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Schlagwort: Sucht

Risikoarmer Drogenkonsum ist möglich: Ohne Stigma, Angst und Polizei

Der Redebeitrag von Philine Edbauer zur Berliner Tanzdemo „Wem gehört die Stadt?“ 2021 (für den Erhalt von vielfältiger Clubkultur, gegen Immobilienspekulation)

Was haben etwa 80 Prozent der Deutschen mit Fruchtfliegen gemeinsam? Sie haben im letzten Monat mindestens einmal Alkohol getrunken.

Der Mechanismus, dass Alkohol auf das Belohnungssystem wirkt, wird bei den Fruchtfliegen-​Männchen vermindert, wenn sie Sex mit einem Weibchen haben und dabei kommen. Je länger die Männchen keinen Sex haben, desto mehr berauschen sie sich, und: desto geringer wird ihr Interesse an Weibchen. Ein Nein wird akzeptiert und Bedürfnisse anders befriedigt. Möge es dem Patriarchat eine Inspiration sein.

Welche Informationen gibt uns die Bundesregierung zum Alkoholkonsum? Auf der Kampagnen-​Seite von Kenn dein Limit wird risikoarmer Alkoholkonsum für gesunde Erwachsene definiert als: Nicht mehr als 1–2 Standardgläser am Tag. Ein Standardglas ist ein kleines Bier, ein Glas Wein oder Sekt oder ein Schnaps. Und, ich zitiere: „Verzichten Sie an mindestens zwei Tagen pro Woche ganz auf Alkohol, damit das Trinken nicht zur Gewohnheit wird.“

Eigenverantwortung zutrauen statt dämonisieren!

Der Redebeitrag von Elli Schwarz zur Hanfparade 2021

Fast die Hälfte, 47,2%, aller jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren in Deutschland, hat schon mal eine illegale Droge ausprobiert. Drogengebrauch passiert alltäglich. Das wissen wir alle. Nur unsere Regierung verdrängt diesen Fakt sehr gerne. Menschen werden so oder so nicht aufhören Drogen zu konsumieren, nur weil die Politik seit Jahrzehnten erfolglos versucht es zu verbieten! Prohibition ist nicht gesund; im Gegenteil: sie macht uns alle krank.

Denn Drogenkonsum umgibt uns alle und kann medizinisch essentiell z.B. zur Schmerztherapie sein. Ebenso kann er kulturell wertvoll sein und Menschen eine neue Perspektive einnehmen lassen. Und ob man den gewünschten Zustand durch ein Paar Gläser Wein oder einen Joint erreicht, sollte doch eigentlich niemanden außer die Gebraucher:innen etwas angehen, oder? 

Mit würdevoller Substitution und Safe Supply gegen den Drogentod

Der Redebeitrag zum Gedenktag an die verstorbenen Drogengebraucher:innen 2021 von Elli Schwarz und Philine Edbauer

Organisation des Gedenkens und Protests am Kottbusser Tor: JES Berlin
Infos zum Internationalen Gedenktag (21.7.): gedenktag21juli​.de

Es ist wichtig, dass es Therapiemöglichkeiten für abhängige Drogenkonsumenten:innen gibt, die nicht Abstinenz als Bedingung (oder direktes Ziel) setzen und den Gebrauchern:innen Möglichkeiten bieten, den Weg in einen normalisierten Alltag mitzubestimmen. Substitutionstherapie kann Leben retten und einen regulierten Zugang zu Substanzen ermöglichen und das ganz ohne den gezwungenen Zugriff auf den Schwarzmarkt und die damit verbundenen Risiken. 

Allerdings kommt es durch die weitgehend fehlenden Möglichkeiten, eine Drogenersatztherapie ohne den regelmäßigen Gang in die Arztpraxis und die damit verbundenen Einschränkungen zu meistern, zu einem neuen Abhängigkeitsverhältnis für Gebraucher:innen: das zum Arzt/​zur Ärztin. Die Patientinnen werden oft nicht gleichwertig in die Entscheidungen einbezogen. Das Stigma der unverantwortlichen “Junkies” wird reproduziert. Die Patienten:innen sind auf die Gunst des Behandelnden angewiesen. Persönliche Freiheit wird eingeschränkt. Vergabefenster sind eng und kaum mit Berufstätigkeit vereinbar. Persönlichkeitsrechte werden oft durch Eingriffe in die Intimsphäre, z.B. den Einsatz von Kameras zur Überwachung von Urintests, missachtet. Nachvollziehbare Kommunikation fehlt (in vielen Fällen). Die strikten Regelungen erlauben keine „Fehler“, wie z.B. jeglichen Beikonsum: sonst drohen maßgebliche Einschränkungen. Von Autonomie und Kontrolle bleibt dabei also nur wenig übrig. Somit ist es nicht verwunderlich, dass viele Opioidabhängige Angst haben zu versagen, bevor sie überhaupt die Chance bekommen haben ein Substitut zu gebrauchen.

Über Prävention und Sucht – Ein Gespräch mit Jörg Böckem

Jörg Böckem, geb. 1966, arbeitet als freier Journalist für renommierte Zeitungen wie den Spiegel, Die Zeit und das ZEIT-​Magazin. Er hat drei Bücher über Drogen, Rausch und Sucht geschrieben und ist Co-​Autor zweier weiterer Bücher, unter anderem des Aufklärungsbuchs „High sein“ (2015), das er zusammen mit dem Substanzforscher und Präventions-​Praktiker Dr. Henrik Jungaberle geschrieben hat. In seiner Autobiographie „Lass mich die Nacht überleben“ von 2004 berichtet Böckem von seinem Doppelleben als Journalist und Heroinabhängiger sowie von seinem schwierigen Weg aus der Sucht. Jörg Böckem hält Vorträge und Lesungen an Schulen, Universitäten, Gefängnissen und Einrichtungen der Suchhilfe und ist Mitglied bei akzept e.V. – dem Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik. Wir haben mit ihm über Prävention, den Umgang mit Süchtigen und Politik gesprochen. Er erklärt, warum er – zum Schutz von Jugendlichen und Süchtigen – für eine legale Regulierung von psychoaktiven Substanzen plädiert. Das Interview ist im Rahmen unserer Kampagne für eine Generalüberholung der deutschen Drogenpolitik entstanden.


#mybrainmychoice: Gibt es gute und böse Drogen? 

Jörg Böckem: Nein, natürlich nicht. Jede Droge ist wie ein Medikament mit Wirkungen, Nebenwirkungen und Risiken zu betrachten. Die Wirkung ist außerdem von weiteren Faktoren abhängig und hat nie nur mit der Substanz zu tun. Man spricht vom Dreiklang „Drug, Set und Setting“: Die Droge bringt Eigenschaften mit, ich als Konsument bringe etwas mit – Persönlichkeitsstruktur, Hirnchemie, Bewältigungsmechanismen, Lösungskonzepte – und der dritte mitentscheidende Faktor ist das Setting – die Umgebung, die äußeren Umstände. Dazu gehört auch der gesellschaftliche Umgang mit Substanzkonsum und Sucht. All das spielt eine Rolle dabei, ob ein Substanzkonsum gut oder schlecht für mich ausgeht. Wenn ich mich also für den Konsum einer psychoaktiven Substanz entscheide, dann sollte ich das am besten gut informiert tun.

Die Erfindung der „Sucht“ und ihre schwerwiegenden Konsequenzen

Wenn von „Sucht“ gesprochen wird, hat man schnell Bilder vor Augen, was damit gemeint ist. Korbinian Baumer argumentiert dafür, genauer hinzusehen, weil sich die Vorstellungen, die wir von „Sucht“ haben – ob als persönliches Versagen oder als Krankheit – schädlich auswirken. Für seine Masterarbeit hat er zu „Sucht“ und Stigmatisierung in Dar es Salaam (Tansania) geforscht und für #mybrainmychoice den theoretischen Teil seiner Arbeit zusammengefasst.

Sucht“ – dieser Begriff ist in der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken, kaum eine Diagnose ist in der Gegenwartsgesellschaft so verbreitet. Jede erdenkliche menschliche Handlungsweise kann durch das Suffix „Sucht“ in ein problematisches Verhalten verwandelt werden (Dollinger & Schmidt-​Semisch 2007: 7). Das Spektrum reicht hierbei von den „klassischen“ Drogensüchten bis hin zu Substanz-​ungebundenen „Süchten“ wie zum Beispiel „Sexsucht“, „Spielsucht“, „Internetsucht“ oder „Fettsucht“. Bücher, die es der*dem Leser*in erleichtern sollen, sich aus den Fängen ihrer*seiner „Sucht“ zu befreien, sind zu einem Kassenschlager avanciert. Der Begriff „Sucht“ ist fest in unserer Alltagssprache verankert, wenngleich er nur selten wirklich hinterfragt wird. Auch in der Wissenschaft hat sich das Suchtkonzept derart verfestigt, dass es von der Mehrheit der wissenschaftlichen Gemeinde kaum noch als hinterfragbare Theorie angesehen wird (Frenk & Dar 2000: 1), obwohl es keine eindeutige, auf hinreichenden wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Definition für dieses Konzept gibt: „addiction is a muddy term [which] […] has passed into that group of terms that elude precise definition“ (Ray & Ksir 1987: 24,26).