Ein Kommentar von Dirk Schäffer
„Wenn fast jeder vierte Drogentote unter 30 ist, dann darf unsere Antwort nicht Betroffenheit sein, sondern es braucht auch Konsequenzen: mehr Prävention, frühere Hilfe und ein Hilfesystem, das Menschen rechtzeitig erreicht“, so der Drogenbeauftragte der Bundesregierung Hendrik Streeck.
Ja, Familien, Freund*innen, Partner*innen, aber auch Ärzt*innen und Mitarbeiter*innen in Aids- und Drogenhilfe trauern, sie sind betroffen, da erneut Menschen die sie liebten, mit denen sie befreundet waren oder die sie über viele Jahre begleiteten, verstorben sind.
Neben dieser Trauer und Betroffenheit mischt sich aber auch Enttäuschung und auch Wut sowie die Forderung, dass wir nicht einfach so weiter machen können wie bisher. Diese Zahlen stellen die absolute Untergrenze der Todesfälle dar. Die tatsächliche Zahl liegt weit aus höher.
Jeder vierte Verstorbene unter 30 Jahre alt
Es wird deutlich, dass sehr viele junge Menschen an den Folgen des Konsums von illegalen Substanzen, Medikamenten und anderen legalen Substanzen verstorben sind.
So gab es 106 Todesfälle bei Jugendlichen und Erwachsenen bis 19 Jahre. 209 Menschen im Alter von 20 –24 Jahre verstarben.
Wirft man einen detaillierteren Blick in die Statistiken, die zur Verfügung stehen, so wird deutlich, dass insbesondere in diesen Altersgruppen opioidhaltige Medikamente und Benzodiazepine eine zentrale Rolle spielten.
Opioide und Benzodiazepine haben hohe Attraktivität
Bei Personen bis 24 Jahre wurde bei mehr als 2⁄3 (68%) der Todesfälle mindestens ein Opioid festgestellt. Wie in der Presse beschrieben, praktizierten fast alle Mischkonsum, also sie konsumierten zeitnah zwei und mehr Substanzen.
Mich persönlich erstaunt die hohe Prävalenz an Opioiden. Dies bedeutet, dass Opioide für junge und vermeintlich wenig erfahrene Konsument*innen eine besondere Bedeutung haben. Auch wenn sie zusätzlich vielleicht Kokain
oder MDMA nehmen, stellen Opioide und Benzodiazepine aufgrund ihrer hohen Potenz und ihrer atemdepressiven Wirkung ein besonderes Risiko für eine Überdosierung und Todesfälle dar.
Wie steht es um das Risikobewusstsein?
Wenn man mit Fachleuten spricht, die in dem Feld aktiv sind, wird deutlich, dass es wenig Risikobewusstsein für diese potenten Wirkstoffe gibt und junge Menschen ein hohes Risiko eingehen. Hin und wieder filmen sich junge Nutzer*innen beim Konsum und die Effekte, die durch den Konsum entstehen. In vielen Peer Groups entsteht eine Art Wettbewerb, bei dem das Risikobewusstsein eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint.
Wie erreichen wir junge Menschen?
Diese Frage stellen sich aktuell sehr viele Mitarbeiter*innen im Hilfesystem, denn sie nutzen in der Regel nicht die Angebote unserer Beratungsstellen, da sie sich nicht als drogenabhängig definieren und mit einer Vielzahl von Angeboten, wie wir sie vorhalten, wenig anfangen können. Wir erreichen sie nicht über Drogenkonsumräume und Streetwork, weil der Konsum zu Hause oder in der Peer Group stattfindet. Eine Idee wäre, über Influencer auch das Thema „psychoaktive Substanzen“ zu thematisieren.
Angst, dass alles bekannt wird
Da der Konsum illegaler Substanzen gesellschaftlich hochstigmatisiert ist und auch kriminalisiert wird, steht die Aufrechterhaltung der scheinbaren Normalität bei vielen jungen Menschen im Mittelpunkt. Wen wundert es, wenn Stigma und Angst vor Strafe zusammenkommen, dass viele Drogenkonsument*innen gar nicht, spät und manchmal zu spät um Unterstützung anfragen. Genauso geht es Eltern, wenn sie überhaupt vom Konsum ihrer Kinder erfahren. Hier dominiert vielfach die Sorge vor Problemen mit dem Sorgerecht.
Eine Debatte um Entkriminalisierung ist unabdingbar
Wir sehen, dass wir trotz unseres vielfältigen und qualitativ hochwertigen Hilfesystems viele Menschen und vor allem junge Menschen, nicht erreichen. Jene, die selbst Erfahrungen mit dem Konsum illegaler Substanzen haben, müssen nur einmal zurückdenken, wie sie damals gehandelt haben. Wir haben ebenfalls alles
getan damit es nicht zu einem Outing kommt. Dies aus Angst vor Sanktionen, Verlust von Familie und Freund*innen, Strafen, Verweise von Schulen und Universitäten und dem Verlust des Arbeitsplatzes.
Sind diese Ängste unbegründet? Nein, das sind sie nicht. Genauso reagiert unsere Gesellschaft auf das Bekanntwerden von Drogenkonsum und Drogenabhängigkeit. Dies wird sich nicht verändern, solange der Erwerb und Besitz und letztlich auch der Konsum strafbewehrt ist.
Circa 80 Prozent, der in der DRUCK Studie inkludierten Konsument*innen haben Haftaufenthalte in ihrem Lebenslauf. Die meisten für sogenannte konsumnahe Delikte, also nicht für den Handel mit Drogen. Ob eine Debatte um die Entkriminalisierung gerade mehrheitsfähig ist oder nicht, darf für uns und vor allem für politisch Verantwortliche keine Rolle mehr spielen. Wenn wir nicht nur betroffen und traurig sein wollen, dann ist es nun auch an der Zeit eine offene und ideologiefreie Diskussion um die Entkriminalisierung von Drogenkonsument*innen zu führen. Parallel hierzu gilt es alles zu tun um Menschen zu informieren und zu schützen.
Kaum Erfolge trotz wichtiger Weiterentwicklungen
Wir haben unsere Drogenpolitik in den letzten 30 Jahren fortwährend weiterentwickelt. Natürlich geht alles viel zu langsam und die Schritte sind zu klein. Wir haben das Spektrum von Angeboten in allen Bereichen ausgebaut und spezifiziert. Wir haben fast die gesamte Palette von Maßnahmen der Schadensminderung auf den Weg gebracht.
Nichts davon flächendeckend, aber die Richtung stimmt. Gleiches gilt für die medizinische Behandlung. Auch hier haben sich die Rahmenbedingungen verbessert, ohne dass wir uneingeschränkt sagen können, dass es ausreichend wäre.
Aber alles dies hat nicht dazu geführt, dass weniger Menschen versterben. Genau das Gegenteil ist der Fall. Während wir vor 12 Jahren weniger als 1000 Drogentodesfälle zu verzeichnen hatten, sind es nun mehr als 2100. Das ist eine katastrophale Bilanz.
Hilfe eingebettet in Totalverbote und Kriminalisierung
Alles was wir gemeinsam erstritten, drogenpolitisch und dann in der Praxis umgesetzt haben, macht Sinn und
ist evidenzbasiert. Allerdings ist unser qualitativ gutes Hilfesystem umrahmt von Prohibition, Verfolgung und Kriminalisierung. Die Anzahl von Strafanzeigen macht deutlich, dass die Behörden unverändert hohen Druck auf Konsument*innen ausüben. Die geringeren Zahlen an Strafanzeigen resultieren ausschließlich aus der Teillegalisierung von Cannabis.
Bei Drogendelikten handelt es sich um sogenannte Kontrolldelikte (auch als „opferlose Straftaten“ bezeichnet), da
diese Delikte typischerweise nicht von einem geschädigten Opfer angezeigt werden, sondern durch staatliche Ermittlungen und Polizeikontrollen.
Wir sehen auf der einen Seite, dass dieser hohe polizeiliche und strafrechtliche Druck keine Wirkung entfaltet. Eigentlich sollen mit Polizei und Justiz Menschen abgeschreckt werden, Drogen zu konsumieren. Wir sehen allerdings, dass die Zahlen auf hohem Niveau stabil sind. Stattdessen fördert der polizeiliche Druck und die Angst vor Entdeckung den Konsum im Verborgenen. Anstatt sich zu informieren oder auch über externe Hilfe nachzudenken, geht es darum alles zu tun um den Konsum zu verdecken.
Natürlich sehen wir aktuell immer größere Szenen im öffentlichen Raum, aber der allergrößte Teil von Drogenerwerb und Drogenkonsum findet nicht im öffentlichen Raum statt, sondern in unserer Nachbarschaft und in den Jugendzimmern. Die Angst vor Ausgrenzung und Bestrafung ist stärker – das ist der Effekt von Totalverboten und Kriminalisierung.
Diese Kombination führt dazu, dass im Hinblick auf Hilfen für junge Menschen und einer Reduzierung der Zahl der Todesfälle unsere Arbeit als wirkungsarm erscheint. Klar ist auch, dass die Zahl der verstorbenen Menschen ohne Drogenkonsumräume deutlich höher wäre, aber auch dort erreichen wir nicht jene jungen Menschen, die hohe Risiken eingehen und eher wenig über die potenten Substanzen wissen.
Einfluss von Musik und Peer Group
Das „Oxys“ und „Tilis“ bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen hoch im Kurs stehen, kommt nicht von ungefähr, wenn man sich Liedtexte von in dieser Altersgruppe gehypten Musikern an hört. Scheinbar haben die vielfach positiven Darstellungen des Konsums Einfluss auf das Verhalten junger Menschen. Auch Anerkennung innerhalb der eigenen Peer Group scheint eine große Rolle zu speilen.
Klar ist, dass wir Dinge ausprobieren müssen, die wir noch nicht versucht haben. Prävention im Darknet aber auch
im Clearnet, junge Awarenessteams in Clubs, Information und Fortbildung von Clubbetreiber*innen. Welche Maßnahmen können sie ergreifen, jenseits von Hausverboten oder das andere Extrem, von offensiven Kokaverkauf auf den Klos. Wenn wir wissen, dass opioidhaltige Arzneimittel bei einem Drittel und Opioide insgesamt bei zwei Dritteln der Todesfälle bis 24 Jahre eine dominierende Rolle spielen, müssen wir dann nicht darüber nachdenken über Naloxon z. B. in Clubs und in Universitäten zu informieren?
Mir scheint allerdings eines klar, wenn wir alles dies in einem unveränderten Rechtsrahmen tun, der kriminalisiert
und bestraft und das Stigma der Gesellschaft nicht mindert, schätze ich unsere Chancen, eine Trendumkehr zu erwirken, als gering ein.
Über den Autor
Dirk Schäffer ist Fachreferent für Drogen und Strafvollzug der Deutschen Aidshilfe e.V. und Redakteur des Drogenkuriers.
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