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Schlagwort: Harm Reduction

Warum Deutschland Drug Checking braucht

Ein Beitrag zum International Drug Checking Day von Philine Edbauer

Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag vereinbart, dass „Modelle zum Drugchecking und Maßnahmen der Schadensminderung [ermöglicht und ausgebaut werden]“ (Seite 87). Drug Checking ist zwar nicht illegal, aber befindet sich in einer Grauzone. Mit gutem Willen können die Bundesländer Lösungen finden. Thüringen macht es in kleinem Umfang vor. Berlin befindet sich in der Vorbereitung eines Stadt-​umfassenden Projekts (das mitunter deswegen seit ein paar Jahren sensibel für einige Verzögerungen ist). 

Drug Checking ist meist mit dem Party- und Festivalkontext assoziiert, aber grundsätzlich bezeichnet es einen Service für die Gebraucher:innen aller illegalisierter Drogen und funktioniert im Kern so: Konsumierende bringen die illegal erworbenen Substanzen zu mobilen oder stationären Laboren und erfahren im Gespräch mit Fachleuten aus dem Bereich der Drogenhilfe, was in den Substanzen enthalten ist und in welcher Dosis. Die Ergebnisse werden außerdem an Gesundheitsämter und Kliniken übermittelt, die so besser auf Notfälle reagieren können sowie an Initiativen weitergegeben, die Pillenwarnungen verbreiten.

Heute ist der International Drug Checking Day, der auf die dringende Notwendigkeit dieser Maßnahme aufmerksam machen soll. Warum es erstrebenswert ist, Drug Checking in allen Bundesländern einzuführen und die Hindernisse auf Bundesebene aufzuheben, zeigen die folgende 7 Gründe. Im Anschluss wird auf häufige Bedenken eingegangen.

Definition: Harm Reduction

Harm Reduction“ umfasst alle Maßnahmen, die Lebensqualität verbessern. Und zwar aus der Sicht derjenigen, die das Leben leben. Vertrauen, Respekt und das Wissen und Erleben von Gebraucher:innen legaler und illegaler Drogen, mit und ohne Sucht, sind maßgeblich. Damit Harm Reduction nicht nur hinter den Schäden kriminalisierender und stigmatisierender Drogen- und Suchtpolitik aufräumt, umfasst das Konzept ebenso die politische Forderung nach einer evidenzbasierten, entmoralisierten drogenpolitischen Reform. Harm Reduction ist das Gegenmodell zur prohibitiven Drogenpolitik sowie zum Abstinenzziel als ausschließlicher Bedingung für das Gewähren von Suchthilfe.

Deutschsprachige Synonyme: Schadensminimierung, Schadensminderung, Akzeptierende Suchthilfe und Drogenarbeit


Lies unseren Hintergrund-​Artikel und weitere Beiträge über das Thema und die Bewegung im Blog.

Mithilfe von Online-​Kursen kannst du selbst ein Teil der Bewegung werden!

Einmal im Jahr erscheint der Alternative Drogen- und Suchtbericht mit Beiträgen und Empfehlungen der deutschen Expert:innen für Schadensminimierung und Drogenpolitik.

Die Deutsche Aidshilfe und akzept e.V. haben 2021 ihre überarbeitete Leitlinie für Akzeptierende Drogenarbeit herausgegeben.


Beitrag von Philine Edbauer

An der Seite unserer Peers: Was zu tun ist!

Menschen, die Drogen nehmen, und auf medizinische Versorgung angewiesen sind, gehören zu den besonders vulnerablen Gruppen auf der Flucht und in der Ukraine. Auf dieser Seite sind Informationen versammelt und Ressourcen verlinkt, was du mit und ohne Geld tun kannst. Einige Informationen sind auf Englisch, die aber mit dem Programm deepl​.com gut übersetzt werden können. Stand: 6.5.22


Informiere dich und bleibt interessiert!

Die folgenden Organisationen liefern laufend Informationen:

We appreciate the neighboring countries who have accepted refugees and call on them to ensure open access to harm reduction, HIV and TB services, and call on all UN agencies and Member States to ensure our community in Ukraine is not left behind amidst the crisis response.

According to UNAIDS, people who inject drugs make up close to 10% of new HIV infections globally and are 35 times more likely to be living with HIV. The criminalisation of drugs, along with associated stigma and discrimination, is the primary driver of this problem. […]

Using drugs does not forfeit human rights, yet many States continue to enforce drug laws which impede the right to health for people who use drugs. Approaches committed towards the health and human rights of people who use drugs are urgently needed. Member States such as the Netherlands, and UN agencies such as UNAIDS, UNODC HAS, OHCHR and UNDP have done good work towards aligning human rights and drug policies, often in partnership with the community of people who use drugs.“ 

INPUD (International Network of People who Use Drugs) Statement beim 65th der Commission on Narcotic Drugs (Suchtstoffkommission) 17.3.2022

Spende an:

Eurasian Harm Reduction Association (EHRA) & Convictus Ukraine
Fokus auf Drogengebraucher*nnen und Aktivist*innen für Harm Reduction

100% LIFE
Fokus auf medizinischer Versorgung und Notversorgung

Alliance for Public Health
Fokus auf der Unterstützung von Teilnehmern an bestehenden Harm Reduction Programmen, Flüchtenden und der Beschaffung von medizinischem Material

Spendenaktion „Queere Nothilfe Ukraine“
Fokus auf die Versorgung oder Evakuierung queerer Menschen

Diese ersten drei Spendenempfehlungen sind verifizert und empfohlen vom internationalen drogenpolitischen Dachverband idpc, letztere von der Deutschen Aidshilfe.

Verteidige die Wahrheit!

Democracy has become a woman-​to-​woman, man-​to-​man defense of our values. We’re at a sliding door moment, where we can continue down the path we’re on and descend further into fascism, or we can each choose to fight for a better world. To do that, you have to ask yourself: what are you willing to sacrifice for the truth?”

– Maria Ressa: Nobel Price Speech 2021

Harm Reduction für Kolumbien: Drug Checking, Drogenkonsum Coming-​Out, Kokainregulierung

Ein Gespräch mit Julián Quintero

Eine Welt ohne Drogen ist unmöglich zu erreichen. Wir brauchen eine Welt, in der wir in Frieden mit ihnen leben können.“*

Échele cabeza cuando se dé en la cabeza – ein spanisches Wortspiel für: „Benutze deinen Kopf, wenn du Drogen nimmst“, kurz: Échele Cabeza – ist der Name eines kolumbianisches Projekts für risikoarmen Drogengebrauch in Partykontexten. Échele Cabeza gehört zur Dachorganisation Acción Técnica Social (ATS), die seit 2007 verschiedene Projekte zur Weiterentwicklung von Harm Reduction und Drogenpolitik organisiert und dabei nicht nur in Kolumbien, sondern ganz Lateinamerika Debatten anregt.

So hat die ATS beispielsweise mit dem CAMBIE-Projekt den Austausch von Spritzen für injizierende Drogengebraucher:innen in Kolumbien erstmals ermöglicht. Andere einflussreiche Projekte sind das Festival für psychoaktive Kurzfilme und #CocaReguladaPazGarantizada. Letzteres ist der Projektname für die weltweit erste Gesetzesvorlage, die die Produktion und den Verkauf von Coca-​Blättern und ihren Derivaten, einschließlich Kokain, auf nationaler Ebene regulieren soll. Diese soll den blutigen Drogenkrieg in Kolumbien, der nun schon 50 Jahre andauert, beenden.

Support Don’t Punish – Global Day of Action – 26. Juni – Weltdrogentag 2021

Auch 2021 wieder haben wir zum Global Day of Action der internationalen Support Don’t Punish-​Kampagne mit einer Streetart-​Aktion auf dem Tempelhofer Feld beigetragen. Dabei wurden wir von den Students for Sensible Drug Policy (SSDP) Berlin unterstützt.

International Overdose Awareness Day 2020

Der 31. August ist international als Overdose Awareness Day anerkannt, um den Menschen zu gedenken, die durch eine Überdosierung illegaler Drogen gestorben sind. Auch in Deutschland sterben jedes Jahr viele Menschen im Zusammenhang mit illegalem Drogengebrauch: 2019 waren es 1.398 Todesfälle – ein Anstieg von fast 10% zum Vorjahr – wobei Opioid-​Überdosierungen der häufigste Grund sind. [2020 stieg die Zahl um weitere 13 Prozent auf 1.581 Personen.] Mit einer Weiterentwicklung der Drogen- und Suchtpolitik, die lebensrettende Maßnahmen niedrigschwellig und überall zulässt und die gesetzlichen Bedingungen abschafft, die bestimmte Risiken erst erzeugen, könnten die Todesfälle maßgeblich reduziert werden.

Drogentod ist kein konsumbedingtes Problem – sondern ein politisches.

Ein Hintergrund-​Artikel von Julia Meisner

Am 24. März wurde die Zahl der 2019 durch den Gebrauch illegalisierter Drogen verstorbenen Menschen in einer Pressemitteilung der Bundesdrogenbeauftragten, Daniela Ludwig, veröffentlicht. Diese Zahl ist grundsätzlich grausam, in diesem Jahr nahm sie jedoch eine besonders erschreckende Dimension an: Rund 10 Prozent mehr Drogentote verzeichnete Deutschland 2019 im Vergleich zum Vorjahr. Konkret sind das 1.398 statt 1.276 Personen und damit 122 mehr Todesfälle.1a [2020 stieg die Zahl um weitere 13 Prozent auf 1.581 Personen.1b]

Diese Entwicklung sei „auf keinen Fall hinzunehmen“ sagt Frau Ludwig auf der einen Seite – auf der anderen wird in verschiedenen Debatten nicht selten betont, dass die Zahl „illegaler Drogentoter“ im Verhältnis zu all den Menschen, die durch den Gebrauch legaler Substanzen sterben, doch eigentlich sehr niedrig sei und damit nahezu vertretbar erscheint.2

Was Harm Reduction ist und warum wir mehr davon brauchen

Ein Hintergrundartikel von Melissa Scharwey

Was ist Harm Reduction?

Wortwörtlich übersetzt bedeutet harm reduction „Schadensreduzierung.“ Obwohl die Entwicklung erster harm reduction-Maßnahmen schon in den 1920er-​Jahren begann, ist das Prinzip erst in den 1980er-​Jahren bekannt geworden. In dieser Zeit wurden erstmals Spritzenprogramme als Antwort auf die HIV-​Ausbreitung unter Menschen, die Drogen injizieren, eingesetzt. Das oberste Ziel von harm reduction ist es, mögliche Schäden von Drogengebrauch mit sogenannten safer use-Praktiken zu reduzieren oder zu verhindern.1

Typische Beispiele für harm reduction-Angebote sind: