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Bild: Altin Ferreira (Unsplash)

Risikoarmer Drogenkonsum ist möglich: Ohne Stigma, Angst und Polizei

Der Redebeitrag von Philine Edbauer zur Berliner Tanzdemo „Wem gehört die Stadt?“ 2021 (für den Erhalt von vielfältiger Clubkultur, gegen Immobilienspekulation)

Was haben etwa 80 Prozent der Deutschen mit Fluchtfliegen gemeinsam? Sie haben im letzten Monat mindestens einmal Alkohol getrunken.

Der Mechanismus, dass Alkohol auf das Belohnungssystem wirkt, wird bei den Fluchtfliegen-​Männchen vermindert, wenn sie Sex mit einem Weibchen haben und dabei kommen. Je länger die Männchen keinen Sex haben, desto mehr berauschen sie sich, und: desto geringer wird ihr Interesse an Weibchen. Ein Nein wird akzeptiert und Bedürfnisse anders befriedigt. Möge es dem Patriarchat eine Inspiration sein.

Welche Informationen gibt uns die Bundesregierung zum Alkoholkonsum? Auf der Kampagnen-​Seite von Kenn dein Limit wird risikoarmer Alkoholkonsum für gesunde Erwachsene definiert als: Nicht mehr als 1–2 Standardgläser am Tag. Ein Standardglas ist ein kleines Bier, ein Glas Wein oder Sekt oder ein Schnaps. Und, ich zitiere: „Verzichten Sie an mindestens zwei Tagen pro Woche ganz auf Alkohol, damit das Trinken nicht zur Gewohnheit wird.“

Das sind überraschend großzügige Angaben, aber das Projekt gilt als erfolgreich. Es ist ein akzeptierender Ansatz, der die Realität als Ausgangspunkt und Maßstab nimmt. Was daran besonders bemerkenswert ist: Es wird damit gearbeitet, risikoarmen Konsum zu bewerben. Es stellt keinen Widerspruch dar, dass sie auf derselben Seite angeben, dass es keinen risikofreien Alkoholkonsum gibt.

Aber: In der Realität gibt es ebenso risikoarmen Cannabiskonsum, risikoarmen LSD-​Konsum und risikoarmen Kokainkonsum. Auch risikoarmer Heroinkonsum ist möglich.

Es ist nicht hinzunehmen, dass man bei allen anderen Drogen als Alkohol die Leute sich selbst überlässt und wenn etwas schief geht, werden die Drogen zu den Schuldigen gemacht, der Freundeskreis oder die Dealer. Die Regierung nimmt sich hier aus der Verantwortung, die sie eigentlich für unsere Gesundheit hat, und zieht es stattdessen vor, an der willkürlichen, moralisch übergriffigen und schädlichen Grenze zwischen legal und illegal festzuhalten.

Wir brauchen keine Strafverfolgung durch die Polizei. Wir brauchen Kenn dein Limit-Seiten für alle Drogen. 

Was ist aber mit Sucht? Es ist leider ein Buzzword von CDU-Politiker:innen, um Angst zu verbreiten, aber auch eine berechtigte und wichtige Frage. Diese Frage stellen wir uns wahrscheinlich alle mal, ob bei Alkohol, Zigaretten oder illegalen Drogen, bei uns selbst oder Angehörigen. Was ist Sucht? Stimmt vielleicht mit meinem Drogenkonsum etwas nicht? Tut er mir wirklich gut?

Die Antwort darauf ist ganz leicht: Nicht grübeln! Wenn wir Zweifel oder Schwierigkeiten bei uns, Freund:innen oder jemandem aus der Familie feststellen, freuen sich die wunderbaren und fachkundigen Menschen von Beratungsstellen darauf, uns zu beraten. Es ist ganz normal, dass es nicht immer nur unkompliziert läuft, das ist ok, auch bei illegalen Drogen! Man kann Termine vereinbaren, telefonieren und auch chatten. Ich will das betonen, weil die Stigmatisierung von Drogenkonsum und Sucht durch Gesellschaft, Schule, Familie sich ganz tief im Kopf verankert und unserer Verhalten gegenüber uns selbst und anderen und unseren Drogenkonsum negativ beeinflussen kann. Beratungsstellen sind für uns da. Ohne Verurteilungen und bedingungslos. 

Risikoarmer Drogenkonsum ist aber letztendlich erschwert, wenn man nicht weiß, was in den Drogen drin und wie viel. Wo bleibt das Drug Checking in Berlin? 

Nachdem Aktivist:innen seit 30 Jahren für Drug Checking gekämpft haben, nachdem unter Rot-​Rot-​Grün in dieser Legislaturperiode alles vorbereitet wurde und zwar kostenlos, an verschiedenen Standorten mit unmittelbarer Beratungsoption, und nicht nur für Partyuser, sondern genauso für Heroinkonsumierende. Es hätte nun schließlich nach diversen unerwarteten Komplikationen starten können, aber jetzt im Wahlkampf stellt sich plötzlich jemand quer. Wer hat uns verraten? Franziska Giffey, die gerade Wahlkampf für Rot-​Schwarz-​Gelb macht und denkt, Berlin wird besser, wenn mehr Polizei präsent ist.

Wir müssen wählen gehen. Auch, um JA beim Volksentscheid anzukreuzen, um über 240.000 Wohnungen in die Öffentliche Hand zu überführen. Wir haben hier die Chance, Geschichte zu schreiben, weil wir für die anderen deutschen Städte und weltweit ein Signal setzen werden, dass es möglich ist, Immobilienspekulation gemeinschaftlich den Kampf anzusagen.

Wir müssen wählen gehen, um Linke und Grüne stark zu machen für eine erneute R2G-​Regierung, sonst wars das mit Drug Checking und sonst wird ein erfolgreiches Volksbegehren nicht umgesetzt. Dann war’s das auch mit der Aussicht auf eine autofreie Stadt, Clubkultur und unbebautem Tempelhofer Feld. Ich schweife hier vom Thema Drogen ab, weil wir nicht vergessen dürfen, dass Drogenkonsum und vor allem ein positiv wirkender Drogenkonsum von guten Rahmenbedingungen abhängt und wie diese gestellt sind, hängt davon ab, wer regiert.

Eine halbwegs gute Nachricht zum Drug Checking habe ich aber abschließend. Es wurde ein neues Testverfahren entwickelt, bisher für MDMA, LSD und Psilocybin, sodass ihr euch selbst aussagekräftige Testkits bestellen könnt. Ich mache jetzt unbezahlte Werbung, weil es sie nur von dem einen Start-​up gibt, das sie dankbarerweise entwickelt hat: Miraculix.


Quellen zum Weiterlesen:

Sueddeutsche: Sex-​Entzug treibt Fruchtfliegen in den Alkohol (Vorsicht vor der vermenschlichenden Interpretation im Artikel und der furchtbaren Überschrift) 

Zur Sucht beim Menschen ist hinlänglich viel bekannt, um Betroffenen und Angehörigen alle Hilfe anzubieten, die sie brauchen, aber genau da fehlt es an ganz vielen Stellen an politischer und öffentlicher Bereitschaft. Bsp. Drogenkonsumräume in Bayern, Bsp. Entkriminalisierung. Auch der Blick in die Historie des Sucht-​Begriffs ist wichtig, um zu erkennen, dass es ein Konstrukt ist, das mit Stigmatisierung wechselwirkt. Das hat bspw. konkret zur Folge, dass viele zurückhaltend sind, Drogenhilfe aufzusuchen, wenn sie sich selbst nicht als süchtig einordnen. Es ist aber ok und nicht Schlimmes, sich an Beratungsstellen zu richten, egal was für eine Frage man zu seinem Drogenkonsum oder dem eine*r Angehörigen hat.

Unser Beitrag zur Sucht: „Die Erfindung der „Sucht“ und ihre schwerwiegenden Konsequenzen“ von Korbinian Baumer 

Chat/​Telefon/​Termin mit Drogennotdienst Berlin

Übersicht einiger progressiver Beratungsstellen in DE: Akzept e.V. Mitglieder, aber auch generell sollte bei den meisten bekannt sein, dass Verurteilungen und übergriffige Bedingungen unangemessen und kontraproduktiv sind.

Durch zahlreiche Initiativen und Verbände gibt es dennoch viel Wissen über Safer Use, z.B. auf der Seite von Sonar Berlin, desweiteren aktuelle Pillenwarnung und weitere Infos bspw. über die KnowDrugs App, und super ist auch dieses Buch (speziell für Jugendliche geschrieben, aber dennoch für jedes Alter): Jörg Böckem, Henrik Jungaberle: High sein – Das Aufklärungsbuch

#mybrainmychoice-​Playlist (YouTube): Tiere, die Drogen nehmen

DKFZ: Alkoholatlas (ca. 80% 30-​Tagesprävalenz ohne Minderjährige und Senior:innen)

Kennt dein Limit: Alkoholkonsum

Deutsche Wohnen & Co Enteignen: FAQ

ZEIT: Berliner Volksbegehren – Enteignungen können Teil der Lösung sein

Taz: Drug Checking – Rausch im Verzug 

Miraculix: Testkits

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