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Beate Stör: „Die Verbote bringen nichts“

Beate Stör leitet den Elternkreis Leutkirch, eine Selbsthilfegruppe für Eltern suchtkranker Kinder. Seit einigen Jahren schon engagiert sie sich für ein lückenloses, flächendeckendes Hilfesystem und fordert neben der Entkriminalisierung eine sinnvolle legale Regulierung – eben zum Schutz von Abhängigen und zur Entstigmatisierung Angehöriger. Im Frühjahr ist ihr Sohn Bertram an einer Überdosis verstorben. In ihrem Gedicht „Gestrandet“ nimmt sie Abschied – und ruft wiederholt auf, sich für politische und gesellschaftliche Verbesserungen einzusetzen.

Das HIV-​Magazin hat Beate Störs Erfahrungen mit der Suchthilfe und Perspektiven auf die Drogenpolitik kürzlich aufgezeichnet, wo sie sagt:

Es wurden wahrscheinlich noch nie so viel Drogen konsumiert wie heute. Wenn ich im Elternkreis höre, wie sich deren Kinder, viele noch nicht einmal volljährig, mit allem zudröhnen, was sie erwischen – und ich meine damit nicht nur Cannabis und NPS, also die sogenannten Designerdrogen –, dann lässt mich das verzweifeln.

Es wird konsumiert auf Teufel-​komm-​raus, und alle machen die Augen zu. Und doch sind wir Eltern von Drogen konsumierenden Kindern Paradiesvögel in der Selbsthilfegruppen-​Landschaft. Die Gesellschaft muss endlich kapieren, dass dies ein allgemeines Problem ist, und nicht ein Problem von Eltern, die irgendetwas falsch gemacht haben. Das alles macht mich so zornig, aber es treibt mich auch weiter an. Was wir brauchen, ist eine regulierte Abgabe an Volljährige und ausreichend Geld für intensive Prävention und Aufklärung.

Die Verbote bringen nichts, das müssten doch mittlerweile alle gelernt haben. Außerdem muss die Substitution weiter vorangebracht werden. (Zum ganzen Interview: magazin​.hiv)

Beate Stör hat uns als Unterstützerin unserer Kampagne für eine neue Drogenpolitik ihre diesjährige Rede zum Gedenk- und Protesttag für verstorbene Drogengebraucher_​innen zur Verfügung gestellt, aus der wir einige Graphiken erstellt haben. Diese können gern bzw. sollen unbedingt geteilt werden, um auf Bedürfnisse und Perspektiven betroffener Eltern aufmerksam zu machen.

Vielen Dank für jede Unterstützung! Beate Stör kann über uns oder direkt hier kontaktiert werden.


Die Graphiken können in den folgenden Ordnern abgerufen werden. Zum Download in optimaler Qualität jeweils rechts oben auf die drei Punkte klicken und dann auf „Herunterladen“.

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Zur Gedenkfeier 21. Juli 2020:
„Versorgungssicherheit (nicht nur) in Zeiten von Corona“

Zu unserer diesjähringen Gedenkfeier begrüße ich Sie herzlich. Es freut mich sehr, dass Sie sich dafür die Zeit genommen haben. Wir sind heute zusammengekommen um an die Menschen zu denken, die im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln viel zu früh gestorben sind. Personen, die vielleicht noch leben könnten, wenn ihre Lebensbedingungen anders gewesen wären. Genau darum geht es dieses Jahr.

Bundesweit steht deshalb das Thema „Versorgungssicherheit“ im Mittelpunkt. Wohnraum, soziale und medizinische Hilfen müssen ein Menschenrecht sein – ob mit oder ohne CORONA/​Covid 19.

Die Corona-​Pandemie rückt unbeachtetes deutlich in den Vordergrund. Kündigungen, Kurzarbeit machen Wohnungen nicht mehr bezahlbar. Das betrifft Bevölkerungsschichten die angenommen haben, so etwas könnte ihnen nie passieren. Es gibt Berufsgruppen denen die Aufträge aufgrund der Pandemie weggebrochen sind und deshalb seit Monaten kaum Einnahmen haben. Sie alle bangen um ihre Existenz. Wir lesen und hören es doch jeden Tag in den Medien. Es ist richtig und wichtig, dass diese Probleme in den Fokus gerückt werden. Dabei werden aber gerade die vergessen, die am schwersten davon betroffen sind. Das sind die Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft zu finden sind.

Viele von ihnen sind obdachlos oder wohnen in unzumutbaren Verhältnissen. Auch bei uns. Unser soziales Netz ist noch nicht engmaschig genug.

Ohne Wohnung, ohne Krankenversicherungsschutz fristen sie ein menschen-​unwürdiges Dasein. Zu all dem noch täglich Diskriminierungen ausgesetzt, von der Gesellschaft verachtet und ausgegrenzt. Was besonders erschreckende ist, auch Jugendliche, halbe Kinder leben auf der Straße! Das können und wollen wir uns gar nicht vorstellen. Bereits vor dem Ausbruch der Pandemie war es für Suchtkranke schwierig über die Runden zu kommen. In Zeiten der Corona-​Krise wurde die Lage prekärer. Mehrfach habe ich gelesen: „Die Pandemie ist wie ein Brennglas, unter dem die gesellschaftlichen wichtigen Aufgaben, die sonst fast im Verborgenen wirken, deutlich hervortreten. Die Sucht und Drogenhilfe gehört dazu. “ Dieser Aussage können wir nur zustimmen. Hilfsangebote brachen durch die Beschränkungen weg, oder wurden auf ein Minimum reduziert. Niederschwellige Angebote anzunehmen war nicht mehr möglich. Inzwischen wurden Beschränkungen teilweise aufgehoben, Beratungsstellen öffnen nach und nach wieder. Und Gott sei Dank dürfen sich Selbsthilfegruppen wieder treffen. Soweit so gut, oder eben auch nicht!

Die Probleme bleiben jedoch weiter bestehen. Soziale und medizinische Hilfen sind einfach zu wenig. Da hat ein junger Mann mit Erfolg eine Therapie absolviert, oder seine Gefängnisstrafe abgesessen, wird entlassen und dann? Vorausgesetzt er findet mit seiner Vorgeschichte überhaupt einen Arbeitsplatz, ist er doch nicht in der Lage einen Achtstundenarbeitstag zu überstehen! Hilfsprogramme zur Wiedereingliederung von Suchtkranken gibt es viel zu wenig. Da hilft auch nicht, dass es das Teilhabegesetz gibt, wenn diese Menschen keine Möglichkeit zur Integration bekommen. Dabei wissen wir alle, wie wichtig die Arbeit für Menschen gerade mit einer Behinderung ist. Und die Suchterkrankung ist eine anerkannte Behinderung! Bezahlbaren Wohnraum zu finden ist für sie nahezu unmöglich. Das schafft für sie eine Endlosschleife, keine Wohnung – kein Arbeitsplatz und umgekehrt. Plätze im betreuten Wohnen sind extrem rar.

Die Substitution ist nach wie vor ein großes Thema. Zwar tut sich etwas. Wir hören vom Pakt für Substitution bei uns in Baden-​Württemberg, es gibt das 6Eckpunktepapier für Menschen in Haft – auch da hat sich etwas bewegt. Dazu kam auch noch das 10-​Eckpunkte-​Papier, die Initiative Substitution opioidabhängiger Patienten zur Lösung der Versorgungskrise. Allerdings die Umsetzung dieser Vorschläge dauert. Substitutionsärzte brechen aus Altersgründen weg. Zu wenige jüngere Ärzte wollen sich mit der Suchthilfe beschäftigen. Es ist notwendig die Behandlung Suchtkranker aus dieser Ecke der „Unberührbaren“ rauszuholen. Die Kriminalisierung trägt sicher hier nicht dazu bei, dass sich mehr Ärzte für die Arbeit mit Suchtkranken bereit erklären. Abhängigkeitskranke Menschen sind keine Aussätzigen und wollen und brauchen eine Behandlung auf Augenhöhe. Auch für sie gelten Grundgesetz und die Menschenwürde.

Den ursprünglichen Anlass für diesen Gedenktag will ich abschließend hervorheben. Im vergangenen Jahr sind im gesamten Bundesgebiet 1398 Menschen an den Folgen oder im Zusammenhang mit Drogenkonsum gestorben. In Baden-​Württemberg ist die Zahl der Drogentoten von 121 auf 145 gestiegen. Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Konstanz waren es 10 und im Kreis Ravensburg 6 Personen die ihr Leben verloren haben.

Wie viele es im Jahr 2020 sein werden, kann man nicht vorhersagen.
Gewiss ist, mein Sohn Bertram wird Teil dieser nächsten Statistik sein.
Er hat am 15. Februar seinen Kampf mit der Sucht verloren.

Es wurden wahrscheinlich noch nie so viele Drogen konsumiert wie heute. Wenn ich im Elternkreis höre, wie sich deren Kinder, viele noch nicht einmal volljährig, mit allem zu dröhnen, was sie erwischen – und ich meine damit nicht nur Cannabis, sondern auch die besonders gefährlichen todbringenden synthetischen Drogen, dann lässt mich das fast verzweifeln. Es wird konsumiert auf Teufel-​komm-​raus, und alle machen die Augen zu. Die Eltern finden erst den Weg zu uns, wenn sie am Boden zerstört sind und sich keinen Rat mehr wissen. Weshalb nur sind wir Eltern von Drogen konsumierenden Söhnen und Töchtern Paradiesvögel in der Selbsthilfegruppen-​Landschaft? Dabei könnte der Elternkreis locker die Festhalle füllen, wenn all diese Eltern deren Kinder bereits Kontakt mit illegalen Drogen hatten, zu uns in die Selbsthilfegruppe kämen. Die Gesellschaft muss endlich kapieren, dass dies ein allgemeines gesellschaftliches Problem ist und nicht ein Problem einzelner Eltern, die in ihrer Erziehung irgendetwas falsch gemacht haben! Es wäre so dringend, die betroffenen Eltern nicht zu verdammen, sondern sie zu ermutigen sich so früh wie möglich Hilfe zu holen. Auch hier ist die Kriminalisierung eher ein Hindernis als eine Hilfe.

Die Verbote bringen nichts, das müssten doch mittlerweile alle gelernt haben. Wenn Jugendliche immer mehr und vor allem immer früher mit Drogen experimentieren, sich ausprobieren, dann geht uns teilweise eine Generation an den Folgeerkrankungen verloren!
Was Not tut sind intensive Prävention und Aufklärung. Es gibt gute Beispiele in anderen Ländern. Was hindert uns daran diese Konzepte zu übernehmen?

Wir leben in einer Ellenbogengesellschaft, nur der Stärkere erreicht das Ziel. Die Schwächeren bleiben häufig auf der Strecke. Und es sind eben meistens diese Menschen, die in der Sucht „hängen“ bleiben. Sie abzuwerten und auszugrenzen ist bestimmt nicht der richtige Weg. Gerade die Pandemie hat uns doch aufgezeigt wie sehr wir uns gegenseitig brauchen. Eine Welle der Hilfsbereitschaft ging durch unser Land. Es war eine Freude zu sehen, wie kreativ die Bevölkerung reagiert hat und völlig unbürokratisch ehrenamtlich Dienste am Nächsten übernommen haben. Klammern wir die Menschen die in einer Abhängigkeit gefangen sind nicht aus, sondern sehen wir sie gleichfalls als Menschen an mit all den Bedürfnissen die Sie und ich ebenfalls haben.

Mit den Worten von Heather Brook aus Australien komme ich zum Ende: „Wo Leben ist, da ist Hoffnung – und unser erstes Ziel in der Drogenpolitik sollte darin bestehen, diese Hoffnung am Leben zu erhalten, indem wir die Abhängigen am Leben halten!“