Ungarns Drogenkrieg: Repression stoppen – Leben retten! Internationaler Appell der Zivilgesellschaft

Die My Brain My Choice Initiative ist Unterzeichnerin des internationalen Offenen Briefs „Stop the crackdown – Save lives: Defend civil society and the rule of law in Hungary“. In diesem Appell schlagen 124 zivilgesellschaftliche Organisationen aus 47 Ländern Alarm: Der von der ungarischen Regierung im März 2025 ausgerufene „Krieg gegen Drogen“ hat zu aggressiven Polizeieinsätzen gegen Menschen, die Drogen gebrauchen, geführt sowie zu einem besorgniserregenden Vorgehen gegen Harm Reduction Angebote und zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für eine menschenrechtsorientierte Drogenpolitik einsetzen.

Evidenzbasierte Prävention und schadensmindernde Hilfen sind kein Verbrechen. Sie sind Ausdruck von Mitgefühl und Wissenschaft – und sie retten Leben.

  • Man stärkt die Gesundheitsvesorgung nicht, indem man diejenigen schwächt, die sie schützen.
  • Man verteidigt die Demokratie nicht, indem man die Zivilgesellschaft zerschlägt.
  • Man rettet keine Leben, indem man diejenigen zum Schweigen bringt, die Leben retten.

Im März 2025 rief die ungarische Regierung einen Krieg gegen Drogen aus. Die Verfassung wurde um ein Verbot des Konsums und der „Bewerbung“ von Drogen ergänzt. Die Strafen für Drogendelikte gehörten bereits zu den härtesten in Europa, doch nun wurden sie noch weiter verschärft. Parallel dazu wird politischer Druck auf die Polizei ausgeübt, die Drogengesetze aggressiv durchzusetzen. Dies richtet sich vor allem gegen Menschen, die Drogen gebrauchen. Die Zivilgesellschaft wurde bei der Überarbeitung des Gesetzes nicht konsultiert – und Expert*innen haben die Änderungen scharf kritisiert. Sie wiesen darauf hin, dass die Regierung stattdessen eine umfassende Strategie für den Umgang mit Drogen entwickeln und in Prävention, Behandlung und schadensmindernde Angebote („Harm Reduction“) investieren sollte.

Jede Kritik am Drogenkrieg wird jedoch von Regierungsvertretern verurteilt. Kritische Organisationen der Zivilgesellschaft werden beschuldigt, ausländische Agenten und „Komplizen des Drogenhandels” zu sein.

Die regierungsnahe Presse greift regelmäßig Fachleute und Aktivist*innen, die pragmatische und mitfühlende Prävention und schadensmindernde Angebote leisten, heftig an. Diejenigen, die realitätsbasierte Aufklärung betreiben und es wagen, sich für schadensmindernde Maßnahmen oder eine Reform der Drogenpolitik einzusetzen, werden seit mehreren Jahren zunehmend von der ungarischen Regierung in Verleumdungskampagnen zum Sündenbock gemacht und bedroht. Sie laufen nun Gefahr, aufgrund des verfassungsrechtlichen Verbots der „Bewerbung von Drogen“ zensiert zu werden.

Anstelle eines Kriegs gegen Drogen braucht Ungarn eine umfassende und evidenzbasierte Drogenpolitik, die unter echter Einbeziehung der Zivilgesellschaft ausgearbeitet und umgesetzt wird. Harm Reduction (Schadensminimierung) ist einer der wirksamsten, humansten und evidenzbasiertesten Ansätze im Gesundheitswesen. Von realistischer Aufklärung, der Bereitstellung steriler Ausrüstung und der Prävention von Überdosierungen bis hin zu Unterstützung, Würde und Sicherheit für Menschen, die Drogen gebrauchen – Schadensmindernde Angebote retten Leben! Doch Präventions‑, Behandlungs- und schadensmindernde Angebote können im derzeitigen Klima der Angst und Repression schlichtweg nicht erbracht werden.

Wie kann das sein? Für Harm Reduction engagierte Organisationen und Personen sind keine Feinde des Staates – sie leisten lebensrettende Gesundheitsversorgung. Ihr einziges „Verbrechen“ besteht darin, Ideologie und Stigma mit Fakten zu konfrontieren und Menschen in Not Unterstützung zu bieten.

In aller Deutlichkeit: Es ist nicht die Zivilgesellschaft, die Ungarn bedroht – es ist die Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit, das Zum-​Schweigen-​Bringen unabhängiger Stimmen und die Kriminalisierung von Mitgefühl.

Eine demokratische, rechtsstaatliche Gesellschaft muss diejenigen schützen und unterstützen – und nicht bestrafen –, die sich für Menschenwürde, Gesundheit und Grundrechte einsetzen. Das Vorgehen gegen NGOs, die legal, transparent und für das Gemeinwohl arbeiten, ist nicht nur ungerecht; es ist ein Warnsignal – für Ungarn ebenso wie für Europa und die Europäische Union als Ganzes.

Wenn eine EU-​Regierung die Zivilgesellschaft unterdrückt und Wissenschaft durch Ideologie ersetzt, kostet das Menschenleben, zerstört Vertrauen und führt zum Zerfall der Demokratie. In einem solchen Umfeld werden Fakten zu Feinden und kritisches Denken zu einem subversiven Akt.

  • Wir fordern die ungarische Regierung auf, ihre Angriffe auf Organisationen und Aktivist*innen, die Prävention und Harm Reduction leisten und sich für eine Reform der Drogenpolitik einsetzen, unverzüglich einzustellen.
  • Die Regierung muss ihren Krieg gegen Drogen beenden und die Rechtsstaatlichkeit sowie die Pflichten aus internationalen Menschenrechts- und Gesundheitsabkommen wahren.
  • Es sollte eine neue, umfassende und evidenzbasierte nationale Drogenstrategie unter echter Einbeziehung der Zivilgesellschaft erarbeitet werden.
  • Darüber hinaus muss jegliche Kriminalisierung und Schikane von Fachkräften und Ehrenamtlichen, die Schadensminderung (harm reduction) betreiben, beendet werden.
  • Wir rufen die Europäische Union und die internationale Community dazu auf, sich solidarisch mit der ungarischen Zivilgesellschaft zu zeigen und die Grundprinzipien von Wissenschaft, Mitgefühl und Rechtsstaatlichkeit zu verteidigen.
  • Wir appellieren an die Europäische Union, ihre vertraglichen Verpflichtungen aus den gemeinsamen Abkommen zu erfüllen und die Grundrechte aller Menschen zu achten.

Unterzeichnende Organisationen:

  1. «PUD​.UA VOLN – YOUR HOME», Ukraine
  2. Addiction Research Center Alternative Georgia
  3. Africa Network of People Who Use Drugs (AfricaNPUD)
  4. AIDES, France
  5. AMOC Zuid – De Regenboog Groep, Amsterdam, The Netherlands
  6. Ares do Pinhal (ADP), Portugal
  7. Asociación Stop Sida, Spain
  8. Associação Reabilitação Toxicodependentes de Macau (ARTM), Macau SAR China
  9. Association for harm reduction Stigma, Slovenia
  10. Association for Humane Drug Policy, Norway
  11. Association Proyecto Hombre, Spain
  12. Australian Injecting and Illicit Drug Users League (AIVL), Australia
  13. BerLUN /​ Berliner Gemeinschaft der drogenkonsumierenden, Germany
  14. CASO, Portugal
  15. Center for Humane Policy, Bulgaria
  16. Centro de Estudios Legales y Sociales (CELS), Argentina
  17. Charitable organization „Foundation „Spodivannya“, Ukraine
  18. Citywide Drugs Crisis Campaign, Ireland
  19. Civic initiative Legalize Belarus, Belarus
  20. Club Eney, Ukraine
  21. CNCA Rete, Italy
  22. CO “Eastern Resource Center of the Ukrainian Network of People who Use Drugs (VOLNA) „Meridian“. Poltava, Ukraine
  23. CO “LEGALIFE-​UKRAINE”, Ukraine
  24. Contact Nord Jugend an Drogenhëllef, Luxembourg
  25. Corporación Acción Técnica Social, Colombia
  26. Corporación Viso Mutop, Colombia
  27. Corporacion Viviendo, Colombia
  28. Correlation-​European Harm Reduction Network, Netherlands
  29. DALAN Fund, regional
  30. Deutscher Hanfverband (DHV), Germany
  31. DOM SVETLA SLOVENSKO, civic association, Bratislava, Slovakia
  32. Drop-​In Krakowska 19, MONAR Krakow, Poland
  33. Drug Policy Australia
  34. Drug Policy Network South East Europe (DPNSEE), regional
  35. Društvo AREAL, Slovenia
  36. EHPV Estonian Network PLWHIV, Estonia
  37. Estonian Association of People Who Use Psychotropic Substances “LUNEST”, Estonia
  38. Estonian Medical Cannabis Association (MTÜ Ravikanep), Estonia
  39. Eurasian Harm Reduction Association (EHRA), regional
  40. Eurasian Movement for the Right to Health in Prisons, regional
  41. Euro ‑TC, Austria
  42. European AIDS Treatment Group, Belgium
  43. European Network of People Who Use Drugs (EuroNPUD), Ireland
  44. European Network of People who Use Drugs (EuroNPUD), regional
  45. European Society for Prevention Research (EUSPR), regional
  46. Fédération Addiction, France
  47. Fédération bruxelloise des institutions spécialisées en matière de drogues et addictions, Belgium
  48. Federation of Austrian Professionals Working in the Field of Drugs (ÖVDF), Austria
  49. Finnish Association for Humane Drug Policy (HPP ry), Finland
  50. Fondazione Villa Maraini, Italy
  51. Forum Droghe, Italy
  52. Fund woman living with HIV
  53. Groupement Romand d’Études des Addictions (GREA), Switzerland
  54. Grupo de Ativistas em tratamentos (GAT), Portugal
  55. Harm Reduction International, UK
  56. Health and Opportunity Network(HON), Thailand
  57. Health and social development Foundation, Sofia, Bulgaria
  58. Healthy Options Project Skopje (HOPS), North Macedonia
  59. Helsinki Foundation for Human Rights, Poland
  60. HIV Legal Network, Canada
  61. HPLGBT, Ukraine
  62. Infodrog, Bern, Switzerland
  63. Instituto RIA, AC, Mexico
  64. Intercambios Asociación Civil, Argentina
  65. International Center for Ethnobotanical Education, Research and Service (ICEERS), Spain
  66. International Drug Policy Consortium, global
  67. International Network of People who Use Drugs (INPUD), global
  68. International Women’s Fund, Azerbaijan
  69. Italian League for Fighting AIDS (LILA), Italy
  70. ItaNPUD APS, Italy
  71. Kosmicare Association, Portugal
  72. Kykeon Foundation
  73. L’isola di Arran ODV, Italy
  74. La Società della Ragione, Italy
  75. Lembaga Bantuan Hukum Masyarakat (LBHM), Indonesia
  76. Life Quality Improvement Organisation FLIGHT, Zagreb, Croatia
  77. Mainline, Netherlands
  78. Médecins du Monde Belgique /​ Dokters Van De Wereld, Belgium
  79. Menschen aus Osteuropa e.V. Berlin, Germany
  80. Metzineres, Spain
  81. Metzineres, Spain
  82. Montenegrin Harm Reduction Network Link, Montenegro
  83. My Brain My Choice Initiative, Germany
  84. New Generation Humanitarian NGO (NGNGO), Armenia
  85. NGO “ISHONCH VA HAYOT”, Uzbekistan
  86. NGO AFI, Republic of Moldova
  87. NGO Juventas, Podgorica, Montenegro
  88. NGO Night Fairies (MTÜ Ööhaldjad), Estonia
  89. NGO Re Generation, Serbia
  90. NGO Revensh, Kazakhstan
  91. Odyseus civic association, Bratislava, Slovakia
  92. OÜ ReCuro, Estonia
  93. PeerNUPS, Greece
  94. Penington Institute, Australia
  95. PO “SPIN Plus”, Tajikistan
  96. Positive Voice – Greek Association of People Living with HIV, Greece
  97. Prekursor, Poland
  98. PRIMA civic association, Bratislava, Slovakia
  99. PULS Comunitar, Moldova
  100. Recovering Nepal (RN), Federation of PUD and Drug service organizations in Nepal
  101. Rede Brasileira de Redução de Danos e Direitos Humanos, Brazil
  102. Release, UK
  103. ReShape, UK
  104. Romanian Harm Reduction Network, Romania
  105. SANANIM, Czechia
  106. Schildower Kreis, expert network for drug policy reform, Germany
  107. Skoun Lebanese Addictions Center, Lebanon
  108. Slovenian NCD Alliance, Slovenia
  109. Southeast Asia Harm Reduction Network (AHRA), regional
  110. StoptheDrugWar​.org, USA
  111. Suar Perempuan Lingkar Napza Nusantara Foundation (SPINN), Indonesia
  112. The National Organization for Relatives to Drug Users (NORD), Sweden
  113. The Sex Workers’ Rights Advocacy Network (SWAN)
  114. Transnational Institute, Netherlands
  115. TRUST EST – Estonian NPO for Repealing of Reactionary and Repressive Drug Laws, Estonia
  116. UISCE, Ireland
  117. Unie LZZ, Czechia
  118. Unión de Asociaciones y Entidades de Atención al Drogodependiente (UNAD), Spain
  119. Union for Equity and Health, Moldova
  120. Union Women Center, Georgia
  121. Women and Harm Reduction International Network (WHRIN), global
  122. Women and Modern World Social Charitable Center (CWMW), Azerbaijan
  123. Women4GlobalFund, global
  124. Youth RISE, global

Übersetzung: Philine Edbauer

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