Evidenzbasierte Prävention und schadensmindernde Hilfen sind kein Verbrechen. Sie sind Ausdruck von Mitgefühl und Wissenschaft – und sie retten Leben.
- Man stärkt die Gesundheitsvesorgung nicht, indem man diejenigen schwächt, die sie schützen.
- Man verteidigt die Demokratie nicht, indem man die Zivilgesellschaft zerschlägt.
- Man rettet keine Leben, indem man diejenigen zum Schweigen bringt, die Leben retten.
Im März 2025 rief die ungarische Regierung einen Krieg gegen Drogen aus. Die Verfassung wurde um ein Verbot des Konsums und der „Bewerbung“ von Drogen ergänzt. Die Strafen für Drogendelikte gehörten bereits zu den härtesten in Europa, doch nun wurden sie noch weiter verschärft. Parallel dazu wird politischer Druck auf die Polizei ausgeübt, die Drogengesetze aggressiv durchzusetzen. Dies richtet sich vor allem gegen Menschen, die Drogen gebrauchen. Die Zivilgesellschaft wurde bei der Überarbeitung des Gesetzes nicht konsultiert – und Expert*innen haben die Änderungen scharf kritisiert. Sie wiesen darauf hin, dass die Regierung stattdessen eine umfassende Strategie für den Umgang mit Drogen entwickeln und in Prävention, Behandlung und schadensmindernde Angebote („Harm Reduction“) investieren sollte.
Jede Kritik am Drogenkrieg wird jedoch von Regierungsvertretern verurteilt. Kritische Organisationen der Zivilgesellschaft werden beschuldigt, ausländische Agenten und „Komplizen des Drogenhandels” zu sein.
Die regierungsnahe Presse greift regelmäßig Fachleute und Aktivist*innen, die pragmatische und mitfühlende Prävention und schadensmindernde Angebote leisten, heftig an. Diejenigen, die realitätsbasierte Aufklärung betreiben und es wagen, sich für schadensmindernde Maßnahmen oder eine Reform der Drogenpolitik einzusetzen, werden seit mehreren Jahren zunehmend von der ungarischen Regierung in Verleumdungskampagnen zum Sündenbock gemacht und bedroht. Sie laufen nun Gefahr, aufgrund des verfassungsrechtlichen Verbots der „Bewerbung von Drogen“ zensiert zu werden.
Anstelle eines Kriegs gegen Drogen braucht Ungarn eine umfassende und evidenzbasierte Drogenpolitik, die unter echter Einbeziehung der Zivilgesellschaft ausgearbeitet und umgesetzt wird. Harm Reduction (Schadensminimierung) ist einer der wirksamsten, humansten und evidenzbasiertesten Ansätze im Gesundheitswesen. Von realistischer Aufklärung, der Bereitstellung steriler Ausrüstung und der Prävention von Überdosierungen bis hin zu Unterstützung, Würde und Sicherheit für Menschen, die Drogen gebrauchen – Schadensmindernde Angebote retten Leben! Doch Präventions‑, Behandlungs- und schadensmindernde Angebote können im derzeitigen Klima der Angst und Repression schlichtweg nicht erbracht werden.
Wie kann das sein? Für Harm Reduction engagierte Organisationen und Personen sind keine Feinde des Staates – sie leisten lebensrettende Gesundheitsversorgung. Ihr einziges „Verbrechen“ besteht darin, Ideologie und Stigma mit Fakten zu konfrontieren und Menschen in Not Unterstützung zu bieten.
In aller Deutlichkeit: Es ist nicht die Zivilgesellschaft, die Ungarn bedroht – es ist die Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit, das Zum-Schweigen-Bringen unabhängiger Stimmen und die Kriminalisierung von Mitgefühl.
Eine demokratische, rechtsstaatliche Gesellschaft muss diejenigen schützen und unterstützen – und nicht bestrafen –, die sich für Menschenwürde, Gesundheit und Grundrechte einsetzen. Das Vorgehen gegen NGOs, die legal, transparent und für das Gemeinwohl arbeiten, ist nicht nur ungerecht; es ist ein Warnsignal – für Ungarn ebenso wie für Europa und die Europäische Union als Ganzes.
Wenn eine EU-Regierung die Zivilgesellschaft unterdrückt und Wissenschaft durch Ideologie ersetzt, kostet das Menschenleben, zerstört Vertrauen und führt zum Zerfall der Demokratie. In einem solchen Umfeld werden Fakten zu Feinden und kritisches Denken zu einem subversiven Akt.
- Wir fordern die ungarische Regierung auf, ihre Angriffe auf Organisationen und Aktivist*innen, die Prävention und Harm Reduction leisten und sich für eine Reform der Drogenpolitik einsetzen, unverzüglich einzustellen.
- Die Regierung muss ihren Krieg gegen Drogen beenden und die Rechtsstaatlichkeit sowie die Pflichten aus internationalen Menschenrechts- und Gesundheitsabkommen wahren.
- Es sollte eine neue, umfassende und evidenzbasierte nationale Drogenstrategie unter echter Einbeziehung der Zivilgesellschaft erarbeitet werden.
- Darüber hinaus muss jegliche Kriminalisierung und Schikane von Fachkräften und Ehrenamtlichen, die Schadensminderung (harm reduction) betreiben, beendet werden.
- Wir rufen die Europäische Union und die internationale Community dazu auf, sich solidarisch mit der ungarischen Zivilgesellschaft zu zeigen und die Grundprinzipien von Wissenschaft, Mitgefühl und Rechtsstaatlichkeit zu verteidigen.
- Wir appellieren an die Europäische Union, ihre vertraglichen Verpflichtungen aus den gemeinsamen Abkommen zu erfüllen und die Grundrechte aller Menschen zu achten.
Unterzeichnende Organisationen:
- «PUD.UA VOLN – YOUR HOME», Ukraine
- Addiction Research Center Alternative Georgia
- Africa Network of People Who Use Drugs (AfricaNPUD)
- AIDES, France
- AMOC Zuid – De Regenboog Groep, Amsterdam, The Netherlands
- Ares do Pinhal (ADP), Portugal
- Asociación Stop Sida, Spain
- Associação Reabilitação Toxicodependentes de Macau (ARTM), Macau SAR China
- Association for harm reduction Stigma, Slovenia
- Association for Humane Drug Policy, Norway
- Association Proyecto Hombre, Spain
- Australian Injecting and Illicit Drug Users League (AIVL), Australia
- BerLUN / Berliner Gemeinschaft der drogenkonsumierenden, Germany
- CASO, Portugal
- Center for Humane Policy, Bulgaria
- Centro de Estudios Legales y Sociales (CELS), Argentina
- Charitable organization „Foundation „Spodivannya“, Ukraine
- Citywide Drugs Crisis Campaign, Ireland
- Civic initiative Legalize Belarus, Belarus
- Club Eney, Ukraine
- CNCA Rete, Italy
- CO “Eastern Resource Center of the Ukrainian Network of People who Use Drugs (VOLNA) „Meridian“. Poltava, Ukraine
- CO “LEGALIFE-UKRAINE”, Ukraine
- Contact Nord Jugend an Drogenhëllef, Luxembourg
- Corporación Acción Técnica Social, Colombia
- Corporación Viso Mutop, Colombia
- Corporacion Viviendo, Colombia
- Correlation-European Harm Reduction Network, Netherlands
- DALAN Fund, regional
- Deutscher Hanfverband (DHV), Germany
- DOM SVETLA SLOVENSKO, civic association, Bratislava, Slovakia
- Drop-In Krakowska 19, MONAR Krakow, Poland
- Drug Policy Australia
- Drug Policy Network South East Europe (DPNSEE), regional
- Društvo AREAL, Slovenia
- EHPV Estonian Network PLWHIV, Estonia
- Estonian Association of People Who Use Psychotropic Substances “LUNEST”, Estonia
- Estonian Medical Cannabis Association (MTÜ Ravikanep), Estonia
- Eurasian Harm Reduction Association (EHRA), regional
- Eurasian Movement for the Right to Health in Prisons, regional
- Euro ‑TC, Austria
- European AIDS Treatment Group, Belgium
- European Network of People Who Use Drugs (EuroNPUD), Ireland
- European Network of People who Use Drugs (EuroNPUD), regional
- European Society for Prevention Research (EUSPR), regional
- Fédération Addiction, France
- Fédération bruxelloise des institutions spécialisées en matière de drogues et addictions, Belgium
- Federation of Austrian Professionals Working in the Field of Drugs (ÖVDF), Austria
- Finnish Association for Humane Drug Policy (HPP ry), Finland
- Fondazione Villa Maraini, Italy
- Forum Droghe, Italy
- Fund woman living with HIV
- Groupement Romand d’Études des Addictions (GREA), Switzerland
- Grupo de Ativistas em tratamentos (GAT), Portugal
- Harm Reduction International, UK
- Health and Opportunity Network(HON), Thailand
- Health and social development Foundation, Sofia, Bulgaria
- Healthy Options Project Skopje (HOPS), North Macedonia
- Helsinki Foundation for Human Rights, Poland
- HIV Legal Network, Canada
- HPLGBT, Ukraine
- Infodrog, Bern, Switzerland
- Instituto RIA, AC, Mexico
- Intercambios Asociación Civil, Argentina
- International Center for Ethnobotanical Education, Research and Service (ICEERS), Spain
- International Drug Policy Consortium, global
- International Network of People who Use Drugs (INPUD), global
- International Women’s Fund, Azerbaijan
- Italian League for Fighting AIDS (LILA), Italy
- ItaNPUD APS, Italy
- Kosmicare Association, Portugal
- Kykeon Foundation
- L’isola di Arran ODV, Italy
- La Società della Ragione, Italy
- Lembaga Bantuan Hukum Masyarakat (LBHM), Indonesia
- Life Quality Improvement Organisation FLIGHT, Zagreb, Croatia
- Mainline, Netherlands
- Médecins du Monde Belgique / Dokters Van De Wereld, Belgium
- Menschen aus Osteuropa e.V. Berlin, Germany
- Metzineres, Spain
- Metzineres, Spain
- Montenegrin Harm Reduction Network Link, Montenegro
- My Brain My Choice Initiative, Germany
- New Generation Humanitarian NGO (NGNGO), Armenia
- NGO “ISHONCH VA HAYOT”, Uzbekistan
- NGO AFI, Republic of Moldova
- NGO Juventas, Podgorica, Montenegro
- NGO Night Fairies (MTÜ Ööhaldjad), Estonia
- NGO Re Generation, Serbia
- NGO Revensh, Kazakhstan
- Odyseus civic association, Bratislava, Slovakia
- OÜ ReCuro, Estonia
- PeerNUPS, Greece
- Penington Institute, Australia
- PO “SPIN Plus”, Tajikistan
- Positive Voice – Greek Association of People Living with HIV, Greece
- Prekursor, Poland
- PRIMA civic association, Bratislava, Slovakia
- PULS Comunitar, Moldova
- Recovering Nepal (RN), Federation of PUD and Drug service organizations in Nepal
- Rede Brasileira de Redução de Danos e Direitos Humanos, Brazil
- Release, UK
- ReShape, UK
- Romanian Harm Reduction Network, Romania
- SANANIM, Czechia
- Schildower Kreis, expert network for drug policy reform, Germany
- Skoun Lebanese Addictions Center, Lebanon
- Slovenian NCD Alliance, Slovenia
- Southeast Asia Harm Reduction Network (AHRA), regional
- StoptheDrugWar.org, USA
- Suar Perempuan Lingkar Napza Nusantara Foundation (SPINN), Indonesia
- The National Organization for Relatives to Drug Users (NORD), Sweden
- The Sex Workers’ Rights Advocacy Network (SWAN)
- Transnational Institute, Netherlands
- TRUST EST – Estonian NPO for Repealing of Reactionary and Repressive Drug Laws, Estonia
- UISCE, Ireland
- Unie LZZ, Czechia
- Unión de Asociaciones y Entidades de Atención al Drogodependiente (UNAD), Spain
- Union for Equity and Health, Moldova
- Union Women Center, Georgia
- Women and Harm Reduction International Network (WHRIN), global
- Women and Modern World Social Charitable Center (CWMW), Azerbaijan
- Women4GlobalFund, global
- Youth RISE, global
Übersetzung: Philine Edbauer

