Anlässlich des heutigen Weltdrogentags unterstreicht das Netzwerk My Brain My Choice seine Forderung nach der Entkriminalisierung aller Menschen, die Drogen konsumieren, und der Legalisierung der Drogenmärkte.
Die weltweite Prohibition mindert keine Risiken, sondern richtet massive Schäden an. Sie sorgt nicht für mehr Gesundheit, sondern für weniger, und interniert Millionen Menschen. Sie spült jährlich mehrere hundert Milliarden Euro in die Kassen gewalttätiger Akteure der illegalen und informellen Ökonomie, die durch Korruption Demokratien destabilisieren und Menschen brutal ausbeuten. Die Schäden des Drogenverbots wurden bewusst in Kauf genommen, in dem Glauben, man könne mit Gewalt eine drogenfreie Welt schaffen.1 Doch staatliche Gewalt schafft, wie wir heute wissen, keine drogenfreie Welt – sie führt nur zu mehr Gewalt.
Drogenverbote sind keine Lösung, sondern Teil des Problems. Anstatt Kontrolle und Überwachung auszubauen, braucht es einen klaren Kurswechsel: weg von den unverhältnismäßigen, kontraproduktiven Eingriffen des Staates, hin zur Achtung von Selbstbestimmung, Gesundheit und Privatsphäre.
Drogenpolitik im Einklang mit Menschenrechten und Demokratie
Menschenrechtsorgane und Fachkommissionen haben längst Alternativen formuliert, die international bereits weit intensiver diskutiert werden als in Deutschland.2 Der „Drogenkrieg“ der letzten Jahrzehnte hat bewiesen, dass die Illegalisierung von psychoaktiven Substanzen und die Kriminalisierung der drogengebrauchenden Personen gemessen an Gesundheitszielen gescheitert sind.3
Die Drogenpolitik muss sich an demokratischen Werten und Menschenrechten orientieren. Es braucht eine offene gesellschaftliche Diskussion: Wie kommen wir von Stigma zu Respekt; von Panikmache, Kontrolle und Gewalt zu echter Sicherheit für alle; von Repression zu Deeskalation und zur Achtung von Menschenrechten? Stigmatisierung und Strafverfolgung verkleinern den Raum für Lernen, Wissen und Aufklärung: Fachlich kompetente Personen schweigen oder ihr Wissen wird nicht gehört, ernst genommen und abgewertet. Die Perspektiven von Personen und Communities, die im Kontext von Drogenverboten Kriminalisierung und Stigma erfahren, müssen Beachtung finden.
Achtung von geistiger Autonomie und Privatsphäre
Der Staat greift mit Überwachung, Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen und Geld- sowie Haftstrafen in Bereiche ein, die ihn nichts angehen. Stattdessen braucht es eine vernünftige Regulierung der Drogenmärkte. Die derzeitige Politik verletzt das Recht auf geistige und körperliche Autonomie. Wir sagen nicht, dass Menschen Drogen konsumieren sollen, sondern dass sie die Freiheit haben müssen, dies ohne die durch Verbote verursachten Risiken tun zu können. Die Prohibition verstärkt Risiken: unbekannte Wirkstoffgehalte, Streckmittel, unhygienische Konsumbedingungen. Das ist inakzeptabel. Es kostet Menschenleben.
Psychoaktive Substanzen werden im Allgemeinen in drei Sphären unterteilt: die wenigen nicht illegalisierten Genussmittel, die zugelassenen Medikamente und die große, vielfältige Gruppe der illegalisierten Stoffe nach dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) und dem Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG). Diese Dreiteilung ist historisch und durch politische Entscheidungen gewachsen, die weder wissenschaftlichen Prüfungen4 standhalten noch Konsumrealitäten gerecht werden. Wer sich nicht an diese ungerechtfertigte Unterscheidung hält, wird verfolgt und bestraft.
Gesundheit vor Ideologie
Gesundheit bedeutet für uns nicht, nach Maßstäben des Staates auf bestimmte Substanzen zu verzichten und damit einer historisch gewachsenen Einteilung in legal und illegal zu folgen. Das Verbot bestimmter Substanzen ist ein beispielloser Angriff auf die grundgesetzlich garantierte „Allgemeine Handlungsfreiheit“. Der Gebrauch von Drogen ist mit Risiken verbunden, die sich jedoch reduzieren oder vermeiden lassen. Ob eine Drogenerfahrung einem gesunden Leben zuträglich ist oder nicht, lässt sich nicht am rechtlichen Status erkennen. Das Risiko für eine schlechte Erfahrung steigt jedoch durch einen unregulierten Markt und Stress durch drohende Strafverfolgung.
Illegalisierte Drogen werden trotz Verbot gehandelt und konsumiert. Sie bieten Erfahrungen, die legalisierte Stoffe nicht ersetzen können. Neugier und Faszination sind menschliche Werte, die gerade in schwierigen Zeiten wichtig bleiben. Der Wunsch nach sicherem, genussvollem Konsum ist legitim. Es ist dringend nötig, Programme zur Schadensminderung (Harm Reduction) wie Drug Checking, Drogenkonsumräume, den Zugang zu sauberen Spritzen und zu lebensrettenden Medikamenten wie Naloxon flächendeckend auszubauen. Für eine effektive Schadensminderung braucht es allerdings auch eine Reduzierung der Schadensproduktion durch die gescheiterte Verbotspolitik.5
Die Bewertung des Konsums von anderen in „Gebrauch“, „Missbrauch“ und „süchtig“ spricht Menschen ihre Autonomie ab: eigene Beurteilungen von Situationen werden als Lüge vorverurteilt, unzutreffende Problemvorstellungen werden übergestülpt und dabei die Komplexität von Konsummustern ebenso wie der wechselnde Stellenwert von Drogengebrauch in unterschiedlichen Lebenssituationen verkannt.6
Die repressive Drogenbekämpfung ist nicht alternativlos.
Die Repression im Umgang mit dem illegalen Drogenhandel ist gescheitert. Wie das Alkoholverbot in den USA der 1920er Jahre zu Gewalt und einer Professionalisierung der illegalen Ökonomie führte, ist bekannt. Dieser Mechanismus galt und gilt für andere beliebte Drogen nicht anders. In Portugal hat das Zurückfahren der Repression gegen Konsumierende mit Drogengebrauch verbundene Probleme drastisch reduziert.7
Dennoch hält auch diese Bundesregierung ebenso wie die EU in ihrer neuen, noch repressiveren Strategie und dem neuen Action Plan8 an diesem Vorgehen fest. Es stärkt illegale Strukturen und stützt Korruption. Der Krieg gegen Drogen trifft Konsumierende und kleine Dealer, die oft unter prekären Umständen arbeiten. Gleichzeitig wird das Potenzial, legale Lieferketten aufzubauen und Anbauländer vom internationalen Druck zu staatlicher Gewalt, eskalierenden Militäraktionen und dem Einsatz von Umweltvernichtungsmitteln9 zu befreien, ignoriert. Selbst die wiederholten Fachberichte und Handlungsempfehlungen ehemaliger Präsident*innen, die ihre Fehler eingestehen10, scheinen bei den Verantwortlichen der deutschen Drogen- und Suchtpolitik keinen erkennbaren Anklang zu finden.
SupportDontPunish: Global Day of Action
Heute rufen weltweit Aktivist*innen die UN und die Regierungen zu einer Drogenpolitik auf, die sich an Gesundheit und Menschenrechten orientiert. Wir beteiligen uns an der globalen Fotoaktion (#SupportDontPunish) und veranstalten am Abend unser digitales Community-Event. Zudem unterstützen wir den internationalen Aufruf zahlreicher Organisationen zur Abschaffung der Todesstrafe bei Drogendelikten11.
26.06.2026, My Brain My Choice
- https://digitallibrary.un.org/record/258955 ↩︎
- https://mybrainmychoice.de/berichte-drogenpolitik/ ↩︎
- https://mybrainmychoice.de/un-menschenrechtsbeauftragter-zivilgesellschaftliche-erklaerung/ ↩︎
- https://mybrainmychoice.de/berichte-drogenpolitik/ ↩︎
- https://www.ohchr.org/en/documents/thematic-reports/a79177-report-special-rapporteur-right-everyone-enjoyment-highest ↩︎
- https://www.hannapickard.com/uploads/3/1/5/5/31550141/pickard_-_puzzle_of_addiction.pdf ↩︎
- https://transformdrugs.org/blog/drug-decriminalisation-in-portugal-setting-the-record-straight ↩︎
- https://mybrainmychoice.de/offener-brief-eu-drogenstrategie-und-aktionsplan/ ↩︎
- https://idpc.net/publications/2025/11/from-forest-to-dust-socioeconomic-and-environmental-impacts-of-the-prohibition-of-the-coca-and ↩︎
- https://globalcommissionondrugs.org/gcdp-reports/ ↩︎
- Initiiert von Harm Reduction International und Amnesty International. Veröffentlichung am 26.06. im My Brain My Choice Blog; Versand an den Newsletter- und Presseverteiler. ↩︎

26.06.26 Einladung!
Am 26.06. ist Weltdrogentag! Wir laden anlässlich zum Vernetzungsabend ein. Von 19–22 Uhr. Kostenlos. Komm dazu! Wir freuen uns auf dich!
Die Veranstaltung ist Teil des globalen Aktionstags der Zivilgesellschaft, die sich unter dem Aufruf #SupportDontPunish für Harm Reduction und ein Ende der repressiven Drogenpolitik einsetzt.
Über My Brain My Choice
Die My Brain My Choice Initiative ist ein unabhängiges Netzwerk von Personen, die sich ehrenamtlich zusammen für eine Drogenpolitik ohne Strafen und ein Zusammenleben ohne Stigma einsetzen.
Über verschiedene Projekte, Publikationen und Kooperationen wirken wir an den Debatten der politischen Öffentlichkeit und im Gesundheitssystem mit. Die ernsthafte und konsequente Einbindung der drogen‑, stigmatisierungs- und kriminalisierungserfahrenen Zivilgesellschaft in alle Schritte des drogen- und suchtpolitischen Gesetzgebungsprozesses ist uns ein zentrales Anliegen.
Im nächsten Jahr feiert My Brain My Choice sein 10-jähriges Bestehen. Co-Gründerin und Leiterin der Initiative ist Philine Edbauer.
Lobbyregister für die Interessenvertretung gegenüber dem Deutschen Bundestag und der Bundesregierung: Nr. R005927
politik&kommunikation: Jahrbuch „500 politische Interessenvertretungen in Deutschland“
