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Schlagwort: Legalisierung

Harm Reduction für Kolumbien: Drug Checking, Drogenkonsum Coming-​Out, Kokainregulierung

Ein Gespräch mit Julián Quintero „Eine Welt ohne Drogen ist unmöglich zu erreichen. Wir brauchen eine Welt, in der wir in Frieden mit ihnen leben können.“* Échele cabeza cuando se dé en la cabeza – ein spanisches Wortspiel für: „Benutze deinen Kopf, wenn du Drogen nimmst“, kurz: Échele Cabeza – ist der Name eines kolumbianisches Projekts für risikoarmen Drogengebrauch in Partykontexten. Échele Cabeza gehört zur Dachorganisation Acción Técnica Social (ATS), die seit 2007 verschiedene Projekte zur Weiterentwicklung von Harm Reduction und Drogenpolitik organisiert und dabei nicht nur in Kolumbien, sondern ganz Lateinamerika Debatten anregt. So hat die ATS beispielsweise mit dem CAMBIE-​Projekt den Austausch von Spritzen für injizierende Drogengebraucher:innen in Kolumbien erstmals ermöglicht. Andere einflussreiche Projekte sind das Festival für psychoaktive Kurzfilme und #CocaReguladaPazGarantizada. Letzteres ist der Projektname für die weltweit erste Gesetzesvorlage, die die Produktion und den Verkauf von Coca-​​Blättern und ihren Derivaten, einschließlich Kokain, auf nationaler Ebene regulieren soll. Diese soll den blutigen Drogenkrieg in Kolumbien, der nun schon 50 Jahre andauert, beenden. Julián Quintero ist der Gründer der ATS. Wir freuen uns sehr, dass wir ihn für ein Interview gewinnen konnten. Der Soziologe und Aktivist berichtet vom Drug Checking, von der Ermutigung zum Drogenkonsum Coming-​​Out und der Gesetzesinitiative zur Kokainregulierung. Das Interview wurde bereits im Frühjahr 2021 geführt. Entsprechend beziehen sich die Beobachtungen zur Pandemie auf die ersten Monate und den landesweiten Lockdown. Aktuelle Entwicklungen haben wir am Ende des Beitrags vermerkt und weiterführende Informationen zur kolumbianischen Drogenpolitik und zu Harm Reduction in Deutschland verlinkt. Julián, Drug Checking macht einen großen Teil eurer Arbeit bei Échele Cabeza aus. Kannst du uns einen kurzen Einblick geben, wie das abläuft? Mit kleinen Mengen der Substanzen, die uns die Konsument:innen geben, führen wir physikalisch-​​chemische und kolorimetrische Analysen durch, um herauszufinden, ob es sich um die Substanzen handelt, die sie glauben erworben zu haben. Wir informieren sie außerdem über das Risiko, das mit dem Konsum der jeweiligen Substanz einhergeht. Dank einer Sondergenehmigung des Nationalen Betäubungsmittelfonds findet das Angebot in einem legalen Rahmen statt, der das Mitführen von Eigenbedarfsmengen für volljährige Personen erlaubt. Échele Cabeza ist die einzige Organisation in Kolumbien, die solch eine Genehmigung erhalten hat. Das Drug Checking findet in unseren Räumlichkeiten in Bogotá und auf großen Festivals statt. Wir waren auf den wichtigsten Festivals, wie dem Estéreo Picnic und dem Rock al Parque [seit vielen Jahren das größte Rockfestival in Lateinamerika, Anm. v. MBMC]. Wir haben bereits mehr als 8.000 Proben analysiert und konnten so Frühwarnungen für Konsument:innen und das Gesundheitssystem generieren. Wie viele Menschen nutzen dieses Angebot? Im Jahr 2019 hatten wir direkten Kontakt mit 8.000 bis 12.000 Menschen und indirekt Einfluss auf zwischen 45.000 und 50.000 und mehr, die wir durch die Plakate auf Festivals, Berichte in den Medien und in sozialen Netzwerken veröffentlichte Warnungen erreicht haben. 2020 lief jedoch aufgrund der Pandemie ganz anders. Wir waren nur bei drei großen Festivals im Januar und Februar und mussten uns dann ganz auf die Arbeit bei uns in Bogotá beschränken. 2020 haben wir wahrscheinlich weniger als 1.500 Menschen…

Eigenverantwortung zutrauen statt dämonisieren!

Der Redebeitrag von Elli Schwarz zur Hanfparade 2021

Fast die Hälfte, 47,2%, aller jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren in Deutschland, hat schon mal eine illegale Droge ausprobiert. Drogengebrauch passiert alltäglich. Das wissen wir alle. Nur unsere Regierung verdrängt diesen Fakt sehr gerne. Menschen werden so oder so nicht aufhören Drogen zu konsumieren, nur weil die Politik seit Jahrzehnten erfolglos versucht es zu verbieten! Prohibition ist nicht gesund; im Gegenteil: sie macht uns alle krank.

Denn Drogenkonsum umgibt uns alle und kann medizinisch essentiell z.B. zur Schmerztherapie sein. Ebenso kann er kulturell wertvoll sein und Menschen eine neue Perspektive einnehmen lassen. Und ob man den gewünschten Zustand durch ein Paar Gläser Wein oder einen Joint erreicht, sollte doch eigentlich niemanden außer die Gebraucher:innen etwas angehen, oder? 

Niemand ist uncool.

Der Redebeitrag von Philine Edbauer zur Hanfparade 2021

Cannabis wird seit 12.000 Jahren von Menschen kultiviert. Das globale Cannabis-​Verbot ist vor diesem Hintergrund undenkbar absurd. Es richtet seit 50 Jahren Schaden an, in Deutschland in Form des Betäubungsmittelgesetzes. Sowohl durch Geldstrafen, Führerscheinentzug, Haft, Arbeitsplatzverlust, Ausgrenzung, Polizeigewalt und lächerliche Präventionsarbeit, die Kindern eine Welt vorlügt, die es nicht gibt. Als auch Schäden unmittelbar für die Gesundheit, weil Menschen Schadstoffe mitkonsumieren und Menschen Medizin verwehrt wird. Das sind Menschenrechtsverletzungen. Die Polizei sollte nichts mit Cannabis zu tun haben, außer es vielleicht selbst genießen, um ein bisschen zu entspannen. Das Cannabis-​Verbot steht im Widerspruch zu den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, die Agenda 2030, zu der sich Deutschland explizit verpflichtet hat.

Cannabis muss legalisiert werden.

Was ist also konkret zu tun, um sinnvolle und faire gesetzliche Rahmenbedingungen zu etablieren?

Der meiste Drogenkonsum ist nicht nur gesundheitlich unproblematisch, sondern auch sozial und kulturell wertvoll.“

Ein Appell von Dr. Bernd Werse, Luise Klaus und Dr. Gerrit Kamphausen

Die drogenpolitische Initiative #mybrainmychoice fordert mittels einer Onlinepetition die Einrichtung einer Expert*innenkommission für eine neue Drogenpolitik. Diese Forderung ist ungemein wichtig und wurde zuvor bereits von den Herausgeber*innen und Redakteur*innen des Alternativen Drogen- und Suchtberichts gestellt. Drogenpolitik sollte evidenzbasiert und menschenfreundlich sein, zwei Merkmale, die aktuell nur beachtet werden, wenn sie der drogenpolitischen Opportunität der Politiker*innen dienlich sind, letztlich aber nur durch eine Expert*innenkommission wirklich sichergestellt werden können.