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Maximilian Plenert, warum braucht es eine grundlegend neue Drogenpolitik?

Die Banalität der Prohibition besteht darin, dass ihr Ursprung, aber insbesondere ihr Fortbestehen, durch unspektakuläre Mechanismen verursacht wurde und wird. Verschwörungsdenken, nach dem die Prohibition ein gezieltes Ergebnis finsterer Mächte mit durchdachter Agenda sei, bietet Storys, die gleichermaßen unterhaltsam wie unhaltbar sind. Solch ein unkritisches Denken ist das Spiegelbild des naiven Glauben an die Prohibitionsidee als „edles Experiment“ zum Wohle von Menschen und ihrer Gesundheit, und der Annahme, ein Rat der Weisen hätte irgendwann einmal wissenschaftlich fundiert festgelegt, dass Alkohol und Tabak grundsätzlich anders zu behandeln seien als Cannabis und Heroin.

Die Prohibition existiert weiter, weil sich die Idee durch das System, welches sie geschaffen hat, selbst am Leben hält. Das ist das Wesen einer Bürokratie, auf staatlicher Seite beispielsweise der Polizei, aber auch des Drogenhilfesystems.

Im Jahr 2014 stellte ich in einem Vortrag die Frage: „Warum bleibt alles wie es ist? Wem nützen die Drogen, die Sucht und ihre Bekämpfung?“ Meine Antwort lautete:

Die Polizei jagt fleißig Gesetzesbrecher…
Die Therapeuten kümmern sich um die – von Polizei und Gerichten gelieferten – Therapiebedürftigen…
Die Pharmaindustrie verkauft Lösungen in Pappschachteln…
Die Ärzte verschreiben sie…
Die Apotheker verkaufen sie…
Die Forscher suchen neue Risiken und finden sie…
Die Medien schreiben darüber…
Die Politik kümmert sich um den Schutz der Jugend…

Das ist weiterhin korrekt, allerdings bin ich heute bei der mitklingenden Schuldfrage vorsichtiger. Den Einzelnen im System trifft keine Schuld und die Allermeisten haben keinen besonderen Profit an ihrer Arbeit, im Gegenteil. In der Drogenhilfe ist man sich durchaus bewusst, dass man sich primär an den Folgen der Prohibition abarbeitet und erst danach Zeit hat den Menschen wirklich weiterzuhelfen.

Andere Berufsgruppen sind hier noch nicht so weit. Man darf allerdings auch nicht vergessen, welche Leistung es ist, beispielsweise für einen Polizisten, seine bisherige Arbeit und damit ein Großteil des eigenen Lebenswegs nicht nur in Frage zu stellen, sondern zu erkennen, dass man Teil der Kraft, die Gutes will doch Böses schafft, ist. Eine bedenkenswerte Person ist hier Frank Tempel, der in diesem Video seinen Werdegang und sein Umdenken beschreibt.

Ebenfalls treibende Kräfte sind die ideologische und politische Instrumentalisierung der Drogenpolitik. Drogenpolitik und Rassismus sind untrennbar miteinander verbunden, ebenso wie Ausgrenzung und Stigmatisierung; das Feindbild „Drogen“ dient als bequemer Sündenbock für soziale und gesundheitliche Probleme. Am Beispiel Psychosen: DrogenPOLITIKmissbrauch

Das Prohibitionssystem wird sich nicht von alleine abschaffen, es stehen aber auch keine dunklen Mächte dahinter. Es fehlt einfach genug organisierte Macht zur Abschaffung.

In der Fachwelt und der Bevölkerung hat die repressive Verfolgung von einfachen Drogengebrauchern, insbesondere ihrer Auswüchse, wie dem Einsatz von Polizei und Strafverfolgung gegen Cannabis-​Patienten, keine Mehrheit mehr. Sei nicht mehr Teil der schweigenden Masse, den wer schweigt stimmt dem Status Quo zu. Erhebe deine Stimme!“

– Co-​Autor der Publikation der Friedrich-​Ebert-​Stiftung: „Weltweites Umdenken in der Drogenpolitik“
– Co-​Autor des Praxis-​Ratgebers „Cannabis als Medizin“
– Vorstandsmitglied Akzept e.V.
– Unterzeichner der Petition für eine grundlegend neue Drogenpolitik