Das Drogenhaus – Eine Kurzgeschichte

Eine Kurzgeschichte von Ângela Novaes /​ Gelesen von Jonathan Grün /​ Redaktion: Philine Edbauer /​ Danke an A., A. und M. für die inhaltlichen Anregungen /​ Eine Produktion der My Brain My Choice Initiative

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Transkript

Das Drogenhaus

Diese Geschichte heißt Das Drogenhaus. Sie beruht auf dem Aktionsplan zur Entkriminalisierung von Drogengebrauchenden und Legalisierung von Drogenmärkten der My Brain My Choice Initiative. Sie hören: Eine literarische Vision. Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, in der diese Forderungen umgesetzt sind?

Einleitung

Die Grenze zwischen Heilung und Ekstase ist längst aufgehoben. Sie gehören derselben Bewegung an: der Verfeinerung des Empfindens. Wir haben gelernt, unsere Sehnsüchte nicht länger zu verleugnen, sondern zu kultivieren – wie Pflanzen, deren Duft uns an unsere eigene Lebendigkeit erinnert.

Ich bewege mich zum Zentrum des Konsumbezirks. Überall schimmern Orte der Erneuerung – Geschäfte des besonderen Bedarfs, Läden der Lust und des Begehrens. Genuss, Ekstase und Rausch fließen ineinander. Dazwischen liegen soziale Räume des Konsums, gestaltet nach den Prinzipien der Setting-​Kontrolle: Musik, Licht, Begleitung – alles auf Ausgleich gestimmt. Alles glitzert, alles lädt ein.

Nur das Drogenhaus schweigt. Auf mehreren Etagen steht es da wie eine schützende Gestalt über den Begierden der Stadt. Wer es sucht, findet es. Wer es findet, versteht: Dies ist kein Ort des Exzesses, sondern der Klarheit – ein Haus, in dem Rausch nicht Flucht bedeutet, sondern Rückkehr.

Ich bin gekommen, um zu verstehen, wie das möglich ist.

Erdgeschoss – Verkauf und Würde

Der Eingang führt in einen hellen Raum. Sonnenlicht fällt durch hohe Fenster, alles wirkt ruhig und klar. Hier treffe ich Lisandra.

Willkommen im Drogenhaus“, sagt sie. „Hier beginnt alles mit Wissen und Respekt“. In Regalen stehen Gläser mit Etiketten: Psilocybin. Coca. Papaver somniferum. Daneben hängen Lizenzen und Analysen – alles transparent, alles legal.

Kann ich hier kaufen?“, frage ich.

Ja. Aber hier ist jeder Kauf ein Gespräch. Fachgeschäfte statt Supermärkte. Beratung statt Werbung. Wer hier kauft, weiß, was drin ist, woher es kommt, wie man es sicher nutzt.“

An einer Wand hängt eine Weltkarte, durchzogen von Fäden zu Fotos: Bäuer*innen in Ostafrika, Schaman*innen in Sibirien, Kooperativen in Marokko. Darunter steht: Internationale Verantwortung. Faire Lieferketten. Keine Ausbeutung.

Daneben sind Broschüren: Stimmen aus den Anbauregionen Tabak- und Alkoholindustrie: Was wir aus Fehlern lernen können Klimagerechtigkeit und Drogenpolitik.

Legalisierung war der Anfang“, sagt Lisandra. „Würde ist das Prinzip.“

Und was ist mit denen, die früher auf der Straße verkauft haben?“, frage ich.

Viele arbeiten jetzt hier oder haben eigene Läden eröffnet“, sagt Lisandra. „Wir haben nicht gegen sie gekämpft. Wir haben ihnen eine Perspektive gegeben. Durch legale Alternativen ist der illegale Markt deutlich kleiner geworden.“

Ich nicke langsam. „Kann ich das Haus sehen?“

Natürlich“, sagt Lisandra. „Komm mit.“

Wir gehen hinauf.

Erste Etage – Öffentlichkeit und Aushandlung

Menschen sitzen an Tischen, blättern in Heften, sprechen miteinander. Lisandra deutet auf den Raum. „Hier sprechen wir darüber, wie Zusammenleben gelingt. Wir haben lange für Legalisierung gekämpft – jetzt geht es um Haltung.“

An einer Wand steht: Körperliche Autonomie ist ein Menschenrecht – Konsumfreiheit zählt dazu.

Daneben hängt eine Stadtkarte, übersät mit Markierungen: Grün für Konsumorte, Blau für konsumfreie Zonen. Lisandra erklärt: „Die Farben sind eine soziale Vereinbarung. Blaue Zonen schließen nicht nur psychoaktive Stoffe aus, sondern auch Glücksspiel oder Lifestyle-​Shopping. Konsumfreiheit heißt auch Freiheit vom Konsum.“

Eine Gruppe beugt sich über den Tisch, auf dem ein paar Kärtchen liegen. Die Diskussion ist lebhaft, fast hitzig. Auf den Kärtchen stehen Begriffe: Markt-​Regulierung. Preise. Qualitätskontrolle. Eine Person schiebt ein Kärtchen zur Seite, eine andere holt es zurück.

Ein Mann spricht über Grenzwerte im Straßenverkehr. „Es geht nicht darum, berauscht fahren zu dürfen. Es geht darum, dass die Werte Beeinträchtigung messen – nicht Moral. Spuren von Wirkstoffen, die zwar nach längerer Zeit noch im Blut sind, aber in jener Menge schon lange keinen Effekt mehr haben, dürfen nicht zum Entzug des Führerscheines führen.“ Zustimmendes Nicken.

An einer Glaswand stehen Fragen in verschiedenen Handschriften: Wie gelingt reflektierter Konsum? Wer trägt welche Verantwortung? Jugendschutz ohne Bevormundung – geht das?

Darüber ein Poster: Freiheit braucht Grenzen – und Grenzen brauchen Aushandlung.

Siehst du“, sagt Lisandra leise, „Freiheit ist nichts, was man einfach hat. Sie entsteht, wenn wir sie gemeinsam gestalten. Deshalb reden wir.“

Zweite Etage – Gesundheit

Die Treppe führt höher, zur Etage der Gesundheit. An den Wänden hängen Tafeln: Kontrolle und Selbstbestimmung Schutz und Unterstützung im Alltag konkrete Anlaufstellen in deiner Nähe.

Auf einem Tresen liegen Naloxon-​Sprays, sterile Konsumutensilien, kleine Hefte zum Mitnehmen.

Ein Gang führt zu einem hellen Raum hinter Glas. Auf einem Tisch liegen Substanzproben, auf dem Bildschirm laufen Messdaten in Echtzeit. Neben der Tür hängt ein Nummernzettel-​Automat – keine Angabe von Namen nötig und niedrigschwellig. Ein junger Mann wartet, mit seiner Nummer und einer kleinen Tüte in der Hand.

An der Wand steht ein Zitat: “Wir müssen anfangen, auf Menschen einzugehen – statt sie für ihren Konsum zu bestrafen.“

Früher“, sagt sie, „musstest du beweisen, dass du Hilfe verdienst. Abstinenzwillen zeigen. Termine einhalten. Als wäre Sucht Versagen.“

Sie atmet aus. „Monatelange Wartelisten. Keine Kinderbetreuung. Kein Fahrgeld. Bei Rückfall? Rausschmiss. Leute sind gestorben, während sie gewartet haben. Man dachte: wegen Überdosis. Heute wissen wir: wegen Unterfinanzierung. Wegen des Glaubens, dass Strafe hilft.“

Suchthilfe gibt es heute überall in der Stadt“, sagt Lisandra. „Dezentral. Dort, wo Menschen leben.“

An einem schwarzen Brett hängt ein Zettel: Psychoaktive Substanzen als Medizin – Sprechstunde dienstags und donnerstags.

Lisandra sieht mich an. „Früher ging das Geld in Polizei, Justiz und Gefängnisse. Heute investieren wir in Gesundheit und Soziales.“ Wir steigen weiter hinauf.

Dritte Etage – Wissen

Die dritte Etage ist ein Ort des Wissens und der Beteiligung. An den Wänden reihen sich Regale voller Bücher, Studien, Nachschlagewerke. Dazwischen ein großes Banner: Nothing About Us Without Us. Nichts über uns ohne uns.

An einem langen Tisch sitzen Menschen unterschiedlichen Alters – manche diskutieren, andere machen Notizen. Auf dem Tisch liegen zwei Bücher: Der Mythos der Null-​Toleranz und Drogenpolitik und Diskriminierung – der Versuch einer Aufarbeitung.

Das ist unsere Bibliothek“, sagt Lisandra. „Alles hier ist öffentlich zugänglich. Studien, Berichte, Erfahrungsgeschichten. Auf Deutsch, auf Englisch, in einfacher Sprache, als Audioversion.“

Sie zeigt auf die Regale. „Früher wurde Drogenpolitik über uns gemacht. Heute sitzen wir mit am Tisch. Wir stellen selbst die Fragen.“

An einem Whiteboard stehen Forschungsfragen: Wie Genuss maximieren und Risiken minimieren? Wie bedarfsorientierte Prävention?

Früher gab es nur eine Zahl: Drogentote“, sagt Lisandra. „Aber niemand fragte: Woran sind sie wirklich gestorben? An der Substanz – oder an Streckmitteln, fehlender Hilfe, Marginalisierung?“

In einer Ecke sitzt eine Gruppe Jugendlicher. Auf einer Flipchart stehen Sätze in verschiedenen Handschriften: Abschreckung funktioniert nicht. Ehrlichkeit schützt. Wir treffen bewusste Entscheidungen.

Eine Jugendliche sieht zu uns herüber. „Wir entwickeln gerade das Jugendschutzkonzept weiter“, sagt sie. „Die alten Kampagnen waren Panik statt Information. Wir brauchen Fakten, keine Horrormärchen.“

Lisandra lächelt. „Sie gestalten mit. Die Politik hört zu.“

Ich blicke auf die Regale, die diskutierende Gruppe, die Jugendlichen mit ihren Flipcharts.

Lass uns weitergehen“, sage ich.

Komm zurück, wenn du Fragen hast“, sagt Lisandra. „Hier gibt es immer jemanden, der antwortet.“

Das Dachgeschoss – Die Ebene der Wiedergutmachung

Die letzte Treppe führt zum Dachgeschoss. Große Fenster geben den Blick frei über die Stadt. Von hier oben sieht alles anders aus – zusammenhängend, verbunden.

An den Wänden hängen Fotos. Gesichter. Namen. Menschen, die Jahrzehnte unter der Prohibition gelitten hatten.

In der Mitte des Raums sitztein älterer Mann an einem großen Tisch. Vor ihm liegen Akten, Briefe, durchgestrichene Strafregistereinträge – bereit für die Löschung. Er blickte auf, als ich eintrat.

Willkommen“, sagt er leise. „Hier oben erinnern wir. Und wir machens wieder gut.“

Lisandra tritt neben mich. „Jahrzehntelang hat die Politik Menschen bestraft, ausgegrenzt, kriminalisiert“, sagte sie. Sie zeigte auf ein Foto: Eine junge Frau.

Sie wurde verurteilt. Hat ihren Job verloren. Ihre Wohnung. Ihre Kinder“. Lisandra atmet aus. „Heute arbeitet sie mit uns. Sie sagt: Es geht nicht ums Vergessen. Es geht ums Anerkennen.“

In einer Ecke arbeitet eine Frau vor einem Bildschirm – eine Datenbank voller Geschichten.

Menschen können sich melden“, erklärt sie. „Erzählen, was ihnen widerfahren ist. Anonym, wenn sie wollen. Wir dokumentieren, was die Prohibition angerichtet hat. Systematisch und transparent.“ Sie blickte auf. „Diese Geschichten laufen in Schulen, Rathäusern und Museen. Wer die Fehler der Vergangenheit nicht kennt, wiederholt sie.“

Der ältere Mann steht auf und tritt ans Fenster.

Wiedergutmachung heißt nicht nur Geld“, sagt er. „Es heißt: Anerkennung. Entschuldigung. Veränderung.“ Er zeigt auf die Stadt. „Da unten sind Menschen, denen man jahrzehntelang gesagt hat: Ihr seid kriminell. Das sitzt tief. Das verschwindet nicht, nur weil ein Gesetz sich ändert.“

Wir haben Polizei und Justiz ihre Zuständigkeit entzogen“, sagt er. „Das war der größte Machtkampf. Aber er war nötig. Gesundheit ist keine Frage der Ordnung. Hausdurchungen und Racial Profiling mit dem Vorwand ‚Drogen‘? Beendet.“

An einer Wand hängt ein Schaubild: Fachkommission für Drogen- und Suchtpolitik. Darunter Namen, Disziplinen: Biopsychosoziale Medizin, Recht, Ethnologie. Und mittendrin: Menschen mit Konsumerfahrung. Expert*innen aus eigener Betroffenheit sitzen gleichberechtigt am Tisch.

Eine Kommission, die nicht nur berät, sondern gestaltet“, sagt Lisandra. „Die Gesetze prüft, bevor sie beschlossen werden. Die mitdenkt und mitredet. Politik mit uns, nicht über uns.“

Eine ältere Frau sitzt im Raum, eine Tasse Tee in der Hand. Sie sieht zu mir herüber.

Drei Gramm“, sagt sie ruhig. „Sie haben mir meine Tochter weggenommen. Sagten, ich sei eine Gefahr.“ Sie stellt die Tasse ab. „Sie war zwei Jahre alt. Heute ist sie 17 und unser Kontakt ist schlecht.“

Die Menschen hier sagen: Das hätte dir nicht passieren dürfen.“ Ein dünnes Lächeln. „Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Aber es war wichtig. Dass jemand sagt: Das war Unrecht.“

Der Mann zeigt auf die Fotos an der Wand.

Diese Menschen haben ein Recht auf Wiedergutmachung. Aus Gerechtigkeit.“

Ich trete ans Fenster. Von hier oben sehe ich das ganze Viertel. Die grünen Zonen, die blauen. Die Konsumräume, die Beratungsstellen. Menschen auf den Straßen, die leben.

Das Haus hier ist ein Versprechen“, fährt er fort. „Jede Etage steht für einen Teil der Lösung. Aber ohne Erinnerung – ohne Heilung – bleibt es ein Haus ohne Fundament.“

Ich blicke noch einmal auf die Fotos. Manche werden diese Wiedergutmachung nie erleben.

Danke“, sage ich.

Die Tür steht offen“, sagt Lisandra. „Immer.“

Ich gehe die Treppe hinunter. Gerechtigkeit, Teilhabe, Fürsorge, Freiheit, Würde. Alles hängt zusammen. Nichts steht für sich allein.

Draußen ist es noch hell. Ich drehe mich um. Das Drogenhaus steht da.

Noch lange nicht fertig. Aber da.

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