Das Thema der Schadensminderung (Harm Reduction) dominiert die Arbeit der Drogenhilfe. Das ist völlig nachvollziehbar, da wir alle täglich den Versuch unternehmen die Risiken, die sich aus den aktuellen und schon immer dagewesenen Risiken des Drogengebrauchs ergeben, zu reduzieren.
Daher ist die Forderung nach der flächendeckenden Installation von Drogenkonsumräumen nachvollziehbar und
wird von fast allen Fachverbänden der Drogen- und Aidshilfe bedingungslos unterstützt. Dies umso mehr, als dass wir immer mehr mit einem Thema konfrontiert sind, das als „Belastung des öffentlichen Raums“ bezeichnet wird.
Spätestens nach der Coronazeit wurde immer deutlicher, dass sich mehr Menschen im öffentlichen Raum aufhalten, da sie über keinen eigenen Wohnraum verfügen und wohnungslos oder obdachlos sind. Die hiermit verbundenen zunehmenden gesundheitlichen und psychischen Belastungen von Drogengebraucher*innen sind sichtbar und werden durch den allgegenwärtigen Konsum von rauchbarem Kokain begünstigt.
Wir werden auch kaum Gegenstimmen zur verstärkten Debatte um eine Umsetzung des nun möglichen Drug Che-
ckings finden. Immer mehr synthetische Substanzen drängen auf den Markt und in jenen Drug Checking Projekten, die bereits existieren, werden immer wieder hochdosierte Substanzen gefunden. Weitere Stichworte sind hochpotente synthetische Cannabinoide. Also, was sollte man gegen Drug Checking haben? Nichts!
Zudem versuchen Verbände, Einrichtungen und Kommunen sich auf synthetische Opioide vorzubereiten. Die Lage ist diffus, aber klar ist, dass auch im zweiten Jahr hintereinander die Menge des in Afghanistan produzierten und exportierten Heroins dramatisch reduziert wurde. Andere Länder wie Myanmar versuchen diese Lücke zu schließen, aber die Weltdrogenbehörde konstatiert weiterhin die Gefahr einer Heroinverknappung. Zudem
werden in Europa immer wieder Versuche unternommen synthetische Opioide im Markt zu verankern.
Wirft man einen kritischen Blick auf all diese erforderlichen und evidenzbasierten Maßnahmen, so könnte man zu
der Einschätzung kommen, dass mit jeder dieser Maßnahmen der Schadensminderung das Totalverbot illegaler
Substanzen unbeabsichtigterweise zementiert wird.
Denn die zunehmenden körperlichen und psychischen Erkrankungen, die immer häufiger auftreten und flankiert sind von sozialen Herausforderungen, werden in besonderer Weise durch die Prohibition, also die fortgesetzte Verfolgung und Kriminalisierung von Menschen die Drogen gebrauchen oder Drogenabhängig sind „unterstützt“.
Dies alles geschieht vor dem Hintergrund, dass es in den letzten Jahren gelungen ist maßgebliche Fortschritte im
Hinblick auf die Palette der Angebote der Schadensminderung zu ermöglichen. Die Zahl der Drogenkonsumräume erhöht sich stetig. Drug Checking wurde ermöglicht und nun liegt der Ball bei den Ländern. Naloxon ist nun für alle verfügbar. Die bestehenden Hürden der Diamorphingestützten Behandlung wurden herabgesetzt ohne das es allerdings zu einer Gleichstellung zu anderen Formen der Substitution kam. Es besteht Konsens, dass es ein deutlich verbessertes Monitoring geben muss und diese Daten im Bund zusammenfließen müssen.
Aber bauen wir alle diese wichtigen Angebote um eine schädliche Prohibition herum? Die Zahl der drogenbedingten Todesfälle befindet sich weiterhin auf einem unerträglich hohen Niveau und wirft man einen Blick in die Innenstädte, so werden Drogenkonsument*innen unbarmherzig gejagt, vertrieben und verhaftet.
Müssen wir also bei aller berechtigten Notwendigkeit von Harm Reduction Angeboten den Ursprung oder die Ursache von Vielem viel deutlicher artikulieren? Müssen wir die Forderungen nach einer grundsätzlichen Veränderung deutscher Drogenpolitik wieder mehr in den Mittelpunkt stellen? Harm Reduction Maßnahmen setzen bildlich gesprochen kurz vor der Intensivstation an um das Schlimmste zu verhindern. Wir sehen Menschen, die deutlich zu spät unsere Angebote in Anspruch nehmen. Die Gründe hierfür sind sicher unterschiedlich, aber blickt man in die Lebensgeschichten hunderttausender Drogengebraucher*innen, so
haben sie Angst vor Entdeckung, Bestrafung, Ablehnung und Verlust.
Immer dann, wenn sie den Konsumzugaben oder er sichtbar wurde, folgte eine Sanktion oder eine Bestrafung. Zu
Hause von Eltern, in der Schule von Lehrer*innen, in der Öffentlichkeit von der Polizei und vor Gericht von Richter*innen, Dies sind die Gründe, warum zu viele Menschen sehr spät Hilfe und Unterstützung in Anspruch nehmen.
Der Grund ist ferner das gesellschaftliche Bild des Drogenkonsums sowie das fortgesetzte Totalverbot des Erwerbs, des Besitzes und der Weitergabe von irgendwann einmal illegalisierten psychoaktiven Substanzen.
Es ist an uns, die Relevanz von Harm Reduktion Interventionen weiterhin zu verdeutlichen, aber auch die Notwendigkeit grundsätzlicher Veränderungen der Drogenpolitik in Deutschland zu artikulieren. Auch wenn der Weg dorthin vielleicht sehr, sehr weit ist. Aber er bleibt für mich alternativlos.
Der Originaltitel wurde von My Brain My Choice gekürzt. Er lautet vollständig: „Was ist eigentlich aus der Entkriminalisierung des Drogengebrauchs geworden? Gedanken über ein vernachlässigtes Thema“
#MyBrainMyChoice x Drogenkurier
Im #MyBrainMyChoice-Blog zweitveröffentlichen wir mit der Genehmigung des JES-Bundesverbands immer nur einen Teil ihres 4‑mal im Jahr erscheinenden Magazins. Die gesamten Ausgaben des „Drogenkuriers“ gibt es per Post oder als PDF-Download hier.
Über den Drogenkurier
Seit 1990 informiert das Magazin über aktuelle Entwicklungen in den Bereichen „Leben mit Drogen“, Medizin, Fortbildungen und Medien. Alle Ausgaben und weiteren Informationen sind hier kostenlos als PDF abrufbar und per Post bestellbar.
Über den JES-Bundesverband e.V.
JES (Junkies, Ehemalige und Substituierte) ist ein bundesweites Netzwerk von Gruppen, Vereinen, Initiativen und Einzelpersonen, die sich unter dem gemeinsamen Dach des JES Bundesverbands für die Interessen und Bedürfnisse drogengebrauchender Menschen engagieren.

