasst und verfeinert werden muss. Es gibt sehr wichtige Anregungen wie etwa die von Estefanía Ciro, die die Notwendigkeit einer stärkeren Mitsprache von indigenen Bevölkerungsgruppen hervorhebt, um all die Schäden wiedergutzumachen, die ihnen in mehr als 50 Jahren Drogenkrieg zugefügt wurden. Eine Möglichkeit wäre die Einrichtung kleiner Sammelstellen, an denen die Industrie den Bauern die verarbeitete Kokapaste abkauft, da hier Mehrwert geschaffen werden kann. Es braucht Unterstützung, um das nötige technische Niveau in der Rohstoffverarbeitung zur Verbesserung der Produktivität zu erreichen.

Vielen Dank für das Interview, Julián!


*Das einleitende Zitat stammt aus Julián Quinteros Buch „Échele Cabeza“, S. 374 (2020, spanischsprachig), Übers. durch MBMC.

Die Links im Interview und in den folgenden Anmerkungen haben wir gesetzt. Einige Artikel sind auf Englisch oder Spanisch. Ein gutes, unkompliziertes und (in der Basisversion) kostenloses Übersetzungsprogramm ist bspw. Deepl​.com.

Aktuelle Entwicklungen:

Weitere Anmerkungen:

  • Der Entwurf zur Kokain-​Regulierung basiert auf dem Konzept, das die Transform Foundation in ihrem Handbuch „How to regulate stimulants“ vorschlägt und ausführlich erläutert.
  • Kolumbien belegt im Global Drug Policy Index mit 40100 Punkten den 21. Platz unter 30 bislang bewerteten Ländern.
  • Erkenntnisse über Veränderungen des Drogenkonsums durch die Pandemie in Deutschland können z.B. im Artikel „Coronakrise: Welche Drogen sind systemrelevant?“ von Dr. Bernd Werse im Alternativen Drogen- und Suchtbericht 2020 nachgelesen werden. Auskunft gibt z.B. auch die Beobachtungsstelle der EU.
  • Informationen zu „Partydrogen“ auf deutsch gibt es bspw. bei Sonar
  • Drug Checking in Deutschland findet sich durch das Drogenverbot noch bestenfalls in einer Grauzone. Es liegt an den Bundesländern, die Spielräume zu nutzen. Thüringen macht es seit kurzem mit dem Testkit-Start-​up „Miraculix“ vor. In Berlin wurde der Start des Drug Checking lange verzögert, aber wird von der Landesregierung weiterhin verfolgt.
  • Wie es desweiteren mit Harm Reduction in Deutschland aussieht, erklärt Melissa Scharwey im #mybrainmychoice-Hintergrund-​Artikel.

Interview & Übersetzung:

Interview & Übersetzung: Francisco Arcila (Hamburg, Lüneburg) wuchs in Kolumbien in einem Umfeld auf, das vom Leid und der Ungerechtigkeit des Drogenkriegs geprägt war. Er ist der Entwickler des #mybrainmychoice-Twitter Bots.

Übersetzung: Claus Hirsch (Berlin, Nürnberg) schrieb seine Masterarbeit im Studienfach interdisziplinäre Lateinamerikastudien über die Anwendung der Drogengesetze in Kolumbien.

Lektorat: Philine Edbauer (Berlin) koordiniert die #mybrainmychoice-Initiative.

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