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Schlagwort: Stigma

International Overdose Awareness Day 2020

Der 31. August ist international als Overdose Awareness Day anerkannt, um den Menschen zu gedenken, die durch eine Überdosierung illegaler Drogen gestorben sind. Auch in Deutschland sterben jedes Jahr viele Menschen im Zusammenhang mit illegalem Drogengebrauch: 2019 waren es 1.398 Todesfälle – ein Anstieg von fast 10% zum Vorjahr – wobei Opioid-​Überdosierungen der häufigste Grund sind. [2020 stieg die Zahl um weitere 13 Prozent auf 1.581 Personen.] Mit einer Weiterentwicklung der Drogen- und Suchtpolitik, die lebensrettende Maßnahmen niedrigschwellig und überall zulässt und die gesetzlichen Bedingungen abschafft, die bestimmte Risiken erst erzeugen, könnten die Todesfälle maßgeblich reduziert werden.

Worauf wir achten sollten, wenn wir über Drogen reden

Ein Interview mit dem Kriminologen Liviu Alexandrescu, übersetzt von #mybrainmychoice (Read English original)

Der Kriminologe Liviu Alexandrescu hat kürzlich eine Studie über die Medienberichterstattung zu sogenannten „Spice Zombies“ in UK durchgeführt. Insbesondere Menschen, die durch belastende Lebensumstände benachteiligt sind und als Obdachlose im öffentlichen Raum auffallen, sind Objekte abwertender journalistischer Beiträge. Liviu Alexandrescu beleuchtet den Zusammenhang zwischen dieser Form des Journalismus und der Sozial- und Sparpolitik des letzten Jahrzehnts.

Um seine Erkenntnisse auf die Situation in Deutschland zuverlässig anzuwenden, bräuchte es eine eigene Untersuchung; in Anbetracht der jedoch noch geringen kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Medienberichterstattung bezüglich Drogengebrauchs haben wir Liviu Alexandrescu um dieses Interview gebeten.

Während in UK die synthetischen Cannabinoide, genannt „Spice“, zur „Horrordroge“ wurden, drehen sich die Schreckensgeschichten hierzulande meist um Crystal Meth und Heroin. Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist dabei ein populärer Schauplatz für abwertende Meinungen über den Drogengebrauch von Armen und Obdachlosen – ohne dass größere (beispielsweise sozialpolitische) Zusammenhänge der Notlagen untersuchen werden (z.B. hier, hier, hier).

Die Erfindung der „Sucht“ und ihre schwerwiegenden Konsequenzen

Wenn von „Sucht“ gesprochen wird, hat man schnell Bilder vor Augen, was damit gemeint ist. Korbinian Baumer argumentiert dafür, genauer hinzusehen, weil sich die Vorstellungen, die wir von „Sucht“ haben – ob als persönliches Versagen oder als Krankheit – schädlich auswirken. Für seine Masterarbeit hat er zu „Sucht“ und Stigmatisierung in Dar es Salaam (Tansania) geforscht und für #mybrainmychoice den theoretischen Teil seiner Arbeit zusammengefasst.

Sucht“ – dieser Begriff ist in der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken, kaum eine Diagnose ist in der Gegenwartsgesellschaft so verbreitet. Jede erdenkliche menschliche Handlungsweise kann durch das Suffix „Sucht“ in ein problematisches Verhalten verwandelt werden (Dollinger & Schmidt-​Semisch 2007: 7). Das Spektrum reicht hierbei von den „klassischen“ Drogensüchten bis hin zu Substanz-​ungebundenen „Süchten“ wie zum Beispiel „Sexsucht“, „Spielsucht“, „Internetsucht“ oder „Fettsucht“. Bücher, die es der*dem Leser*in erleichtern sollen, sich aus den Fängen ihrer*seiner „Sucht“ zu befreien, sind zu einem Kassenschlager avanciert. Der Begriff „Sucht“ ist fest in unserer Alltagssprache verankert, wenngleich er nur selten wirklich hinterfragt wird. Auch in der Wissenschaft hat sich das Suchtkonzept derart verfestigt, dass es von der Mehrheit der wissenschaftlichen Gemeinde kaum noch als hinterfragbare Theorie angesehen wird (Frenk & Dar 2000: 1), obwohl es keine eindeutige, auf hinreichenden wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Definition für dieses Konzept gibt: „addiction is a muddy term [which] […] has passed into that group of terms that elude precise definition“ (Ray & Ksir 1987: 24,26).

29. Mai: Wahrnehmung von „Süchtigen“

Liebe Freund_​​innen des drogenpolitischen Wandels, liebe Neugierige,  wir laden euch herzlich zu unserer zweiten #mybrainmychoice-​​Veranstaltung ein! Wir schauen uns Filmausschnitte an, um sie dann zusammen zu diskutieren. Wir möchten mit euch darüber reden, wie „Süchtige“ öffentlich wahrgenommen werden. Das Bild von „den Junkies“ im Frankfurter Bahnhofsviertel wird in der Berichterstattung ganz anders dargestellt und verwendet als „Neuro Enhancement“ unter Studis oder wiederum „Koksern“ in Unternehmensberatungen. Warum macht man da Unterschiede? Was steckt historisch dahinter und warum sind illegale Substanzen gesellschaftlich mit Angst verbunden? Es ist uns eine Ehre, den Abend wieder im Vétomat in Friedrichshain zu verbringen! Filmstart ist um 20 Uhr. Wir freuen uns auf bekannte und neue Gesichter! Julia & Philine Ankommen ab 19:30 Uhr Filmstart um 20:00 Uhr Eintritt frei Ort: Vétomat, Wühlischstraße 42, Berlin-​Friedrichshain Getränke gibt es dort an der Bar. Zur Facebook-​​Veranstaltung: facebook​.com/​e​v​e​n​t​s​/​1​6​4​1​9​8​7​6​0​9​1​6​4​58/