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Schlagwort: drogenpolitik

Wir haben diese Drogenpolitik nicht verdient.“ – Zum Gedenktag 2022

Unser Redebeitrag zum Gedenktag für die verstorbenen Drogengebraucher_​innen – von Philine Edbauer und Elli Schwarz:

Personen, die illegale Drogen nehmen, Personen, die mit einer Abhängigkeit leben, Personen, die sich um ihre Angehörigen sorgen haben, diese Drogenpolitik nicht verdient. Wir haben diese Drogenpolitik nicht verdient. Kinder und Jugendliche haben diese Drogenpolitik nicht verdient. Und nachfolgende Generationen haben diese Drogenpolitik nicht verdient.

Jeder Mensch hat Rechte. Menschen, die illegale Drogen nehmen, sind Menschen. Menschenrechte zu haben heißt: Unser Urin gehört uns und weder dem Gesundheitssystem noch der Polizei. Wir haben ein Recht auf Privatsphäre und dazu gehört, auch, dass dem Staat diese Übergriffe nicht zustehen. Und die Polizei hat in unseren Privaträumen nichts zu suchen. Hausdurchsuchungen sind traumatisierende oder zusätzlich retraumatisierende Eingriffe. Betroffene berichten, dass sie wochenlang nicht schlafen können, dass sie psychologische Betreuung gebraucht haben, um wieder am Leben teilnehmen zu können. Umso schwerer ist es, diese Übergriffe zu erleiden, wenn man sie als nichts anderes als Willkür verstehen kann, weil man nichts anderes getan hat als Drogen für den eigenen Gebrauch zu besitzen so wie andere ein paar Bier im Kühlschrank stehen haben.

Menschenrechte zu haben heißt auch: Wenn wir in Haft sind, haben wir das Recht darauf, dass sich unser gesundheitlicher Zustand nicht durch die Haft verschlechtert. Die Strafen für Drogenhandel oder ‑herstellung ohne Gewalt müssen unbedingt reduziert, wenn nicht abgeschafft werden. Menschen nehmen nicht nur die als legal definierten Drogen, sondern auch sind auch an den vielen verschiedenen anderen Wirkweisen interessiert. Personen, die diese Nachfrage bedienen, dürfen nicht dafür bestraft werden. Personen, die mit Drogen handeln, dürfen nicht für eine seit über fehlerhafte Drogenpolitik bestraft werden.

Das Verbot behindert die Prävention. Die Polizei erklärt jungen Menschen, was strafbar ist und was nicht. Anstatt Fragen ehrlich zu beantworten, die die Schüler*innen tatsächlich haben. Etwa: Ist ausprobieren wirklich so schlimm? Oder auch: Was kann ich tun, wenn es im Freundeskreis einen Notfall gibt?

Erwachsene scheinen immer wieder zu übersehen: Jugendliche informieren sich im Internet selbst. Der Wissensstand über Drogen ist sehr unterschiedlich. Genauso wie die Erfahrungen. Über Botschaften, die abschrecken sollen, macht man sich lustig. Der Jugendschutz versagt, wenn Erwachsene Minderjährige mit falschen oder nicht ausreichenden Informationen allein lassen.

Das Verbot stört das Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und ihren Eltern. Und wo die Eltern keine Bezugspersonen sind, fallen bei diesem Thema ebenso die Lehrkräfte für offene Gespräche weg. Die Illegalität steht immer im Raum. Und Jugendliche meiden nicht nur das Gespräch, sondern verdrängen Unsicherheiten und Probleme. Wenn Eltern den Drogengebrauch doch mitbekommen oder vermuten, sind sie oft überfordert mit Schuldgefühlen, Scham und Sorgen. Es treibt manche von ihnen zu schrecklichen Aktionen wie das Durchsuchen von Zimmern. Die Illegalität von Drogen zerstört Familien.

Aber wer mit illegalen Drogen nichts zu tun hat, weiß nichts davon. Mitunter deswegen nicht, weil die Kriminalisierung zur Folge hat, dass von der Strafverfolgung betroffene Menschen schweigen, um sich, ihre Familie und Freund*innen zu schützen.

Mit unserer neuen Kampagne werden wir das ändern. Wir haben 13 Forderungen für die Entkriminalisierung von Personen, die illegale Drogen nehmen, aufgestellt. Es gibt eine neue Website im Internet entkriminalisierung​.info Wir konzentrieren uns nun darauf, alles wissen, alle Vorarbeit, die von so vielen bereits gemacht wurde – u.a. Hier seit 25 Jahren mit dem Gedenktag – zu bündeln und die Entkriminalisierung von Personen, die illegale Drogen nehmen, zum nächsten großen Thema nach der Cannabis-​Legalisierung zu machen.

Die 13 Forderungen für die Entkriminalisierung von Personen, die illegale Drogen nehmen

  1. Definition von Eigenbedarf für alle illegalen Drogen
  2. Definition von angemessenen Grenzwerten für den Straßenverkehr
  3. Kursänderung in der Investitionspolitik
  4. Harm Reduction und Safer Use-​Angebote flächendeckend, zielgruppenspezifisch ausbauen
  5. Safer Use in Clubs ermöglichen
  6. Drug-​Checking flächendeckend für alle gängigen Substanzen etablieren
  7. Medizinische Anwendung illegaler Drogen stärken
  8. Jugendschutz mit Jugendlichen
  9. Inklusion von Personen, die illegale Drogen nehmen, in der Forschung
  10. Nothing About us Without Us: Mitwirkung an allen Schritten im Reformprozess
  11. Dauerhaftes Engagement einer unabhängigen, interdisziplinären Fachkommission
  12. Deeskalation zwischen Polizei und Drogengebrauchenden & Wiederherstellung von Privatsphäre
  13. Stopp der laufenden Verfahren, Löschung der Strafregistereinträge & Entschädigung

www​.entkriminalisierung​.info


Danke für die Einladung, JES Berlin! 💖 Der RBB hat in der Abendschau über die Gedenkveranstaltung berichtet.

Portugals Entkriminalisierung von Drogen

Die folgenden Videos geben einen guten Einblick in die portugiesische Drogenpolitik. 2001 wurden der Konsum und Besitz von Drogen aus dem Strafgesetzbuch genommen und werden seitdem als Ordnungswidrigkeit behandelt. Im internationalen Vergleich war und ist dies eine beachtenswerte Abkehr vom System der Strafverfolgung und wird aufgrund seiner Erfolge in der Senkung der Todeszahlen und Abhängigkeitserkrankungen als Vorbild zitiert. 

Was man aber auch von Portugal lernen sollte: Als Ordnungswidrigkeit bleibt die Legitimation von Kontrolle und Übergriffen in die Privatsphäre erhalten. Die allgemeine Stigmatisierung von illegalem Drogengebrauch ist zwar gesunken, aber evidenzbasierte Hilfsmaßnahmen wie Drogenkonsumräume mussten trotzdem erkämpft werden (15 weitere Jahre lang!). Ohne legalen Markt oder immerhin flächendeckendes Drug Checking bleiben die Probleme der schwankenden Dosis und gefährlichen Streckdose erhalten. 

INPUD (International Network of People who Use Drugs) hat einen Bericht erarbeitet, der die verschiedenen Formen von Entkriminalisierung vorstellt und gibt Empfehlungen.

Drogen“ – Ein Gedicht von Beate Stör

Drogen hat´s auf dieser Welt immer schon gegeben.
Teils bereichern, teils zerstören sie Leben.
Es kommt halt eben darauf an,
wo man sie erstehen kann.
Manche sind seit ew´gen Zeiten fest im Alltag integriert
Kein Mensch der Böses dabei denkt, dass man sie konsumiert.
Die anderen Arten allemal
Sind bei uns eben illegal.
Folglich sind deren Konsumenten schlecht,
denn bei uns entscheidet dies das „Recht“.
Gesellschaftlich fällt ins Gewicht
was erlaubt ist oder nicht.
Abgestempelt wird da rasch,
zum Beispiel bei Cannabis, Hasch
und vielen anderen Substanzen
bestimmt man stur im großen Ganzen,
wer das nimmt ist kriminell
und dieses Urteil fällt man schnell.
Schaut man mal genauer hin,
macht das Verbot gar keinen Sinn.
Deshalb ist das auch verkehrt,
weil kaum jemand sich drum schert.
Konsumiert wird trotz Verbot,
jedoch dadurch entsteht erst große Not.
Ein Weltmarkt ist der Drogenhandel
geworden und es ist kein Wandel
in Sicht, solang die Politik so bleibt
wenn man nicht endlich Geschichte schreibt.
Die Zeit dafür ist mehr als reif,
bewegt euch endlich – bleibt nicht steif
an alten Mustern, alten Zöpfen
hängen; aus Forschungswerten lässt sich schöpfen.
Für Entkriminalisierung ist´s höchste Zeit
woanders ist man längst soweit.
Illegal gekaufter Stoff,
bringt nach wie vor gesetzlich Zoff,
ist außerdem gepanscht, gestreckt
und oftmals durch und durch verdreckt.
Das bedeutet vor allem Lebensgefahr
s´ist mittlerweile jedem klar,
mancher Tod ließ sich vermeiden
und Menschen müssten nicht so leiden,
wenn politisch sich was tut
zwar ist deshalb nicht alles gut,
jedoch ein erster Schritt wär´ so getan,
also bitte – packt es an!

Beate Stör leitet seit über 20 Jahren den Elternkreis Leutkirch im Allgäu – ein geschützter Ort für Eltern und Angehörige von suchtkranken oder ‑gefährdeten Kindern, die sich oft aus Scham, Angst und Überforderung zurückziehen. Beate Stör setzt sich für den Schutz von drogenabhängigen Menschen ein und spricht sich für die Entkriminalisierung von Eigenbedarfsmengen und flächendeckende Hilfsangebote aus sowie notwendige legale Regulierungen, um Drogengebrauchende vor tödlichen Überdosierungen und gefährlichen Beimengungen zu schützen. 2020 verlor sie ihren 43-​jährigen Sohn Bertram an eine Opioid-Überdosierung.

Außerdem von ihr im Blog: Das Gedicht „Gestrandet“
Zum Gedenktag für die verstorbenen Drogengebrauchenden: „Die Verbote bringen nichts“

Suchtexpert:innen für Legalisierung von Cannabis

Aktuell gibt es öfter mal Schlagzeilen, die suggerieren, „Die Suchtmedizin“ oder alle Suchtmediziner seien gegen die Cannabis-​Legalisierung. Das ist natürlich Blödsinn. Hier sind fünf Pro-​Entkriminalisierung und Pro-​Legalisierung-​Stellungnahmen. Es wird jeweils darauf hingewiesen, dass die Legalisierung als gut durchdachte Regulierung im Sinne von Verbraucher:innen- und Jugendschutz verstanden und realisiert werden müsse.


Übersicht von Philine Edbauer

Definition: Harm Reduction

Harm Reduction“ umfasst alle Maßnahmen, die Lebensqualität verbessern. Und zwar aus der Sicht derjenigen, die das Leben leben. Vertrauen, Respekt und das Wissen und Erleben von Gebraucher:innen legaler und illegaler Drogen, mit und ohne Sucht, sind maßgeblich. Damit Harm Reduction nicht nur hinter den Schäden kriminalisierender und stigmatisierender Drogen- und Suchtpolitik aufräumt, umfasst das Konzept ebenso die politische Forderung nach einer evidenzbasierten, entmoralisierten drogenpolitischen Reform. Harm Reduction ist das Gegenmodell zur prohibitiven Drogenpolitik sowie zum Abstinenzziel als ausschließlicher Bedingung für das Gewähren von Suchthilfe.

Deutschsprachige Synonyme: Schadensminimierung, Schadensminderung, Akzeptierende Suchthilfe und Drogenarbeit

Harm Reduction für Kolumbien: Drug Checking, Drogenkonsum Coming-​Out, Kokainregulierung

Ein Gespräch mit Julián Quintero

Eine Welt ohne Drogen ist unmöglich zu erreichen. Wir brauchen eine Welt, in der wir in Frieden mit ihnen leben können.“*

Échele cabeza cuando se dé en la cabeza – ein spanisches Wortspiel für: „Benutze deinen Kopf, wenn du Drogen nimmst“, kurz: Échele Cabeza – ist der Name eines kolumbianisches Projekts für risikoarmen Drogengebrauch in Partykontexten. Échele Cabeza gehört zur Dachorganisation Acción Técnica Social (ATS), die seit 2007 verschiedene Projekte zur Weiterentwicklung von Harm Reduction und Drogenpolitik organisiert und dabei nicht nur in Kolumbien, sondern ganz Lateinamerika Debatten anregt.

So hat die ATS beispielsweise mit dem CAMBIE-Projekt den Austausch von Spritzen für injizierende Drogengebraucher:innen in Kolumbien erstmals ermöglicht. Andere einflussreiche Projekte sind das Festival für psychoaktive Kurzfilme und #CocaReguladaPazGarantizada. Letzteres ist der Projektname für die weltweit erste Gesetzesvorlage, die die Produktion und den Verkauf von Coca-​Blättern und ihren Derivaten, einschließlich Kokain, auf nationaler Ebene regulieren soll. Diese soll den blutigen Drogenkrieg in Kolumbien, der nun schon 50 Jahre andauert, beenden.

Risikoarmer Drogenkonsum ist möglich: Ohne Stigma, Angst und Polizei

Der Redebeitrag von Philine Edbauer zur Berliner Tanzdemo „Wem gehört die Stadt?“ 2021 (für den Erhalt von vielfältiger Clubkultur, gegen Immobilienspekulation)

Welche Informationen gibt uns die Bundesregierung zum Alkoholkonsum? Auf der Kampagnen-​Seite von Kenn dein Limit wird risikoarmer Alkoholkonsum für gesunde Erwachsene definiert als: Nicht mehr als 1–2 Standardgläser am Tag. Ein Standardglas ist ein kleines Bier, ein Glas Wein oder Sekt oder ein Schnaps. Und, ich zitiere: „Verzichten Sie an mindestens zwei Tagen pro Woche ganz auf Alkohol, damit das Trinken nicht zur Gewohnheit wird.“

Das sind überraschend großzügige Angaben, aber das Projekt gilt als erfolgreich. Es ist ein akzeptierender Ansatz, der die Realität als Ausgangspunkt und Maßstab nimmt. Was daran besonders bemerkenswert ist: Es wird damit gearbeitet, risikoarmen Konsum zu bewerben. Es stellt keinen Widerspruch dar, dass sie auf derselben Seite angeben, dass es keinen risikofreien Alkoholkonsum gibt.

Aber: In der Realität gibt es ebenso risikoarmen Cannabiskonsum, risikoarmen LSD-​Konsum und risikoarmen Kokainkonsum. Auch risikoarmer Heroinkonsum ist möglich.

Eigenverantwortung zutrauen statt dämonisieren!

Der Redebeitrag von Elli Schwarz zur Hanfparade 2021

Fast die Hälfte, 47,2%, aller jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren in Deutschland, hat schon mal eine illegale Droge ausprobiert. Drogengebrauch passiert alltäglich. Das wissen wir alle. Nur unsere Regierung verdrängt diesen Fakt sehr gerne. Menschen werden so oder so nicht aufhören Drogen zu konsumieren, nur weil die Politik seit Jahrzehnten erfolglos versucht es zu verbieten! Prohibition ist nicht gesund; im Gegenteil: sie macht uns alle krank.

Denn Drogenkonsum umgibt uns alle und kann medizinisch essentiell z.B. zur Schmerztherapie sein. Ebenso kann er kulturell wertvoll sein und Menschen eine neue Perspektive einnehmen lassen. Und ob man den gewünschten Zustand durch ein Paar Gläser Wein oder einen Joint erreicht, sollte doch eigentlich niemanden außer die Gebraucher:innen etwas angehen, oder?