Zum Inhalt springen

Interview mit Patrick über sein Leben ohne Alkoholräusche

Phi­li­ne besuch­te Patrick Schön­feld in Dres­den und sprach mit ihm über sei­ne Erfah­run­gen, als Ein­zi­ger in Grup­pen nicht mit­zu­trin­ken. Als Der Art­ge­nos­se zer­legt er in sei­nem You­Tube-Chan­nel und in sei­nen Comics auf Face­book Pseu­do­ar­gu­men­te gegen Vega­nis­mus. Patrick arbei­tet als Medi­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­si­gner und ist Mit­glied der Gior­da­no-Bru­no-Stif­tung.

Lese­zeit: 8 Minu­ten


mybrain­my­choice: Die meis­ten machen ihre ers­ten Erfah­run­gen mit Alko­hol in ihrer Jugend. Wie ist das an dir vor­bei­ge­gan­gen?

Patrick: Ich fand es schon immer befremd­lich, was für selt­sa­me Grup­pen­dy­na­mi­ken Men­schen manch­mal ent­wi­ckeln und dabei Sachen tun, die ich nicht wirk­lich ver­ste­he oder unter­halt­sam fin­de. Wenn bei uns – ich bin in einer klei­nen Kreis­stadt mit 10.000 Ein­woh­nern auf­wach­sen – Jugend­li­che vor Knei­pen oder Dis­coun­tern zusam­men gesof­fen haben, hat sich mir die­ser Reiz nicht erschlos­sen. Es wäre viel­leicht anders gewe­sen, wenn ich die Leu­te cool gefun­den und mich gut mit ihnen ver­stan­den hät­te.

Ich bin die ers­ten Jah­re in der DDR auf­ge­wach­sen und da haben mich so eini­ge von oben oktroy­ier­te Ver­hal­tens­wei­sen gestört. Wie zum Bei­spiel, als Jung­pio­nier das Pio­nier­hals­tuch tra­gen zu müs­sen oder auch die­se Umzü­ge am Tag der Arbeit, bei denen man mit der Schul­klas­se mit­mar­schie­ren muss­te. Ich war anschei­nend der Ein­zi­ge, der das selt­sam fand und habe mich auch mal ver­wei­gert. Das hat mir Ärger ein­ge­bracht, war aber zum Glück schon zu einer Zeit, in der die Wen­de bevor­stand und mei­ne Eltern des­we­gen nicht auch noch Stress bekom­men haben. Ich habe auch erlebt, dass Leu­te im Zwei­er­ge­spräch mit mir eine Mei­nung ver­tre­ten haben, in einer Grup­pe aber plötz­lich eine ande­re. Es gab außer­dem die­se Selbst­ein­ord­nung in links und rechts, wobei aber kei­ner eine genaue Vor­stel­lung davon hat­te, was das denn so genau bedeu­tet. Jeder muss­te qua­si links oder rechts sein, um irgend­wo dazu zu gehö­ren. Und man hat auch ger­ne mal die Grup­pen gewech­selt, je nach­dem, wel­chen Boy­fri­end man hat­te. So war mir Grup­pen­dy­na­mik also schon früh suspekt.

Ich hal­te Men­schen grund­sätz­lich schon für schwie­rig, weil ich sie für mich rela­tiv unbe­re­chen­bar sind, etwa im Ver­gleich mit Tie­ren. Eine Kat­ze mag mich oder mag mich nicht. Wäh­rend ich bei Men­schen oft­mals nicht weiß, ob sie sich gera­de ver­stel­len oder es doch ernst mei­nen. Rei­ßen sie sich gera­de zusam­men oder wür­den sie mir am liebs­ten eine rein­hau­en? Das ver­stärkt sich, wenn Alko­hol im Spiel ist. Es gibt die­ses über­trie­be­ne Net­tig­keits­ge­tue, das eine sehr wacke­li­ge Geschich­te sein und schnell in Aggres­si­vi­tät umkip­pen kann. Es wird viel Bull­shit gere­det, Leu­te beneh­men sich däm­lich und sind auf­dring­lich. Gera­de die Auf­dring­lich­keit geht mir sehr gegen den Strich, eben­so wie die­se Selbst­über­schät­zung, mit der sich vie­le in den Mit­tel­punkt stel­len wol­len. Ein Laut­wer­den, ein Rum­grö­len, nur um sich inter­es­sant zu machen. Oder vor­wurfs­voll zu wer­den und nicht auf­hö­ren kön­nen zu dis­ku­tie­ren. Das sind Beob­ach­tun­gen, nach denen ich mir gesagt habe, dass ich so nicht sein und mit sol­chen Leu­ten eigent­lich auch nichts zu tun haben möch­te.

Ich bin also kein Typ gewe­sen, der immer in einer Cli­que abge­han­gen hat. Ich habe mein Ding gemacht, habe gele­sen und war ein biss­chen der Außen­sei­ter. Das hat mich aber nicht nega­tiv betrof­fen. Für mich war das ok. Ich habe nach der Schu­le eine Aus­bil­dung gemacht, am Kol­leg das Abitur nach­ge­holt, habe wider­wil­lig mei­nen Wehr­dienst abge­leis­tet und bin dann zum Stu­die­ren nach Dres­den gezo­gen. Wehr­dienst war natür­lich eigent­lich nicht so mein Ding, aber der Zivil­dienst hät­te 2 Mona­te län­ger gedau­ert, sodass er das Stu­di­um ver­scho­ben hät­te.

Du hast dich ein­mal über­zeu­gen las­sen mit­zu­trin­ken. Was ist pas­siert?

Beim Stabs­dienst war’s ziem­lich ent­spannt. Das war ein ganz net­ter Büro­job – wir haben Soli­tär gespielt, wärend ande­re durch den Schlamm rob­ben muss­ten. Wir hat­ten mal einen locke­ren Kom­pa­nie­aus­flug, da wur­de ent­spre­chend getrun­ken und ich habe wie­der nicht mit­ge­trun­ken. Mein Ober­feld­we­bel, ein ganz net­ter Kerl, konn­te das gar nicht ver­ste­hen. Die meis­ten hat ja der Suff in der Frei­zeit durch die Bun­des­wehr gebracht. Mein Ober­feld­we­bel lud mich dazu ein, auf Brü­der­schaft zwi­schen ihm als Thü­rin­ger und mir als Sach­sen zu trin­ken und gab mir einen 0,2-Jägermeister aus. Es war eine net­te Situa­ti­on, mit einem Ober­feld­we­bel eine solch locke­re Bezie­hung zu haben und nicht nur rum­kom­man­diert zu wer­den, wie man das von ande­ren kennt. Das war das ein­zi­ge Mal, bei dem ich mit­ge­macht habe. Es war nicht so dra­ma­tisch für mich und er hat sich sehr dar­über gefreut. Wenn irgend­wo Alko­hol drin ist, wie in einer Pra­li­ne, stört mich das auch nicht beson­ders. Aber ich war eben nie betrun­ken.

In dei­ner Zeit als jun­ger Erwach­se­ner – wie haben sich Trin­ken­de dir gegen­über ver­hal­ten?

Manch­mal war ich außen vor. Und manch­mal war ich der Fah­rer, was mir dann wie­der­um einen gewis­sen Sta­tus ein­ge­bracht hat. Man­che hät­ten sich in der Situa­ti­on viel­leicht aus­ge­nutzt gefühlt, aber ich dach­te mir, ich fahr eh gern und ich kann ent­schei­den, wann Schluss ist. Ich konn­te heim­fah­ren, wenn ich kei­nen Bock mehr hat­te, was meis­tens ziem­lich zei­tig war. Es gab öfter mal ner­vi­ge Fra­gen, aber mitt­ler­wei­le gehe ich eigent­lich nur noch mit Leu­ten weg, die schon Bescheid wis­sen und die mir nicht so blöd daher­kom­men.

Was sind das für Fra­gen?

Nach dem War­um. Da kommt dann meis­tens die Ver­mu­tung: „Du hast bestimmt mal schlech­te Erfah­run­gen gemacht. Du hast bestimmt mal zu viel gesof­fen und seit­dem nichts mehr getrun­ken. Und auch wenn Leu­te einen so rich­tig drän­gen mit­zu­trin­ken, kann das ganz schön läs­tig wer­den.“ Es kom­men auch mal Vor­wür­fe wie „Spie­ßer“ oder „Lang­wei­ler“ oder dass man sich aus dem Kol­lek­tiv raus­neh­me und was Bes­se­res sein wol­le. Als wäre es etwas Ego­is­ti­sches, nicht mit­zu­trin­ken. Ich muss aber sagen, frü­her hat mich das mehr genervt, denn es ist deut­lich weni­ger anstren­gend für mich als beim Vega­nis­mus. Beim Alko­hol kommt mei­ner Erfah­rung nach weni­ger Blöd­sinn.

Kamen die­se Fra­gen eher von Jugend­li­chen oder Erwach­se­nen?

Sowohl als auch. Als ich aufs Kol­leg gegan­gen bin, um mein Abitur zu machen, hat sich mein Freun­des­kreis gewan­delt und ich habe unter den Erwach­se­nen zumin­dest mehr Ver­ständ­nis bekom­men. Da habe ich dann tat­säch­lich auch Leu­te ken­nen­ge­lernt, die auch kei­nen Alko­hol getrun­ken haben.

Habt ihr euch da gleich ver­bun­den gefühlt?

Ja, schon ein biss­chen. Man konn­te sich mal dar­über aus­tau­schen, auch wenn es nicht so das gro­ße The­ma für mich war. Und am Kol­leg waren selbst die ange­trun­ke­nen Leu­te irgend­wie sym­pa­thisch. Da hat nie­mand Koma­saufen betrie­ben. Auch der Leh­rer hat mit uns getrun­ken. Viel­leicht gar nicht mehr als zwei Bier, aber wenn ich einen blö­den Witz geris­sen habe, der nicht beson­ders lus­tig war, hat er sich kaputt­ge­lacht und gar nicht mehr ein­ge­kriegt.

Du hast von Auf­dring­lich­keit und Aggres­si­vi­tät gespro­chen. Erga­ben sich auch mal bri­san­te­re Kon­flik­te?

Ich habe gemerkt, dass vie­le Ker­le Frau­en gegen­über sehr auf­dring­lich wur­den, was ich ziem­lich wider­lich fand. Ich bin dann auch öfter mal in Schlä­ge­rei­en gera­ten, weil ich zwi­schen sol­che Situa­tio­nen gegan­gen bin. Wenn ich es mir irgend­wann nicht mehr gefal­len habe las­sen, wenn mich Leu­te blöd voll­ge­quatscht haben. Wenn mir Leu­te nach­ge­lau­fen sind, weil sie total besof­fen waren und nach zwei-drei­mal „Lass mich in Ruhe“-Sagen immer noch nicht auf­ge­hört haben, hat auch das öfter mal zu Schlä­ge­rei­en geführt. Für mich sind sie nie schlimm aus­ge­gan­gen, denn ich war ja immer der, der nüch­tern war und dadurch die bes­se­ren Refle­xe hat­te. Die ande­ren konn­ten durch ihren Rausch nicht so viel anstel­len – was natür­lich nicht unbe­dingt eine Sicher­heits­ga­ran­tie ist.

Was hältst du denn davon, dass Alko­hol als eine so selbst­ver­ständ­li­che Sub­stanz gilt?

Ich fin­de es wirk­lich pro­ble­ma­tisch, dass es eben die Default-Situa­ti­on ist, Alko­hol zu trin­ken und nicht, kei­nen zu trin­ken oder sich mal anders zu ent­schei­den. Gera­de weil Alko­hol eine der gesund­heit­lich und auch gesell­schaft­lich pro­ble­ma­tischs­ten Dro­gen ist. Es fehlt oft das Bewusst­sein für die Aus­wir­kun­gen. Es wird kon­su­miert, ohne Über­le­gun­gen anzu­stel­len. Es ist nichts, wo man sagt: Jetzt beschäf­ti­ge ich mich mal damit. Was ist das für eine Dro­ge? Was hat sie für Aus­wir­kun­gen? Das Alko­hol­trin­ken ist kul­tu­rell so tief ver­an­kert und von klein auf ein­fach immer prä­sent. Tra­di­tio­nen sind ja wei­ter­ge­ge­be­ne Ver­hal­tens­wei­sen, die oft nicht hin­ter­fragt wer­den.

Ich fin­de es teil­wei­se sogar kri­ti­scher, wenn man als Neben­bei-Beschäf­ti­gung trinkt. Man­che trin­ken täg­lich alko­hol­hal­ti­ges Bier, anstatt sich alle paar Wochen die Kan­te zu geben und sich ganz bewusst abzu­schie­ßen. Was jeder für sich selbst ent­schei­det, soll per­sön­li­che Frei­heit sein, aber gera­de bei Alko­hol ist das Fremd­schä­di­gungs­po­ten­zi­al sehr hoch. Dass der Kon­sum trotz­dem in die Nor­ma­li­tät ein­ge­bet­tet ist, fin­de ich pro­ble­ma­tisch.

Du bist Mit­glied der Gior­da­no-Bru­no-Stif­tung und begreifst dich als Huma­nist. Wie wür­dest du in Hin­blick auf die Mensch­heit ihren unbe­dach­ten Alko­hol­kon­sum ein­ord­nen?

Ich glau­be, das Bedürf­nis nach Rausch war schon immer da. Es ist was Evo­lu­ti­ves. Ich sehe mich als Huma­nist und zwar als Evo­lu­tio­nä­rer Huma­nist. Im Wesent­li­chen hat der Evo­lu­tio­nä­re Huma­nis­mus zwei Bedeu­tun­gen. Zum einen, dass er offen für Wei­ter­ent­wick­lung ist, er also den aktu­el­len Kennt­nis­stand zugrun­de legt, auf des­sen Grund­la­ge wir ver­su­chen, eine Ethik zu kon­stru­ie­ren, die ihm ange­mes­sen ist und wir bei neu­en Erkennt­nis­sen offen sind, zu revi­die­ren und ent­spre­chend anzu­pas­sen. Zum ande­ren besagt der evo­lu­tio­nä­re Aspekt, dass wir evo­lu­tiv ent­stan­den sind. Wir sind Tie­re, was vie­le reli­giö­se Men­schen sehr belei­di­gend fin­den. Ich fin­de, es ist kei­ne Belei­di­gung, von Affen abzu­stam­men. Ich bin ein Homi­nid und fin­de Schim­pan­sen, Goril­las und Orang-Utans ziem­lich cool. Es ist schön, mit ihnen ver­wandt zu sein, was mich auf eine gute Art beschei­den füh­len lässt.

Demut?

Ja, das ist ein gutes Wort dafür, aber ich will den Begriff jetzt nicht für mich bean­spru­chen. Ich glau­be, es ist was Wich­ti­ges, sich in die­sem gro­ßen Gan­zen ein­zu­ord­nen. Und eben nicht so ein Ego auf­zu­set­zen und sich als Kro­ne der Schöp­fung für ganz toll zu hal­ten. Eben aus die­sem Kon­text her­aus kann man sagen: Wir sind im Grun­de alle Affen mit über­tak­te­ten Affen­hir­nen, die ver­su­chen in einer viel zu kom­ple­xen Welt irgend­wie klar zu kom­men. Mit Hir­nen, die nicht dafür gemacht sind, Quan­ten­me­cha­nik zu ver­ste­hen, son­dern die Far­be von Früch­ten auf Ess­bar­keit zu ana­ly­sie­ren. Von daher kann ich zumin­dest gut ver­ste­hen, dass die­ses dau­ernd lau­fen­de Hirn auch mal ein biss­chen Abwechs­lung gebrau­chen kann, mal abschal­ten, mal run­ter­kom­men und nicht die gan­ze Zeit grü­beln. Ich ver­ste­he, dass man so ein gewis­ses kon­trol­lier­tes Auf­ge­ben die­ser stän­di­gen Denk­ar­beit ent­span­nend, berei­chernd und erhol­sam fin­den kann. Ich fin­de das Bedürf­nis nach Rausch durch­aus nach­voll­zieh­bar. Das sieht man auch an ande­ren Tie­ren, die Spaß dar­an haben, wenn sie etwas essen, das ein paar Endor­phi­ne frei­setzt oder Ähn­li­ches. Genau­so kann ich aber nach­voll­zie­hen, wenn jemand sagt: Ich will mein Gehirn, wie es läuft, die gan­ze Zeit so nut­zen, denn ich bin ger­ne klar bei Ver­stand. Völ­lig nach­voll­zieh­bar, ein völ­lig legi­ti­mer Stand­punkt. Das Pro­blem fängt dann an, wenn eines von bei­den zu einer ver­bind­li­chen Norm wird – wenn Abwei­chun­gen als Bedro­hun­gen emp­fun­den wer­den.

Dan­ke für das Inter­view, Patrick!

Ein Kommentar

  1. N.N.

    Ein klei­nes Gedan­ken­ex­pe­ri­ment:
    Wann immer beson­ders in Wer­be­kon­tex­ten das gesel­li­ge, die Situa­ti­on beson­ders machen­de Moment von Alko­hol betont wird, stellt man sich statt­des­sen vor, die Figu­ren wür­den sich jetzt statt­des­sen eine Line auf­le­gen, Pfei­fe aus­pa­cken etc.

    Fand ich per­sön­lich recht auf­schluss­reich, hin­sicht­lich der selbst­ver­ständ­li­chen Nor­ma­li­tät von Alko­hol­kon­sum, und der (bis jetzt) noch total abwe­gi­gen Idee, irgend­ei­ne ande­re Sub­stanz könn­te ohne Stig­ma ‚ein­fach so‘ sozi­al akzep­tiert kon­su­miert wer­den.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.