Wir nehmen doch keinen Junkie mit“

Dieser Artikel erschien zuerst im Drogenkurier, dem Magazin des JES-​Bundesverbands. Wir danken dem JES-​Bundesverband für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung. Alle Ausgaben des Drogenkuriers und das Bestellformular fürs Abo finden sich hier. Alle Ausgaben stehen zudem kostenlos als PDF-​Download zur Verfügung. Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 143, die hier vollständig gelesen werden kann.

Ein Artikel von Axel Schock (freier Autor und Journalist)

Die Namen mit * wurden von der Redaktion geändert.

Gleich zweimal wird ein Mann, der nach einer Drogeninjektion medizinische Hilfe sucht, abgewiesen – und stirbt am 22. Mai vermutlich infolge einer unbehandelten Sepsis. Der Fall aus Wilhelmshaven steht beispielhaft für Vorbehalte gegenüber drogengebrauchenden Menschen.

Es ist Montag, der 19. Mai, eine Wohnung im Wilhelmshavener Stadtteil Bant. Eigentlich hatte Manfred* die Situation schnell erfasst und richtig reagiert. Sein Freund Bernhard* hatte sich Kokain gespritzt, und die Wirkung der Droge setzte wie erwartet ein. Doch kurz nach der Injektion schwoll der Arm an und wurde völlig taub. Das Kokain, so die naheliegende Vermutung, war gestreckt bzw. verunreinigt und hatte so zu der Schwellung geführt.

Die Sanitäter*innen weigerten sich, Bernhard zu helfen

Manfred rief sofort über die Notruf nummer den Rettungsdienst. Binnen weniger Minuten traf tatsächlich auch
ein Krankenwagen ein, doch als die Sanitäter*innen die Situation erkannten, weigerten sie sich, Bernhard zu hel
fen: „Wir nehmen doch keinen Junkie mit“, hieß es ihrerseits. Stattdessen wird ihm empfohlen, sich ein Taxi ins nächst liegende Krankenhaus zu nehmen.

So schilderte Manfred die Ereignisse einige Tage später einer Mitarbeiterin der Aidshilfe in Wilhelmshaven, die in Kontakt mit Bernhard war. Zu diesem Zeitpunkt war Bernhard bereits gestorben.

Der schnelle Tod lässt als Ursache eine Sepsis vermuten. Er hätte leicht verhindert werden können, doch die Infektion infolge der verunreinigten Injektion war unbehandelt geblieben. Nachdem der Rettungsdienst die Hilfe verweigert hatte, blieb Bernhard zu Hause. Die Zurückweisung hatte ihn womöglich entmutigt, sich selbst ins Krankenhaus aufzumachen. Vielleicht war er in dieser Situation auch schlicht nicht in der Lage, den Weg dorthin zu schaffen.

Auch in der Hausarztpraxis bekam er keine Hilfe

Sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich zunehmend. Am Mittwoch wurde Bernhard deshalb von Manfred
zu einer Hausarztpraxis gebracht. Da dort auch Patientinnen substituiert wer den, sollte das Personal im Umgang mit Drogengebraucherinnen erfahren sein. Doch weil Bernhard die offizielle Sprechzeit an diesem Tag offenbar verpasst hatte, wurde er von einer Praxismitarbeiterin an eine Bereitschaftspraxis verwiesen. Dass Bernhard sich in einer ernsten Notlage befand und bereits der Weg in diese Substitutionspraxis nur unter großen Anstrengungen bewältigt hatte, wurde entweder nicht bemerkt oder ignoriert.

Bernhards Zustand hatte sich über Nacht drastisch verschlechtert. Manfred rief daher erneut den Rettungsdienst.
Der Notarzt konnte dann jedoch nur noch den Tod feststellen. Dass die Umstände überhaupt ans Licht gerieten, ist Manfred zu verdanken, der den Mut auf brachte gegenüber einer vertrauten Person von der örtlichen Aidshilfe über den Vorfall zu sprechen.

Sehr oft kann Drogengebrauchenden bei Problemen nicht rechtzeitig geholfen werden, weil sie sich schämen, den Rettungsdienst zu rufen oder zu einem Krankenhaus oder einer Arztpraxis zu gehen“, sagt die Geschäftsführerin des Landesverbandes Sexuelle Gesundheit Niedersachsen (Aidshilfe Niedersachsen), Christin Engelbrecht, in Hannover. Bei diesem konkreten Fall in Wilhelms haven sei die Situation allerdings eine ganz andere: „Hier hat ein Mensch aktiv und mehrfach Hilfe bei unserem medizinischen System gesucht und ist abge
wiesen worden. Als Folge ist er seinem Leiden erlegen“. Das sei nicht nur inakzeptabel, sondern unmenschlich.

Sollte sich herausstellen, dass die Verantwortlichen die Not des Mannes ignorierten, ist das ein Skandal und unter lassene Hilfeleistung mit Todesfolge“, betont Engelbrecht. Tatsächlich aber muss ausgerechnet Manfred, der den Rettungsdienst gerufen hat, womöglich mit einem Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung mit Todesfolge rechnen. Das drohte ihm zumindest der Rettungssanitäter im Verlauf des zweiten Einsat
zes, als nur noch Bernhards Tod festgestellt werden konnte.

Die Feuerwehr Wilhelmshaven will sich nicht äußern

Die Feuerwehr Wilhelmshaven, die für den Rettungsdienst verantwortlich ist, will sich zu den Geschehnissen nicht
äußern. Eine Sprecherin der Stadtverwaltung begründete das gegenüber der Deutschen Aidshilfe (DAH) mit Verweis auf den Datenschutz, bestritt die Vorwürfe allerdings auch nicht.

Sie betonte vielmehr, dass „die im Rettungsdienst eingesetzten Notfallsanitäter*innen sowie Rettungskräfte re
gelmäßige Fort und Weiterbildungen“ erhielten – „auch zum professionellen und empathischen Umgang mit sucht kranken oder intoxikierten Personen“. Ziel sei stets, für „eine niedrigschwellige, diskriminierungsfreie und medizinisch fundierte Notfallversorgung für alle Menschen in Wilhelmshaven“ zu sorgen.

Im Falle von Bernhard wurde dieses Ziel definitiv nicht erreicht. „Wir brauchen mehr Mitgefühl und Einsatz in Notsituationen.“ „Wir erleben bei Beschäftigten im Gesundheitswesen wie auch bei Polizeikräften immer wieder einen stigmatisierenden Umgang gegenüber Menschen, die Drogen konsumieren“, konstatiert Dirk Schaeffer, DAHReferent für Drogen und Strafvollzug. „Es muss unser aller Anliegen sein, das Wissen über Drogenkonsum und Menschen, die Drogen konsumieren, zu erhöhen und dann Haltungen zu verändern.“ Schon seit vielen Jahren fordern Drogen und Aidshilfen bundesweit bessere Schulungen des medizinischen Personals zu Drogenproblematiken – gerade auch im ländlichen Raum.

Gerade vor diesem Hintergrund darf der Gedenktag für verstorbene Drogen gebrauchende am 21. Juli keine leere Worthülle sein“, mahnt Christin Engelbrecht. „Wir brauchen mehr Bewusstsein für die Probleme suchtkranker Menschen, mehr Aufklärungsarbeit und vor allem mehr Mitgefühl und Einsatz in Notsituationen.“


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Forderung 9 von 21: Harm Reduction und Safer Use-​​Angebote flächendeckend, zielgruppenspezifisch ausbauen

Forderung 20 von 21: Öffentliche und institutionelle Aufklärung

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